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Ein Clown im Kriegsgebiet: Yann Costa zaubert Flüchtlingskindern im Libanon ein Lächeln ins Gesicht

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Wenn Yann Costa als Clown mit seinem Teddybär quer durch den Libanon tourt, zaubert er syrischen und palästinensischen Flüchtlingskindern ein Lächeln aufs Gesicht.

Zugegeben, auch für Europa wäre es ziemlich ungewöhnlich, einen Mann im Clownskostüm und Teddybär im Arm mit einem Einrad durch die Stadt fahren zu sehen. Doch überträgt man diese Szene auf eine Stadt wie Beirut, in der Panzer und Soldaten zum alltäglichen Stadtbild gehören, wirkt das Ganze noch absurder.

Denn wenn Yann Costa zur Arbeit fährt, wissen die Libanesen nicht, was sie komischer finden sollen, die Tatsache dass er sich überhaupt auf nur einem Rad fortbewegt oder dass er dabei gekleidet ist wie Charlie Chaplin als "The Tramp".

Auf jeden Fall sorgt seine Erscheinung für viel Furore und endet stets in einem Blitzlichtgewitter und zahlreichen Selfies.

Dabei ist Yann eigentlich auf Mission.

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Anders als die zahlreichen NGOs, die sich im Libanon für Flüchtlinge einsetzen und dabei primär humanitäre Ziele wie Gesundheit und Ernährung anpeilen, konzentriert er sich auf die Erfüllung eines eher unscheinbaren, aber dennoch sehr grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisses: Lachen.

Das lachen Wunder bewirken kann, davon ist er als professioneller Bühnenartist mit jahrelanger Erfahrung zutiefst überzeugt. Doch in Zeiten der Not ist der Effekt anscheinend doppelt so groß. Er erscheint als Geheimwaffe gegen den Kummer der Flüchtlingskinder, der sie zumindest für eine kurze Zeit ihr traumatisches Leid vergessen lässt.

"Jeder sollte das tun was er am besten kann, um zu helfen. Ärzte leisten medizinische Hilfe, Lehrer arbeiten in Schulen und ich bin nun mal Clown. Ich setze mein Talent ein, um Menschen zum Lachen zu bringen"

Yann und ich wohnen im selben Haus in Beirut. Eines Abends fällt mir der junge Mann auf der Veranda auf, der dort mit einem Teddybär sitzt und an einem Comic zeichnet. Neben ihm parkt ein Einrad.

Ich frage ihn, was er dort kritzeln würde. Daraufhin zeigt er mir Zeichnungen von einem Clown, der vor Kindern jongliert.

Wir kommen ins Gespräch. "Das bin ich bei der Arbeit", erklärt mir Yann, der ursprünglich aus Frankreich kommt. Er berichtet davon, wie er jahrelang in Mexiko als Straßenkünstler und Zirkusclown seinen Unterhalt verdiente.

Motiviert durch die jüngste Flüchtlingskrise im Nahen Osten, beschloss er sein Talent als Artist einzusetzen, um den Kindern in den Krisengebieten eine Freude zu bereiten. So kam er in den Libanon und gibt seit April 2017 Shows in Tripoli und Beirut.

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"Das Lachen der Kinder gibt ihren Eltern Kraft"

"Es sind nicht nur die Kinder, die sich freuen", erklärt Yann.

"Wenn ich auf der Bühne stehe, versuche ich durch meine Witze alle miteinander zu vereinen. Lehrer, Betreuer, Eltern und Kinder lachen herzhaft - alle zusammen. Und genau darum geht es. Für einen kurzen Moment alles zu verdrängen. Erinnerungen, Zukunftsängste und all die sonstige Schwere, die diese Menschen mit sich tragen. Die Kinder lachen zu sehen tut den Eltern gut und gibt ihnen Kraft."

Mehr zum Thema: "Flüchtlingskinder haben dieselben Träume wie wir"

Ob ich mal bei einer der Shows dabei sein darf, frage ich ihn. Und er lädt mich ein, ihn in ein palästinensisches Flüchtlingscamp zu begleiten, wo er, mit organisatorischer Hilfe einer italienischen NGO, eine Show im dortigen Kindergarten geben wird.

Zwei Millionen Syrer leben heute im Libanon, die Population hat sich um die Hälfte vermehrt!

