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Sind Pressereisen Urlaub?

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Von wegen, auch wenn sich solche Vorurteile hartnäckig halten

Festangestellte Redakteure müssen für eine Pressereise zwar Urlaubstage nehmen, die in der Regel drei bis vier Tage dauernde Pressereise inklusive An- und Abreise ist dann aber doch nur für die wenigsten Teilnehmer sowas wie Urlaub. Vielleicht Urlaub vom Schreibtisch, aber nicht ohne Arbeit. Und von morgens bis abends ist der Tag verplant. Mit gegangen, mit gefangen. Sich von der Gruppe absetzten bleibt die Ausnahme.

Es gibt also individuelle Reisen und Gruppenreisen.

Individualreisen bedürfen sehr viel Eigeninitiative und viel zusätzliche Zeit für Vorab-Recherchen.
Das Gruppen-Feeling steht und fällt mit der Zusammensetzung der Gruppe, mit der man die gesamte Zeit verbringt. Denn besonders auf Gruppenpressereisen können einem gelegentlich einige der Anderen schon mal ganz schön auf die Nerven gehen.
Zum Beispiel, wenn der Veranstalter es versäumt hat, den Teilnehmern vor der Reise eine Teilnehmer-Liste zu mailen. Dann kommt so sicher wie das Amen in der Kirche fast immer die erste Frage am Sammelpunkt: "Und für wen schreibst Du?"
Am liebsten antworte ich darauf: "Für jeden, der's haben will..."
Oft hab ich dann während der Reise meine Ruhe vor weiteren solchen Fragen und muß mich nicht daran beteiligen, wann man schon wo wie oft war und ob man noch bei Facebook postet oder Instagram bestückt, etc..

Aber auch während der gelegentlich eigenen persönlichen Abwesenheit von der Gruppe kommt dann vorzugsweise und nicht selten von einer der älteren Damen der Runde die Bemerkung über mich ( weil ich nicht wie alle anderen am Gruppentisch abhänge ): "Warum macht der eigentlich so viele Fotos? Da genügen doch auch ein oder zwei."
Aber bitte mit Sahne...

Wenn das Thema ausgereizt ist, werden die im i-Phone archivierten Fotos rumgezeigt, meine Reisen, meine Haustiere, meine Kinder, meine Möbel, meine Freunde, meine Lieblingsfilmchen auf Youtube.

Anstrengend wird es auch, wenn man mit einer Gruppe im Bus unterwegs ist und spontan einen kurzen Fotostopp machen möchte. Da kommt nicht selten, von der die Reise beleitenden Praktikantin der einladenden Agentur, der Einwurf: „Es gibt später noch genügend Gelegenheiten, um Fotos zu machen, jetzt sind wir knapp mit der Zeit." Ja, vielleicht die Bildchen, die alle am Abend schnell noch als Selfi online stellen wollen.

Abgesehen von diesen Bagatellen, denen man mit den Jahren mit Gelassenheit begegnet, gibt es auch gravierende Unannehmlichkeiten, die sich auch niemand in seinem Urlaub wünschen würde:

Nachdem es am vorherigen Abend spät wurde, weil sich alle Tagesprogrammpunkte aufgrund der zu knappen Planung immer weiter nach hinten verschoben, am Morgen danach zu frühes Aufstehen, frühstücken und auschecken, weil es zum nächsten Programmpunkt ja noch 2 Std. Busfahrt sind, zum dortigen Mittagessen, bevor dann zum höchsten Sonnenstand eine morgendliche Stimmung einzufangen wäre, auf dem Fahrrad, der Wanderung oder in der Natur ansich. Aber individuelles Fotografieren ist ja nicht so wichtig und stört nur die Gruppe, das Fremdenverkehrsamt hat schliesslich sehr viel Geld für austauschbare Agenturfotos ausgegeben, die kann man doch zu seinem Artikel aus dem Web runter laden. Wenig hilfreich sind auch extrem lange Wanderungen, besonders in der Mittagszeit, Radtouren oder Raftings bis an die Grenzen der Möglichkeiten der an sonsten unsportlichen Journalisten und fehlende Alternativen für die jenigen, die das sportliche Pensum aus persönlichen Gründen nicht erfüllen möchten.

Ein Kollege beschieb seine Auszeit am Schreibtisch so:
"Liebe Leute,
hier eine kleine, ehrliche Reiseanalyse unserer "Fahrt nach Cuneo".
Sehr angenehm: die Freundlichkeit unserer Gesprächspartner, das ausgezeichnete Essen, das traumhafte Lichterspektakel und der fantastische Wochenmarkt.
Verbesserungswürdig: das zu straffe Programm und die recht irrationalen Zeitpläne.
Alles Liebe WOLF"
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Ariane mit verletztem Fuß in Ferrere © Copyright by Karl-Heinz Hänel
Wie es da zuging, ist von mir als Fotoreportage nachzuvollziehen: hier

Sehr erfahrungsreich sind auch die im Programm einer Pressereise angekündigten Abende in Sterne-Restaurants, in irgend einem weniger repräsentativen Nebenraum, macht aber nix, wenn auch noch der Sternekoch ausgerechnet an diesem Abend nicht persönlich anwesend ist. Man fühlt sich in den verschwitzten Wanderklamotten jetzt gerade auch nicht recht wohl. Dann doch lieber eine einfache Bewirtung, wenn es dafür nach dem Essen nicht noch eine ewig dauernde Rückfahrt zum Hotel sein muss. Es kommt auch vor, dass man dort hin gelangt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und dort dann eine Stunde zur freier Verfügung hat, weil dem Veranstalter kein passendes Event eingefallen ist.

