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Tango Argentino ist wie eine Straße

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je weiter ich gehe, umso weiter komme ich ...


Sagt Zuwanderer Dobri Gjurkov, der seit Jahren uns Deutsche mit Tangounterricht bereichert.
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Foto: Street-Tango in Dublin

Ein Interview anlässlich des gerade in Berlin angelaufenen Kinofilms über die Berliner Tango-Szene: "TANGO-PASION".

K.: Herr Gjurkov, Sie sind seit 20 Jahren als Lehrer in der norddeutschen Tango-Szene aktiv, welchen Eindruck macht der aktuelle Film auf Sie?

G.: Dem Trailer nach zu beurteilen ( verwegen schicke postmoderne Bilder, rote Kleider, Unterwäsche, „Erotik", Video Clip Ästhetik, Klischee Bedienung ) - warum soll dies irgendetwas in Bezug auf Tango auslösen? Tango ist erfunden worden von den frierenden und hungernden, hat also Herz und gesunden Menschenverstand - was hat dies mit unserem gelangweilten Großstadt-Yuppietum, mit unseren gut betuchten Mittelklasse-Frührentnern zu tun?

K.: Wird der Film einen neuen Hype auslösen und neue Tangoschüler in die Tanzschulen spülen?

G.: Ich rate jedem der sich überlegt, Tango zu tanzen oder nicht, erst ein Dutzend Tango Texte, z.B. aus dem Web, zu lesen, sich zu fragen, ob er sich da wiederfindet, ob ihn ein Tango zum weinen und lachen bringen kann, wenn ja - dann nur zu ...

K.: In den Medien liest man, dass ca. 300.000 Berlinerinnen und Berliner Tango tanzen, ist diese Zahl realistisch?

G.: Ich kann mir gut vorstellen dass in Berlin 300.000 Menschen Erfahrungen mit Tango gemacht haben, allerdings sind "Tango Tänzer" nicht gleich Tango Tänzer (siehe oben)

K.: Welchen Rat hätten Sie für Kinobegeisterte, die nun auch Tango lernen möchten?

G.: Tango ist wie das Leben - Improvisation. Wer sich lieber hinter seinen Masken, Eitelkeiten und Statussymbolen versteckt, wer Angst davor hat, durchschaubar für seine Umwelt zu werden, Nähe zuzulassen - der sollte es lieber sein lassen.
Tango ist nicht „in", „chic", „sexy" oder „cool" - Tango ist unermesslich in seiner Tiefe und lebenslang begehbar in seinen Wegen.
Die höchste Stufe der Zweisamkeit und Verschmelzung im Tango ist nicht die mit dem / der Tanzpartnerin, sondern mit der Musik, wenn die Tanzenden vergessen, dass sie miteinander tanzen, wen wir zu einem Wesen werden, das von der Musik getragen wird.
Wenn wir uns in eine Säule verwandeln, die Himmel und Erde verbindet ... nicht der Tango braucht uns, wir brauchen den Tango. Tango Argentino ist ein Tanz des Herzens

K.: Vielen Dank für das Interview

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Foto: Tango ist inzwischen überall gegenwärtig, z.B. in der Fußgängerzone Dublins

Zur Person

Dobri Gjurkov ist Jahrgang 1963, geboren in Bulgarien, lebt und lehrt Tango Argentino in Elmshorn und gibt Kurse und Workshops in Norddeutschland. Sein Website-Aufmacher: "FÜR TRAUM- UND ANDERE TÄNZER" verspricht Reibungspunkte.

Dobri Gjurkov erklärt sein Verständnis von Tango so: ... wir haben ja die vier verschiedenen Tangos, Standard-Tango, Show-Tango, Argentinischen Tango und Finnischen Tango. Der Argentinische Tango ist der älteste Tango, so seit 1880 und präsent bis heute. Er war in den 60ern fast verschwunden, als die US-Amerikaner mit ihrem Rock "n" Roll in Argentinien einmarschierten, um mir ihrer eigenen Musik auf diesem riesigen südamerikanischen Markt Geld zu verdienen, sogar Tangoaufnahmen aufkauften, um sie zu vernichten. Hingegen Japaner kauften Tangoaufnahmen, um sie zu bewahren. In Argentinien verkroch sich der Tango irgendwo hin. Eine Folge davon war, dass sich Tango-Shows entwickelten und etablierten. Das ergab sich daraus, dass die Männer, die seit ihrer Kindheit auf Milongas groß geworden waren, nun als Erwachsene kaum Möglichkeiten sahen, Tango Argentino zu praktizieren. Männer wie Claudio Segovia und Héctor Orezzoli sagten sich, lass uns das ganze mal etwas extrovertierter gestalten. Herausragend war dann Juan Carlos Copes, der heute als Erfinder des Show-Tangos gilt. Da zu der Zeit das internationale Publikum keine Ahnung von Tango hatte, kam Show-Tango gut an.

