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Die Gewalt in unserer Gesellschaft kennt keine Grenzen mehr

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44 Jahre lang habe ich als Polizist gearbeitet. Jetzt bin ich in Pension. Ob ich froh darüber bin, kann ich nicht sicher sagen. Ein Teil von mir denkt sich, es ist schön, mal wieder etwas anderes zu machen, sich frei bewegen zu können. Andererseits fehlt es mir.

Eigentlich war ich ja gerne Polizist - auch wenn es in den letzten Jahren immer mehr Gründe gab, eine gewisse Abneigung gegen meinen Job zu entwickeln.

Polizist zu werden war meine Berufung. Klingt komisch, ist aber so. Schon als Jugendlicher hatte ich Freude daran, Menschen zu helfen und gleichzeitig Verbrecher zu fangen. Ich habe mein Leben lang genau das gemacht, was ich mir vorgestellt hatte.

Zumindest größtenteils.

Oft sind selbst Polizisten hilflos

Manche Sachen habe ich mir vorher anders vorgestellt. In der Realität habe ich schnell gemerkt, dass ich weder jedem helfen, noch jedes Unglück verhindern kann. Oft sind wir hilflos - auch als Polizisten.

Besonders der zunehmenden Verrohung stand ich immer häufiger ratlos gegenüber. Ich habe immer versucht, mit Energie und gutem Willen an eine Sache heranzugehen. Doch die Antwort vieler Menschen waren derbe Beleidigungen und gewalttätige Übergriffe.

Besonders ein Ereignis hat sich in meine Erinnerung eingebrannt. Es geschah nur wenige Monate vor meiner Pension.

Ich war unterwegs auf der Sonnenallee in Berlin und stand auf der Busspur im Funkwagen, um zwei verdächtige Personen zu beobachten. Plötzlich krachte es. Ich sah einen Radfahrer vorbeifahren und auf das Auto einschlagen.

Als er mich bemerkte, zeigte er mir den Mittelfinger. Der Mann war vielleicht um die 50. Ich fuhr ihm hinterher und versuchte ihn anzuhalten. Es kam fast zur Schlägerei. Er wurde immer patziger und wollte meinen Ausweis sehen. Ich sei gar kein Polizist und hätte auf der Busspur nichts zu suchen gehabt. Erst als ich ihm androhte, Verstärkung zu rufen, beruhigte er sich allmählich.

Solche Leute zeigen meine Kollegen und ich dann wegen einer Ordnungswidrigkeit an. Aber raus kommt dabei nichts.

In den letzten Jahren häuften sich solche Fälle von Respektlosigkeit und Verrohung. Das macht mich wütend. Als Polizist habe ich ja eine gewisse Lebens- und Berufserfahrung. Ich weiß auch, dass nicht jeder die Polizei als Freund und Helfer haben möchte.

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Aber es verändert dich, wenn du eigentlich nur helfen willst und stattdessen angegangen und beleidigt wirst.

Das hat mich verändert. Ich passe besser auf und beobachte meine Umgebung genauer. Ich habe es immer häufiger erlebt, dass die Situation auch bei nichtigen Anlässen eskaliert ist. Damit rechnet keiner. Aber inzwischen weiß ich, dass ich damit rechnen muss. Ich bin vorsichtiger und vielleicht manchmal auch nicht mehr ganz so verbindlich im Ton.

Der Ton ist rauer und brutaler

Auch bei Kriminellen ist der Ton rauer und brutaler geworden. Bei Raubüberfällen beispielsweise reicht es heute nicht mehr, die Beute zu haben, sondern man muss dann noch einmal nachtreten, Macht demonstrieren und mit dem Messer auf jemanden einstechen.

Ich habe selbst erlebt, wie ein guter Kollege von mir bei einem normalen Einsatz sinnlos erschossen wurde. So etwas macht mich besonders betroffen. Und wütend.

Noch wütender macht es mich, dass das Mahnmal für diesen Kollegen geschändet wurde. "Feind der Freiheit. Wir verhöhnen alle Polizisten und Richter" haben die Vandalen darauf geschmiert. So eine Verrohung ist für mich unfassbar. Und noch unerträglicher ist es, dass es keinen lauten Aufschrei gab. Viele Menschen reagieren abgebrüht und abgestumpft.

Häufig steht Egoismus vermehrt im Mittelpunkt. Recht viele scheinen sich zu denken: "Ich möchte vorankommen. Wer mich daran stört, ist mein Feind und dem wird aggressiv entgegengehalten."

Gewisse Eigenschaften gehen immer mehr verloren in unserer Gesellschaft. Jemandem mal etwas Nettes sagen, guten Tag und auf Wiedersehen, danke und bitte sagen. Normale menschliche Regungen fehlen heutzutage häufig.

Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich es wahrscheinlich trotzdem wieder wagen. Der Beruf ist spannend, man kann viel erleben und es verleiht einem eine gewisse Befriedigung, wenn es einem gelingt, jemanden einer Straftat zu überführen oder noch besser, schlauer zu sein als der Betrüger.

Mir reicht es jetzt

Allerdings, wenn ich mich heute selbst betrachte, fehlen mir die Nerven. Mir reicht es jetzt. Ich muss mich nicht immer provozieren lassen. Es ist ja auch immer ein innerlicher Kampf, den man da mit sich führt, um sich selbst zu beherrschen. Immer wieder zurückzustecken.

Auch Medien und die Öffentlichkeit spielen dabei eine große Rolle. Oft werden Situationen über angebliche Gewalt von Polizisten zu vorschnell beurteilt ohne die Hintergründe zu überprüfen.

Dass nicht alle Polizisten einen Heiligenschein haben ist klar, aber ich habe schon viele Fälle erlebt, bei denen Kollegen versetzt wurden, weil sie angeblich etwas falsch gemacht haben und später stellte sich heraus, dass die Situation übertrieben und falsch dargestellt worden war. Zurücknehmen lässt sie die Versetzung dann nicht mehr. Und auch nicht die Verurteilung in der Öffentlichkeit.

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In Zeiten des ständigen Filmens wird das natürlich nicht einfacher. Immer wieder tauchen Videofrequenzen auf, in denen angeblich übergriffig gewordene Polizisten zu sehen sind. Ich bin selbst schon in so einer Situation geraten.

Gemeinsam mit zwei Kollegen wollte ich einen Handy-Diebstahl aufklären. Plötzlich waren wir umzingelt von einer Gruppe die uns bedrängte. Wir hatten Mühe uns zu wehren und die Tatverdächtigen zu überprüfen. Gleichzeitig bedrängte mich eine Frau.

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Sie hat mich unermüdlich angeschrien und filmte mich mit ihrer Handykamera nur 15 Zentimeter von meinem Kopf entfernt und versuchte eine handgreifliche Reaktion von mir zu provozieren.

In so einer Situation habe ich Mühe, mich zu beherrschen.

Neben dieser Verrohung Ist die Bedrohung durch die stetig ansteigenden Terrordrohungen- und Anschläge die größte Gefahr. Auch die Alltagskriminalität, wie Einbrüche und Diebstähle nerven den Bürger zunehmend. Und nicht zu vergessen, die unzähligen Attacken auf die körperliche Unversehrtheit und dies zunehmend mit Waffen aller Art.

Wir sollten alle wieder mehr aufeinander achten und ein wenig Rücksicht nehmen. Das würde ich mir wirklich wünschen.

Karlheinz Gaertner hat über seine Erfahrungen als Polizist ein Buch geschrieben. Der Titel "Sie kennen keine Grenzen mehr" ist im April 2017 im Orell Füssli Verlag erschienen.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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