Hintergrund: Seit Beginn der Syrienkrise 2011 ist der Libanon die erste Anlaufstelle der Flüchtlinge. Schätzungen zufolge wurden bis heute etwa zwei Millionen Syrer aufgenommen. Und das bei gerade einmal vier Millionen Libanesen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich auch die Integration dieser Menschen.

Der Libanon diente bereits seit Beginn des Nahost-Konflikts als Zufluchtsort für palästinensische Flüchtlinge. Sie leben in Camps - und das seit mittlerweile über 70 Jahren. Den ohnehin schon politisch instabilen Libanon trifft diese zweite Flüchtlingswelle also sehr hart.

Der kleine Staat, der sich noch immer von seinem eigenen Bürgerkrieg (1975-1990) erholen muss, ist mit dieser Herausforderung allein gelassen. Ein Mangel an struktureller und finanzieller Kapazitäten zwingt zu Notlösungen.

So wird beispielsweise der Unterricht an Schulen in Schichten unterteilt, vormittags werden libanesische Schüler unterrichtet, nachmittags die Flüchtlingskinder.

Ein Staat in einem Staat: Palästinensische Camps im Libanon werden von Palästinensern selbst regiert

Inmitten dieses Chaoses findet sich also also Yann Costa der Clown wieder. Einige Wochen nach unserem ersten Gespräch treffe ich mich mit ihm im südlichen Bezirk Dahiye, Heimat des palästinensischen Flüchtlingscamps Shatila.

Das Camp besteht in seiner jetzigen Form bereits seit den vierziger Jahren.

Bis vor Kurzem lebten hier noch etwa 10.000 Menschen. Doch seit Ausbruch des Krieges im Nachbarland ist schätzungsweise eine gleiche Anzahl an neuen Flüchtlingen hinzugezogen.

Jetzt wohnen hier Palästinenser, syrische Flüchtlinge und Palästinenser aus Syrien, die dort bereits vorher in Camps gewohnt haben und erneut fliehen mussten. Das Camp liegt unter administrativer Kontrolle der Palästinenser - ein Staat in einem Staat.

Libanesische Polizei und Militär gibt es hier nicht.

Im Camp Shatila sieht man noch die Einschusslöcher an den Wänden

Yann und ich machen uns auf den Weg zum "Beit Atfal Assumoud"-Kindergarten. Der ganze Komplex des Camps besteht aus alten Gebäuden, die sehr eng nebeneinander gebaut wurden und von denen die Hälfte aussieht, als stünden sie kurz vor dem Zerfall.

Mehr zum Thema: "Ich lasse mir meine Zukunft nicht zerbomben" - wie eine syrische Studentin ihre Heimat retten will

An den Wänden finden sich etliche Einschusslöcher, Überbleibsel aus dem Bürgerkrieg. Wir laufen durch schmale Gassen zwischen die Wohnhäuser hindurch. So schmal, wenn ich meine Arme ausstrecken würde, ich auf beiden Seiten die Wände berühre. Auf dem Weg durchlaufen wir noch den Markt des Camps.

Der Geruch von Fäkalien liegt in der Luft und das vergammelte Essen an den Ständen wird umkreist von Fliegen. Ratten gibt es auch. Uns kommt eine Gruppe junger Männer entgegen, die einen Sarg auf Ihren Schultern trägt.

"Lang lebe Palästina", rufen sie und verschwinden daraufhin wieder in eine der Gassen. Yann fährt die ganze Strecke auf seinem Einrad, was dazu führt, dass uns das halbe Camp hinterherläuft um Fotos zu schießen.

Die schulische Ausbildung der Kinder leitet die UN, viele von Ihnen brechen nach drei Jahren ab.

Angekommen am Kindergarten bereitet Yann erstmal seine Bühne vor. Währenddessen erklärt mir Giorgio Lentini (Englischlehrer von der NGO "Education Without Borders'') das Bildungssystem der Camps. Die Schulische Ausbildung wird von den den Vereinten Nationen (UN) geleitet.

Wenn die Kinder in die Schule kommen wird bereits erwartet, dass sie bereits fließend lesen und schreiben können. Hier kommen die Kindergärten ins Spiel, die mit Hilfe von ausländischen NGOs die Kinder bereits früh auf die Schule vorbereiten.