Jedoch ist dies etwas völlig anderes, als Tango de Salon. Die gravierenden Unterschiede, beim Show-Tango gibt es Platz ohne Ende, die tanzenden müssen mit dem Gesicht möglichst die ganze Zeit zum Publikum schauen. Beim Tango de Salon hat das Paar wenig Platz, ist möglichst die ganze Zeit bei sich. Und somit ist es eine ganz andere Art zu tanzen. Auch der bestens getanzte Tango Argentino auf einer Bühne ist etwas ganz anderes, als ein auf einer Milonga getanzter Tango.

Als der Show-Tango auf seine Welttournee 1986 nach Paris und danach auch nach Berlin kam, blühte die Nachfrage nach Tango Argentino auf. Die Berliner saßen in den Shows, haben heimlich gefilmt, was da auf der Bühne passierte, versuchten anschließend zu hause, nachzuahmen, was sie gesehen hatten.

Zu den ersten Gastlehrern am Anfang des Tangobooms in Deutschland gehörte Antonio Todaro. Er war befreundet mit Raul Bravo, Jahrgang 1934. Während Raul Bravo die Tangoschule in Argentinien weiter betrieb, kam Antonio Todaro nach Berlin, um dort seine ersten Schüler auszubilden. Daraus entstanden die deutschen Estudios, wie auch das von Axel in Kiel. Bis heute hat sich dieser Stil nicht wirklich zu Tango entwickelt, was mit daran liegt, dass ein Tanzstil sich auf einer Milonga entwickelt, was wiederum bedeutet, dass erst recht ein Tangolehrer tanzen muss, um es wirklich zu können. Andererseits, wenn jemand ein guter Tänzer ist, ist er deswegen noch lange kein guter Lehrer. Das ist in den seltensten Fällen so.

Zurück zu den Anfängen, die besten Zeiten des Tango waren die 40er,

Tango Argentino ist nicht ein "was", sondern Tango ist ein wie". Die Art, wie sich auf einer Milonga bewegen, wie dort auf wenig Raum zu navigieren, der Tanzrichtung zu folgen, die Umarmung nicht zu verlieren. Also ganz anders, als etwa beim Tango Nuevo mit all seinen Formen, immer auf eine Öffnung der Umarmung hinaus laufend. Worauf es hingegen beim Tango Argentino ankommt, die Feinmotorik, die entwickelt man nur in der geschlossenen Umarmung. Denn Tango Argentino und Tango de Salon bedeutet mit der Brust führen. Das kann man nur lernen, wenn man es tut, das war für mich von Anfang an der Grund, nicht mit den modernen Formen des Tango anzufangen. Zwar hat Astor Piazzolla den Tango musikalisch neu erfunden, aber dieser ist im Sinne von Tango Argentino praktisch untanzbar. Auf eine wirkliche Milonga gehört daher nicht die Musik von Astor Piazzolla. Sogar auf Milongas in Buenos Aires, wo Tango Nuevo und sogar Elektrotango gespielt wird, Astor Piazzolla spielt man da nicht. Die Musik von Astor Piazzolla ist eindeutig Tango, aber zum hören, nicht zum Tanzen. Dass seine Musik trotzdem auf deutschen Milongas gespielt werden, zeugt von der Inkompetenz derjenigen, die für die Musik auf einer Milonga verantwortlich sind.

Und ein guter Tänzer oder ein guter Lehrer, gibt noch lange keinen guten DJ ab. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. DJ ist eine komplette Wissenschaft für sich.

