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Ich habe oft das Gefühl, ich muss mich für meine Berufswahl rechtfertigen - weil ich eine Frau bin

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ENGINEER FEMALE
yoh4nn via Getty Images
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Ich liebe meinen Job und mache jeden Tag das, was mir Spaß macht. Wie sehr viele andere in Deutschland habe ich studiert. Doch jetzt muss ich mich oft für meinen Beruf rechtfertigen. Weil ich eine Frau bin.

Ich bin Diplom-Ingenieurin und habe Optotechnik und Bildverarbeitung studiert. Das Studium befasst sich mit der Verarbeitung von Daten, die durch optische Messverfahren bestimmt werden, zum Beispiel bei kamerabasierten Fahrassistenzsystemen.

Technik und Elektronik haben mich schon früh gefesselt. Mein Vater hat erst eine Lehre als Automechaniker gemacht, später dann Maschinenbau studiert. Und wir Kinder waren immer dabei, wenn er wieder etwas gebastelt hat. Wir mussten dann zum Beispiel immer die Sicherung rein- und rausdrehen - als wir so klein waren, dass wir noch nicht einmal wussten, was eine Sicherung ist. So kam ich früh mit Naturwissenschaften in Berührung. Ab der Mittelstufe war klar, dass ich so etwas beruflich machen wollte.

Nach meinem Abitur habe ich in Darmstadt studiert. Während des Studiums hatten wir auch Fächer wie Mathe oder Physik, mit den "normalen" Mathe- und Physik-Studenten, auch einige Studentinnen waren dabei.

Ich war die einzige Frau

In den Spezialfächern wie Photonik lag der Männeranteil in meinem Studiengang aber bei rund 90 Prozent. Von zehn Studenten, die den Abschluss gemacht haben, war ich die einzige Frau.

In meinem Studiengang war das Verhältnis sehr familiär: Die Professoren haben uns unterstützt, wir Kommilitonen haben zusammengehalten. Konkurrenzkämpfe oder das Gefühl, aufgrund meines Geschlechts nicht ernstgenommen zu werden, gab es nicht.

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Das galt aber nicht für die Mitstudenten aus den anderen Studiengängen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Satz "Du hast doch einen Frauenbonus" gehört habe. Zum Beispiel gab es auch Studenten, die mir unterstellten, ich hätte gute Noten in mündlichen Prüfungen nur bekommen, weil ich geweint hätte.

Im Job war es dann zum großen Teil kein Problem, recht allein unter Männern zu sein. Die meisten Kollegen gehen sehr professionell damit um. Ich habe direkt nach dem Studium bei einem Dienstleister, der unter anderem BMW zu seinen Kunden zählt, angefangen zu arbeiten. In der Entwicklung der Fahrerassistenzsysteme, wo ich gearbeitet habe, waren Frauen deutlich in der Unterzahl.

In die Assistentinnenschublade gesteckt

Einzige Ausnahme: die Chefetage. Denn dort hatte jeder Manager eine Assistentin. Wenn ich über diesen Flügel des Gebäudes gelaufen bin, haben mich Besucher auch sofort in die Assistentinnenschublade gesteckt - die kamen gar nicht auf die Idee, dass eine Frau auch etwas anderes sein kann, als die Helferin eines Mannes zu sein.

Manchmal haben mir Männer auch im Job das Leben schwer gemacht - und ich vermute, das lag daran, weil ich eine Frau bin.

Ein früherer Kollege zum Beispiel. Der hat viele sexistische Witzchen gerissen, mich immer unterschwellig angemacht. Er wollte zum Beispiel nach einer Probefahrt das Auto mit mir waschen - und fragte mich, ob ich meinen Bikini dabei hätte. Das war sehr unangenehm. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass das kein respektvoller Umgang unter Kollegen ist und es gewisse Verhaltensregeln im Sinne der Gleichberechtigung gibt.

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Trotz allem arbeite ich lieber mit vielen Männern als mit vielen Frauen. In meinem privaten Umfeld finde ich den Umgang mit vielen Frauen oft schwieriger - es werden einfach viele Kleinigkeiten aufgebauscht.

Natürlich, ich habe ein dickeres Fell bekommen, weil ich hauptsächlich mit Männern arbeite. Ich lache einfach bei den dümmsten Witzen mit - und begebe mich auf das Niveau der Männer, das die in der Gruppe oft haben. Dann funktioniert das sehr gut.

Einem Mann würden sie so etwas niemals sagen

Wenn ich nicht im Büro, sondern in Bars unterwegs bin, sieht es ganz anders aus. Die meisten Männer sind fast schon fasziniert und fragen mich, wie ich denn auf diesen Beruf gekommen sei.

Und sie bewundern, was ich geschafft habe - also ehrlich, zu einem Mann würden sie sowas niemals sagen. Als wäre es eine besondere Leistung, ausgerechnet als Frau dieses Studium geschafft zu haben.

Viele sagen auch: "Dann bist du auch noch hübsch." Als müsste sich das ausschließen.

Ich habe oft das Gefühl, dass ich mich für meine Berufswahl rechtfertigen muss. Wenn ich Männer beim Ausgehen raten lasse, was ich beruflich mache, kommen tatsächlich Berufe aus der männlichen Traumvorstellung: Stewardess, Krankenschwester, Lehrerin.

Das zeigt mir, dass sich in den Köpfen sehr vieler Männer etwas bewegen muss, wenn wir wirklich Gleichberechtigung wollen.

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(ll)