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Karsten Lohmeyer

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Steinigt mich, ich schreibe für die Huffington Post!

Veröffentlicht: 15/10/2013 17:44

Ob mich für diesen Text die Kollegen im Internet steinigen werden? Es steht zu befürchten. Wochenlang haben die Journalisten in Deutschland heftig darüber diskutiert: Darf, kann, soll oder muss man sogar für die Huffington Post Deutschland schreiben? Viele sagten kategorisch nein. Denn selbst wenn man ausgebildeter Journalist ist und mit seiner journalistischen Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, zahlt die Huffington Post nichts.

Nada.

Keinen Lousy Penny.

Und das obwohl hinter der Huffington Post Deutschland kein kleines Hinterhof-Start-up ohne Geld, sondern die gut verdienende Tomorrow Focus AG und damit auch der große, vermögende Burda Verlag steht.

Auch wir von lousypennies.de haben uns an der Diskussion beteiligt und immer für das Abwarten plädiert: Mal sehen, ob die Huffington Post ihr Reichweiten-Versprechen einlöst, ob sie es journalistischen Bloggern wie mir ermöglicht, ein größeres Publikum zu erreichen - und so vielleicht „über Bande" doch wieder ein paar Lousy Pennies mit ihrer Arbeit zu erlösen.

Warum setze ich mich jetzt also hin und schreibe dennoch gleich zum Start der Huffington Post diesen Beitrag? Zum einen, weil es eine Art Gegengeschäft ist: Sebastian Matthes, Chefredakteur der Huffington Post, hat - wie übrigens viele anderen Journalistenkollegen vor und nach ihm - einen kostenlosen Beitrag für unser Blog LousyPennies.de verfasst. Da gebietet es schon der Anstand, mich zu revanchieren.

Vor allem aber tue ich dies, weil ich die Huffington Post für eines der spannendsten Medienprojekte der aktuellen Zeit halte. Vielleicht sogar der letzten zehn Jahre. Für mich ist sie die Speerspitze eines neuen Journalismus, den man nicht gut finden muss, der aber die nächsten Jahre unseres Berufstandes prägen wird. Die Huffington Post steht aus meiner Sicht für eine Art Journalismus 3.0, der sich losgelöst hat von einem Denken, das in den vergangenen Jahren selbst im Internet noch von den eingefahrenen Print-Automatismen geprägt war. Und es heute in weiten Teilen noch ist.

Wir werden gerade Zeuge eines technologischen Wandels, der aber nicht wie oft befürchtet, den Journalismus und die Werte für die er steht, pulverisiert. Sondern allein und einzig die Art und Weise, wie wir Journalisten unsere Inhalte vermitteln. Eine Zeit, wo man eben auch als professioneller Schreiber einmal bereit sein sollte, einen kostenlosen Gastbeitrag zu verfassen, wenn man darin einen persönlichen Nutzen sieht. Eine Zeit, in der jeder, der etwas zu sagen hat, es auch kann. In eigenen Blogs. Auf Facebook. Auf Twitter. Oder eben jetzt auch in der Huffington Post.

Es ist eine Zeit, in der Journalisten wie Arianna Huffington zu Marken werden und ihre eigene Leserschaft aufbauen. Eine Zeit, in der Internet-Milliardäre wie Jeff Bezos traditionelle Medien wie die „Washington Post" mit ein paar Lousy Pennies aus der Portokasse kaufen, Unternehmen wie der Axel Springer Verlag ihr klassisches Zeitungs- und Zeitschriftengeschäft abstoßen, Verlage wie Gruner und Jahr sich als „Inhaltehaus" positionieren und es Burda mittelbar über die Tomorrow-Focus AG mit der Huffington Post versucht.

Sie wird, davon bin ich überzeugt, die erste richtige Medienmarke in Deutschland sein, die sich bei einer Zielgruppe etabliert, der es nicht mehr wichtig ist, dass Online-Angebote so traditionelle Mediennamen wie Spiegel, Focus, Zeit oder Süddeutsche tragen.

Dabei haben wir herkömmlich sozialisierten Print-Journalisten die Wahl: Wollen wir staunend und ungläubig zuschauen, wie das klassische Werte- und Koordinatensystem unseres Berufsstandes hinweggefegt wird? Oder wollen wir Teil des Wandels sein und ihn vielleicht ein bisschen mitprägen?

Natürlich wünsche ich mir manchmal die gute alte Zeit zurück, als Journalisten noch das alleinige Informationsmonopol hatten. Als die Verlage als „Gatekeeper" den Informationsfluss zwischen Politikern, Unternehmen, Interessengruppen und Bürgern kontrollierten. Als man sich nicht wirklich um eine Zweiwege-Kommunikation mit seinen Lesern kümmern musste und jeder Shitstorm in der Poststelle des Verlags endete. Und vor allem als die Jobs noch sicher und gut bezahlt waren.

Wie aber sieht er nun konkret aus, der neue Journalismus? Ist es die Huffington Post? Reddit? Oder vielleicht BuzzFeed? Ich weiß es nicht. Es wäre auch töricht, zu behaupten, dass ich es wüsste. Aber ich möchte es gerne herausfinden. Und das am besten durch Ausprobieren und Experimentieren. „Wir werfen ein paar Bälle an die Decke und schauen, welche oben kleben bleiben", sagte vor kurzem Jochen Wegner bei einer Tagung des Deutschen Journalistenverbandes. Ein schönes Bild. „Ich höre höflich weg, wenn Journalisten anderen Journalisten das Internet erklären", sagte der Chefredakteur von Zeit-Online außerdem. Er höre erst hin, wenn es ihm seine Mutter oder ein Kind erklärten.

Für mich hat das eine klare Botschaft: Wir Journalisten brauchen mehr Freude an den Experimenten. Mehr Staunen. Mehr große Augen. Mehr Offenheit und manchmal pure Naivität und Kreativität im Umgang mit dem Internet. Wenn uns die Verlage dabei unterstützen - schön. Wenn nicht, dann machen wir eben unser eigenes Ding, so wie es Arianna Huffington vor wenigen Jahren gemacht hat. Wenn uns AOL dafür mehrere Millionen Dollar überweist - wunderbar. Und wenn uns die Huffington Post die Gelegenheit gibt, solche Gedanken an eine größere Zielgruppe zu tragen, dann nutzen wir die Chance. Oder eben nicht.

Ob ich später wieder kostenlos für die Huffington Post schreiben werde? Das hängt davon ab, was dieser Artikel bewirkt. Kriege ich etwa ein Angebot für eine bezahlte Kolumne? Vielleicht einen Beraterjob? Einen weiteren Lehrauftrag? Ich mache übrigens auch klassische Print-Zeitschriften...

Ich bin gespannt. Bis dahin, bettle ich bei Ihnen um die einzige und auch ehrlichste Bezahlung, die ich für diesen Artikel erhalten werde: Folgen Sie mir auf Twitter unter @lousypennies oder auf Facebook unter www.facebook.com/lousypennies.

 
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