DJ sein ist richtig Arbeit, Dobri: "das kann ich sagen, denn ich beschäftige mich mit der Tangomusik seit 15 Jahren. Seriös Musik machen, bedeutet klassischen Tango auflegen ohne Ausnahme und ohne wenn und aber, denn die Leute, die Tango ernst nehmen, können mit den ganzen modischen Tangos nichts anfangen, geschweige denn mit den unzähligen Filmmusiken."

Unbedarfte selbsternannte DJ's sind nach Dobri's Meinung Etikettenschwindler. Im Zeitalter des Internet zeigt er solchen Zeitgenossen gegenüber eine Null-Toleranz gegenüber. Es braucht nicht einmal einen Tag, bei Google einzutippen: " Tango DJ guide", um den Ansprüchen einer Milonga zu genügen. Stattdessen vergewaltigen Amateure das Publikum mit Musik, die auf einer Milonga nichts zu suchen hat. Anmerkung vom Autor: Oder man geht direkt auf: http://www.gehberger.at/DJ-ing/index.htm

Zur Zeit glaubt Dobri Gjurkov, von Schleswig-Holstein auf die anderen Bundesländer blickend, dass sich das Niveau der DJ's in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert hat.

Der DJ ist die wichtigste Person des Abends, der für eine saubere ununterbrochene Welle bei den tanzenden zu sorgen hat, da dafür da ist, dass die Veranstaltung stimmt. Seine Aufgabe ist nicht, das zu machen, was die Leute wollen, sondern das, was richtig ist. Das ist harte Kopfarbeit.

Dobri Gjurkov hat über 8.000 klassische Tangos auf seiner Festplatte, für Milongas, auf denen er als DJ aktiv ist, kommen für ihn davon ca. 1.800 Tangos in Frage, ca. 650 Walzer und ca. 450 Milongas.

Dobri Gjurkov vertritt das Konzept: auf einer Milonga musst Du 80% bekannte Lieder spielen, auf bekannte Stücke zu tanzen, fühlt sich anders an. Soviel dazu.

Aber alles im Tango gehört zusammen, also nochmal zurück zum Anfang, um eine Sache klar zu machen. Dobri und seine Partnerin Nina bringen ihren Schülern Motorik bei, bringen ihren Schülern Beweglichkeit bei. Denn solange ich schlecht stehe, instabil stehe, bin ich angespannt, wenn ich angespannt bin, übertrage ich diese Unruhe auf meine Partnerin. Dann bin ich steif, dann ist sie steif, wir machen uns gegenseitig steif und gehen schlecht. Wenn Du schlecht stehst, bewegst Du Dich schlecht, beim permanenten Stoppen und Anhalten neigst Du eher dazu, zu fallen, anstatt zu gehen, dann ziehst Du die Notbremse bei Dir, aber Deine Partnerin fliegt weiter, das will keiner.

Wenn Du beispielsweise in Buenos Aires tanzt, wirst Du nicht angerempelt, weil die Leute ihre Bewegungen beherrschen. Da sagte neulich einer, als er gefragt wurde: was ist heute anders, was gefällt ihm nicht im Gegensatz zu früher, antwortete der: „heute ist die Praktika eine Verlängerung der Milonga und die Milonga eine Verlängerung der Praktika". Das wäre kompletter Unsinn, wobei ihm Dobri zustimmt:

Die Praktika vor der Milonga ist das Event, wo man lernt, damit man sich nachher auf einer Milonga richtig bewegen kann. Sieht man, wie heute viele Lehrer statt dessen in ihrer Praktika eine Figurenlehrerei machen, dann weis man, wie recht er hat, man geht nicht auf eine Milonga, wenn man nicht tanzen kann, ich gehe doch erst dann auf eine Miloga, wenn ich tanzen kann. Weil dann bewege ich mich verbindlich mit allen anderen auf der Tanzfläche zusammen. Die Milonga ist nicht der Ort, wo Du auf Kosten der Gesellschaft tanzen lernst. Trotzdem braucht es nicht viel, um sich auf seine erste Milonga zu wagen, wenn Du das wesentliche gelernt hast, Dich auf die Tanzlinie zu stellen, mit Deiner Partnerin zehn Meter gerade ausgehen und niemanden anrempeln. Dobri: was glaubst Du, must du können, um dich richtig bewegen zu können: Du musst Respekt für Deine Umgebung haben. Sich auf Kosten der anderen austoben, in Buenos Aires undenkbar. Traumtänzer, die sich dort auf einer Milonga den Weg freitreten, werden von der Tanzfläche genommen, denn dort ist man auf sein Stammpublikum angewiesen, weil man mit seiner Milonga Geld verdienen muss.

