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Georgien, das Land der Gastfreundschaft

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Den Georgiern ist jeder Gast ein Geschenk und willkommen, wenn er friedlich ist.

Ganz anders, als in öffentlichen Hotel-Restaurants, an den modernen Fastfood-Tresen der Schnellstraßen-Tankstellen, oder den urigen kleinen Raststätten an den Landstraßen, geht es in den Häusern der Familien zu. Und früher oder später wird selbst jeder sich auch noch so zurückhaltende Tourist zum Gast eines solchen Familienessens. Um über diese friedliche freundliche Vereinnahmung nicht aus allen Wolken zu fallen, hier ein paar hilfreiche Informationen.

Die georgische Küche ist urtümlich und die abwechslungsreichste im Kaukasus.
Ein in der Regel abends abgehaltenes Mahl mit Gästen hat unzählige Gänge und will nicht enden. Dazu trinkt man Wasser und Wein, viel Wein, guten Wein, in Mengen.
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Foto: zu Gast bei Manfred Tichonow in Assureti, er kultiviert die Rebsorte Schall

Wein hat in Georgien eine 8.000 jährige Tradition und ist kultureller Bestandteil.
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Foto:Trauben finden sich überall, sogar auf Grabsteinen.

Da wird es niemanden überraschen, dass im gesellschaftlichen Leben der Georgier auch Trinksprüche von großer Bedeutung sind.
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Foto: Zu Gast bei einer Familie, am Kopfende sitzt der Tamada ( Tischleiter )

Trinksprüche sind wichtiger Bestandteil eines jeden familieren Essens und deren Reihenfolge verändert sich je nach Anlass oder Situation. Der Dirigent dieser Trinksprüche ist der bedeutenste Mann am Tisch, Tamada genannt. Der Tamada sagt immer sein Prost in Form eines Trinkspruches und die anderen wiederholen das gesagte sinngemäß.

Wenn der Tamada von der Gesellschaft kein Familienmitglied ist, kann es sein dass Ihn nicht alle kennen, dann stellt der Familienvater seinen Gästen den Tischleiter ( Tamada ) vor und segnet Ihn, wünscht Ihm, dass er zukünftig immer feierliche Gründe finden möge, um als Tamada zu agieren und dass er immer dafür sorgen möge, dass die Gäste am Tisch sich wohl fühlen. Also keine Sorge, es wird auch gut gegessen, sodass man kein Saufgelage zu befürchten hat, sondern eher ein feierliches Beisammensein.

Der erste Trinkspruch gehört immer dem Frieden und Gott - je nach der Entscheidung des Tischleiters. Der nächste wird für die Familie des Gastgebers ausgesprochen, ein weiterer auf die Gäste, auf die Liebe und auf die Frauen, die uns das Leben verschönern, dann auf die Kinder und die Alten, auf den Grund der Versammlung, ein Geburtstagskind etwa, oder auf das Hochzeitspaar, oder auf die Eltern eines neu gebohrenen Kindes, oder auf die Eltern aller anwesenden, auf die Seeligen und Verstorbenen, dann auf die kommenden Generationen, auf die Zukunft, auf die Heimat...

Man trinkt auf die Kunst, die Natur, auf die Wärme des Herzens, die Sonne, oder auf die Vögel, die hierbleiben und dem Winter trotzen ( damit sind eigentlich die Menschen gemeint ).
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Foto: Vater David vom Kloster Shavnabada hebt sein Glas

Man trinkt je nach Ansage des Tischleiters auf die Patriarchen, auf gute Errinerungen, auf die Freundschaft, auf die georgische Kultur und die georgischen Sitten.
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Foto: Ein Wiedersehen unter Freunden ist immer auch ein Anlass für ein Essen

Dann gibt's die Möglichkeit ohne Reinfolge Trinksprüche auszusprechen, etwa auf die Revolutionäre, die den Weg für das heutige Dasein ermöglichten.

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Foto: Bildtitel Sniper der georgischen Künstlerin Eteri Chkadua, diese erzählte mal dazu, was sie zu diesem Bild inspiriert hatte. Die Mutter Georgiens (Monument auf dem Hügel über Tibilisi) hält in der rechten Hand ein Schwert. in der linken Hand hält sie eine Schale mit Wein. Unsere Eltern sagten uns früher, dass diese Figur die georgische Seele symbolisiert und eine Botschaft aussendet: Feinde begene mit einem Schwert, Gäste begrüße mit Wein.

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Foto: im Weinkeller unter der Stadt wird zwischen Stalins Vorräten angestoßen

Trinkt man auf aufbrechende Gäste ( je nach Zeit und Wichtigkeit einzeln oder in Gruppe ), muss Ihr Weg gesegnet werden, sowie dass überall dort wo sie ankommen, Frieden herrscht.
Man trinkt auf die Muttergottes und die Schutzengel der Familie, und darauf, dass es in dieser Familie immer einen Grund zum Feiern gibt. Zu guter letzt auf das friedliche Auseinandergehen und baldigen Wiedersehen.
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Foto: man speist und trinkt miteinander und hat einen geselligen Abend

Der Tischleiter wird der letzte sein, der den Tisch verlässt. Solch ein Gastmal verlassen die meisten als neu gewonnene Freunde, was könnte dem Frieden dienlicher sein?
Und ohne die unermüdlichen Übersetzungen und Antworten auf alle meine Fragen meines georgischen Freundes und Weinkenner Zviad Arabidze von geohaus würde dieser Brauch für viele Touristen ein Rätsel bleiben.
gmadloba, gmadloba, gmadloba ( danke, danke, danke ), in diesem Land angekommen zu sein...

Text und Fotos Karl-Heinz Haenel Blog.Liebhaberreisen.de

mehr von mir über Georgien in der HuffingtonPost: Reisesplitter aus Georgien

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