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44 Jahre lang habe ich Kinderschänder gejagt - was ich erlebt habe, schockiert mich bis heute

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CHILD ABUSE
IvanJekic via Getty Images
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In meinem Beruf habe ich viele Kinder leiden sehen. Kinder, die missbraucht, gedemütigt und benutzt wurden. Ich wollte ihnen helfen - doch oft konnte ich leider nur zusehen.

44 Jahre lang war ich im Polizeidienst tätig und habe neben vielen anderen Kriminellen auch Kinderschänder gejagt. Häufig erfolgreich, genauso oft war ich aber machtlos.

Denn leider ist es sehr schwer, die Täter zu überführen: Kaum ein Kind sagt offen gegen seinen Peiniger aus.

Das ist Teil der perfiden Strategie vieler pädophiler Täter. Sie suchen sich Kinder aus, die keinen oder sehr wenig familiären Halt haben und eine Vertrauensperson suchen - meist vernachlässigte Kinder aus prekären Verhältnissen.

Die perfide Strategie der Kinderschänder

So funktioniert die Strategie: Der Täter versucht, zu seinem Opfer ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Er befasst sich mit dem Kind, geht mit ihm ins Kino oder ins Schwimmbad und erfüllt ihm seine ersehnten Wünsche.

Nach und nach wird das Kind ganz langsam emotional abhängig. Wenn der Pädophile dann erste sexuellen Handlungen startet, ist es für das Kind meist schon zu spät. Das Opfer kann sich praktisch nicht mehr von seinem vermeintlichen Wohltäter lösen.

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Denn jetzt setzt die Angst vor dem erneuten Verlust einer Vertrauensperson ein und bindet das Kind an seinen Peiniger. Gelingt es der Polizei, den Pädophilen zu ermitteln und festzunehmen, kommt es fast immer dazu, dass das Kind, wenn es als wichtigster Zeuge angehört wird, nur selten gegen den Täter aussagt oder den Täter sogar in Schutz nimmt.

Mir ist das oft passiert. Ich stand da und wusste: Was diesem Kind angetan wird, zerstört wahrscheinlich sein weiteres Leben - aber das Kind wird nicht reden. Häufig sind die seelischen Verletzungen so stark, dass sich das Opfer sein ganzes Leben lang damit herumplagt. Oft finden sich diese Kinder in kriminellen Kreisen wieder, prostituieren sich oder radikalisieren sich später sogar.

Das Leben der Kinder wird zerstört

Besonders ein Schicksal geht mir nicht aus dem Kopf. Vor vielen Jahren habe ich einen Mann in Berlin beobachtet. Er schenkte zwei Jungs auf der Straße ein Handy und stieg danach mit ihnen ins Auto. Ich ahnte sofort, was hier passierte.

Bei weiteren Nachforschungen entdeckten wir das schreckliche Geheimnis des Mannes: Er gehörte einem ganzen Pädophilenring an. Natürlich wollten wir den beiden Jungs helfen.

Sie waren Brüder und kamen aus Albanien. Kaum in Deutschland angekommen, fingen die Drahtzieher des Rings sie auf. Sie unterstützten zunächst ihre Familie und erlangten damit und mit den bereits beschriebenen Verlockungen das Vertrauen der Jungs.

Aufgrund intensiver Ermittlungsarbeit gelang es uns, die Strukturen dieses Kinderschänderrings zu erhellen. Ich war nun fest entschlossen, die Verantwortlichen zu überführen.

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Anfangs war der jüngere, 12-jährige Bruder bereit, mir einige Einzelheiten über diese "Vertrauenspersonen" mitzuteilen. Mit seiner Hilfe erreichte ich es zumindest, dass ein Täter dingfest gemacht werden konnte, ein Teilerfolg.

Geholfen hat das den beiden Jungs leider nicht wirklich. Als der ältere Bruder mit 16 Jahren zu alt war, um für die Pädophilen begehrenswert zu sein, schickte er seinen jüngeren Bruder auf den Strich.

Wie erwähnt hatten wir nur ein kleiner Erfolg errungen: Zwar verurteilte ein Gericht einen der Täter zu drei Jahren Haft. Das Leben dieser Kinder hat er trotzdem zerstört.

Pädophilenringe effektiv bekämpfen

Diese Erkenntnis war schlimm für mich. Ich habe mich mit dem Schicksal der Familie intensiv beschäftigt und hätte alles getan, um die beiden Brüder aus diesem kriminellen Sumpf zu holen. Doch es gelang meinen Kollegen und mir lediglich, einen dieser Verbrecher hinter Schloss und Riegel zu bringen. Längst haben andere dessen verbrecherische Tätigkeit übernommen.

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Deshalb beschäftigt mich dieser Fall heute noch. Wir müssen es schaffen, Pädophilenringe nachhaltig zu sprengen - auch wenn sich ihre Opfer nur selten gegen die Verantwortlichen wenden und so nicht immer hilfreich bei der Aufklärung sind.

Hier ist viel Vertrauensarbeit durch Erzieher, Jugendämter usw. ebenso gefordert, wie die Aufklärung über die Praktiken der Pädophilen. Parallel muss eine Stärkung des Selbstbewusstseins der gefährdeten Kinder erfolgen.

Entscheidend ist aber auch, dass man einen Fuß in die Tür von illegalen Internetforen bekommt. Pädophilenringe organisieren sich mittlerweile meist im Darknet, einem anonymen Teil des Internets - und verbreiten dort Video- und Bildmaterial ihrer Opfer. Wenn wir es schaffen, dort einzudringen, dann ist dies eine weitere Möglichkeit, um diese Verbrecherringe zu zerschlagen.

Dafür müssen die nötigen Strukturen geschaffen werden. Wir sind es uns schuldig, die Schwächsten unserer Gesellschaft zu schützen und sie aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Karlheinz Gaertner hat über seine Erfahrungen als Polizist ein Buch geschrieben. Der Titel "Sie kennen keine Grenzen mehr" ist im April 2017 im Orell Füssli Verlag erschienen.

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