Der Anfang: „ ich muss mich erden, ich muss ruhig bleiben in meiner Bewegung, ich muss meiner Tanzlinie folgen, ich muss, ich muss. Das ist jetzt erst mal alles Theorie, warum muss ich das alles überhaupt können, warum sieht dieser Tanz überhaupt so aus?

Noch weiter zurück: dieser Tanz entwickelte sich soziologisch gesehen durch zwei Sorten Männer, den Gauchos und den Emigranten. Die Gauchos, die ja professionelle Cowboys waren, sozusagen auf dem Pferd geboren, waren nach ca. 1870, als die Ländereien umzäunt wurden, arbeitslos.

Sie hatten nichts zu tun und zogen in die Städte, trafen dort auf die Emigranten.

Die Gauchos wussten sich zu bewegen, um nicht von ihren Pferden abgeworfen zu werden, wussten sich so auf dem Rücken der Pferde zu halten, dass sie auf diese Weise den ganzen Tag lang durchstanden. Daraus können wir die typische Tangohaltung herleiten. Wir halten im Tango idealer Weise die Unruhe der Beine von der Umarmung fern. Da haben wir die direkte Entsprechung, der Reiter lässt seine Beine möglichst entspannt und versucht so wenig wie möglich Unruhe zu verursachen.

Auf der anderen Seite waren die Emigranten, gebrochen vom Leben, den ganzen Tag hindurch geschuftet, müde und auch nicht mehr die Jüngsten, wollten sich am Abend nur ein wenig mit ihrer Frau amüsieren. Wollten sich entspannen, lieber Volkstanz, statt Etikette und steifen Standard.

Wer selbst schon mal geritten ist, versteht eher, was Dobri meint.

Und egal in welchem Bereich des Lebens, wenn ich Ahnung von dem habe, was ich tue, dann gehe ich meinen Weg, gehe diesen bewusst, um voran zu kommen. Aber wer schmerzlich erfahren muss, dass er beim Tango Argentino nicht auf dem richtigen Weg ist, den macht Dobri sich nicht immer gleich zum Freund. Manchem gestandenen Mann fällt es schwer, sich selbst in der Rolle als Schüler von Dobri zu akzeptieren. Doch wer beim Tango Argentino weiter kommen will, so Dobri, der muss respektieren: Tango hat Prinzipien, Bewegungsregeln, Tango ist Technik.

Längst nicht jeder Schüler ist bereit dafür, sich von Dobri auf den richtigen Weg führen zu lassen, wenn es um das richtige Verständnis von Tango Argentino geht. Zu oft wird an falsch gelerntem fest gehalten. Besonders falsche Eitelkeit ist da fehl am Platz. Man muss sich öffnen, um etwas Neues lernen zu können. Doch ist es vielen zu unbequem, noch mal ganz von vorn anzufangen, oder mit 50 bzw. mit 60 bereit zu sein, etwas dazu zu lernen.

Es gibt zum Thema Tango den Film: Man muss mich nicht lieben, auch auf Dobri trifft das zu. Er liebt, was er tut, dennoch macht er sich nicht lieb Kind bei seinen Schülern, man muss ihn nicht lieben. Wer nicht von ihm lernen will, soll seiner eigenen Wege gehen.

Was beim tangolernen gar nicht hilft, ist Hochmütigkeit, Arroganz, Eitelkeit. Eine gute Voraussetzung hingegen ist die Bereitschaft zur eigenen Körperwahrnehmung. Tango ist sensibel.

Tango lernt man selber, wenn man die Bereitschaft dafür hat, es bedarf Konzentrationsbereitschaft, Aufmerksamkeit, Gelassenheit, Demut.

Anmerkung vom Autor:

Dabei ist Tango Argentino für jederman, besonders für die "kleinen Leute", kann helfen, heilen, der Seele gut tun, kann aber auch süchtig machen, im positiven Sinn.

Text und Fotos Karl-Heinz Haenel Blog.Liebhaberreisen.de

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