Hotels: So manche PR-Agentur hat tatsächlich das Bestreben, den umworbenen Journalisten ein Presse-Event als Benefit zu verkaufen, z.B. eine kostenlose Übernachtung in einem Hotel...
Nur, wer fährt schon für eine Hotelübernachtung auf eigene Kosten von Norddeutschland bis nach Österreich und schreibt danach auch noch was darüber?

Ich bringe es auf den Punkt, wer Pressereisen als Urlaub ansieht, oder sie aus dieser Motivation mitmachen möchte, dem rate ich, sich das noch mal zu überlegen. Es sei denn, an seinem Schreibtisch herrscht chronische Langeweile, dann einfach mal eine Einladung zur Pressereise annehmen. Oft folgt dann sowieso eine Absage, denn wer 1.000 Einladungen verschickt, um sich dann die "Besten" von den Zusagen heraus picken zu wollen, braucht etwas Fingerspitzengefühl für den Text einer Absage, ohne selbst ins Fettnäpfchen zu treten. Die Begründungen einer Absage sind an Peinlichkeiten nicht zu überbieten, ganz gleich, ob sie von einer dazwischen geschalteten PR-Agentur oder einem Frenmdenverkehrsbüro kommen.
So sei man in der Regel von der großen Anzahl der Interessenten überrascht worden. Aber vielleicht klappt es ja beim nächsten mal. Oder eine Reise findet am Ende nicht statt, weil sich nicht genügend (wichtige) Interessenten gemeldet haben. Sowas kommt zustande, wenn inkompetente Mitarbeiterinnen den unliebsamen Job des Absagens aufs Auge gedrückt bekommen haben.

Es gibt aber auch Mobbing in der Szene untereinander. Übrigens das peinlichste, was mir unter „Kollegen" widerfahren ist, war eine ungebetene postwendende Reaktion auf einen ersten flüchtigen Facebook-Post meinerseits nach der Reise, von einer ebenso teilnehmenden „Print"-Redakteurin mit Doktor-Titel, der ich als Blogger offensichtlich ein Dorn in ihrem "Printmedien-Auge" war. Ein Doktortitel ist eben auch kein Garant für Medienkompetenz....
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Bis heute habe ich für diese Entgleisung jedenfalls keine Entschuldigung erfahren, obwohl man sich in der Zwischenzeit zwangsläufig auf weiteren gemeinsamen Gruppenpressereisen begegnete und ich die Dame stets höflichst grüßte.

Tja, es herrscht Ellenbogenmenthalität in der Branche jener, zu Gunsten von Online-Medien, immer unbedeutenderen Reiseberichteverfasser in den Printmedien. Irren wäre ja verzeihlich, denn man sieht sich schliesslich öfter auf Gruppenpressereisen, jedoch habe ich bis heute keine Korrektur zu diesem peinlichen Post festgestellt. Quelle

Auch musste ich unter Zuhilfenahme eines Rechtsanwalts schon mal ein gegen mich gefordertes "Schmerzensgeld" für ein auf solch einer Gruppenpressereise gemachtes Gruppenfoto abwehren, weil eine darauf vorkommende Praktikantin eines dubiosen Verlages, sich trotz vorheriger mündlicher Zustimmung, nun im Anschluss ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah und dies von einer aus ihrer Nachbarschaft zu hilfe geholten Anwältin in Form von lockeren € 650,00 aus der Welt geräumt haben wollte.

Ich könnte noch so einiges meiner ernüchternden Erfahrungen hier wiedergeben, aber warum sollte ich Ihnen mit meinen persönlichen Erlebnissen Ihre Zeit oder wohmöglich Ihre Illusionen stehlen?

Wikipedia erklärt Pressereisen so.

Also: "Eine Reise um die ganze Welt - und die Taschen voller Geld?"

„So wird der Traum von der großen Freiheit Wirklichkeit" titelte FOCUS Magazin sein Heft 03/2016 Quelle: FOCUS online

Da konnten wir auf 15 Seiten lesen und staunen, wie andere ihre Reiseträume verwirklicht haben. Unter den Reise-Bloggern soll sich angeblich das PR-Modell „Ich blogge dann mal über meine Reisen und andere bezahlen das..." zu einem wahren Boom entwickeln.

Blogger sind längs bereits in den Tourismus-Kommerz einbezogen, das hat dann aber auch nichts mehr mit der klassischen Pressereise zu tun.

z.B. "kooperierte" L'TUR bei seinem neuen Fernstrecken-Angebot mit Christine Neder. Deutschlands bekannteste Reisebloggerin erkundete für den Last Minute-Pionier den Inselstaat im Indischen Ozean und berichtete natürlich auch auf ihren Social Media-Kanälen darüber. Wer sich inspiriert fühlt und selbst gerne in die Fußstapfen der Bloggerin treten möchte, hat nur bei L'TUR die Möglichkeit, das Rundreise-Erlebnis von Christine Neder zu buchen. Die Kasse klingelt...

Job-Rezept Blogger? Ja, vielleicht, der hierfür nötige alltägliche Wahnsinn einer Bloggerin ist zu verfolgen auf: Lilies Diary

Text und Foto: Karl-Heinz Hänel Blog.Liebhaberreisen.de

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