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"Die jungen Jahre sind die wichtigsten, weil die Kinder ihre Perspektivlosigkeit noch nicht verstehen."

"Im Kindergarten von Shatila, sind alle gemischt. Wir unterrichten palästinensische, syrische und sogar libanesische Kinder aus verarmten Familien. Am schwersten haben es jedoch die jungen Palästinenser. Auch wenn sie nach dem Kindergarten die Schulen der UN besuchen, brechen die meisten von Ihnen bereits nach drei Jahren wieder ab, um zu arbeiten.

Perspektivlosigkeit ist hier das größte Problem, denn die Palästinenser (sowie viele Syrer) dürfen das Camp niemals verlassen. Jetzt sind sie noch zu jung, um es zu verstehen. Doch die traurige Realität ist, dass dort draußen nicht viel auf sie wartet. Genau deshalb ist es wichtig, dass sie ihre jungen Jahre noch genießen können. Und deshalb sind wir sehr dankbar über Menschen wie Yann, die hierher kommen und den Kindern eine Freude bereiten."

Eine Show ohne Stimme - Yann spricht kein einziges Wort auf der Bühne

Beginn der Show. Die Kinder versammeln sich im Saal und warten gespannt auf den Clown. Weil es sich um solch eine seltene Attraktion handelt, wurden auch die Mütter zur Aufführung eingeladen. Yann springt auf die Bühne.

Er jongliert, führt Zaubertricks vor und involviert dabei immer seinen Teddybär Osito. Dann holt er aus seiner Tasche ein Klebeband, läuft durch das Publikum und befestigt das Band an den Kindern. So klebt er sie alle zusammen, dann geht er wieder auf die Bühne und heftet sich den Anfang und das Ende des Bandes an sein Herz.

Symbolischer geht es wohl kaum.

Es folgen eine Menge weiterer Tricks und Missgeschicke, die die Menge zum Lachen bringt. Er stopft sich zwei Luftballons ins Gesäß. Die Kinder toben vor Freude. Und tatsächlich merke ich wie sich ihr Lachen auf uns Erwachsene überträgt. Gesprochen hat Yann während der gesamten Show übrigens kein einziges Wort.

Dennoch gab es keinerlei Probleme, was die Kommunikation zwischen dem Clown und den Kindern anging.

Die Flüchtlinge brauchen Hoffnung - Lachen ist die größte Quelle dafür

"Was ich mit den Kindern und ihren Eltern mache, ist Therapie für die Seele", erklärt er mir nach der Vorführung. "Hoffnung und Positivität, das brauchen die Menschen hier am meisten. Das Licht am Ende des Tunnels."

Und genau dieses Licht lässt Yann für einen kurzen Moment bei allen aufflackern, wenn er sie zum Lachen bringt. Die NGO-Mitarbeiter und Kindergärtner bedanken sich. Wir verabschieden uns von den Kindern und den Müttern.

Yann schwingt auf sein Einrad und fährt los. Ich laufe ihm hinterher, quer durch das Camp. Am Abend treffe ich ihn auf der Veranda, wie er den heutigen Tag in seinen Comic verewigt. Er muss am nächsten Tag früh aufstehen, denn er fährt nach Tripoli. Dort warten in einem Flüchtlingslager 100 Kinder aus Syrien auf seine Clown-Show.

Ein wenig surreal erschien mir das ganze Schon. Ein Clown, Mitte 30, der nahe eines Kriegsgebietes im Einrad durch die Stadt fährt, einen Teddybär im Arm hält, in Flüchtlingslagern jongliert und das Ganze auch noch jeden Abend in Form von Zeichnungen dokumentiert.

Das ganze schien wie aus einem Roman, dabei ist Yann keineswegs ein fiktiver Charakter. Es gibt Menschen, die ihr gesamtes Dasein dem Wohl der Gemeinschaft schenken. Einige sind dabei sehr kreativ.

Und vielleicht ist die Arbeit des Clowns, neben all der anderen Energie, die tagtäglich in diese Problematik gesteckt wird, eines der wenigen mit einer spürbaren Wirkung. Denn das Lächeln auf den Gesichtern der Kinder ist real - auch wenn es nur für einen kurzen Moment aufleuchtet, erhellt es den ganzen Raum und lässt uns alles vergessen.

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(mf)