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"Für die Demonstranten sind wir keine Menschen" - Polizist beschreibt, durch welche Hölle seine Kollegen beim G20 gehen werden

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G20 POLIZEI
dpa
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Wie oft ich mit Steinen beworfen wurde, weiß ich schon gar nicht mehr. Es waren unzählige Male. Mal saß ich im Einsatzwagen, mal war ich zu Fuß in unserer Einsatzkleidung und mal war ich in Zivil in der Menge unterwegs - völlig ungeschützt.

Einige Male warfen Menschen Teile von Gehwegplatten von Hausdächern auf meinen Trupp, schossen mit Stahlkugeln auf uns oder warfen mehrere Molotowcocktails gleichzeitig auf den Einsatzwagen.

In einem brennenden Auto gefangen zu sein, das ist ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Und trotzdem müssen Polizisten bei einem gewalttätig verlaufenden Demonstrationseinsatz immer darauf gefasst sein.

44 Jahre war ich im Dienst, in der deutschen Hauptstadt - 35 davon habe ich Demonstrationen begleitet. Heute bin ich im Ruhestand, das Erlebte jedoch geht mir nur schwer aus dem Kopf.

Gewalt wird es geben - und man sollte sie nicht unterschätzen

Auch meine Hamburger Kollegen werden es in den nächsten Tagen nicht leicht haben. Denn bei einer Sache bin ich mir sicher: Gewalt wird es geben - und man sollte sie nicht unterschätzen.

Als ich bei der Polizei anfing konnte ich mir eine solche Gewaltbereitschaft und vor allem solche heimtückischen Angriffe auf uns, wie ich sie später erlebt habe, nicht vorstellen.

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Eines Tages waren einige meiner Kollegen und ich mit einem Zivilwagen unterwegs. An einer roten Ampel wurden wir aus dem Nichts heraus angegriffen - von Linksextremen, die uns bösartig auflauerten.

Sie bewarfen das Auto mit Steinen, die Scheiben zerbrachen vollständig. Mit viel Glück wurden meine drei Kollegen und ich nur leicht verletzt. Nach dem Angriff habe ich die Pflastersteine gezählt, die im Auto lagen. Es waren 16 Stück.

Oft passierte es auch, dass Krawalle so ausarteten, dass meine Kollegen und ich in unsere Schutzanzüge schlüpfen mussten, um den Demonstrationszug zu Fuß zu begleiten oder ihn sogar aufzulösen. Dann waren wir mittendrin!

Bei solchen Ausschreitung bin ich mehrfach einer Mauer aus Steinen entgegengelaufen. Ein wahrer Steinhagel. Auch wenn ich dann Schutzkleidung trug - die Einschläge spürt man immer.

Verletzungen jeglicher Art, wie z.B. Prellungen, Verstauchungen und vieles mehr - das ist bei Demonstrationseinsätzen fast an der Tagesordnung.

Für die Demonstranten sind wir keine Menschen, nur Vertreter des "Schweinesystems"

Und es kann jederzeit noch schlimmer kommen. Sicher sind wir nie, selbst wenn wir verdeckt in Zivilkleidung unterwegs sind.

Einer meiner Kollegen musste das am eigenen Leib erfahren.

Er lief in Zivil bei einer Demo mit, um gewalttätige Störer ausfindig zu machen. Einer von ihnen erkannte ihn. Gemeinsam mit Gleichgesinnten prügelten sie auf meinen Kollegen ein und verletzte ihn so schwer, dass er nicht mehr dienstfähig war. Er konnte nie mehr arbeiten.

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Diese Gewalttäter wollen nur eines - ihrem so verhassten Staat eine Lehre erteilen. Wir Polizisten sind für sie in dem Moment keine Menschen, sondern nur die, die das sogenannte "Schweinesystem" schützen.

Unsere Uniform macht uns für sie zum Feind. Selbst, wenn ihre politischen Ansichten in manchen Fällen auch unseren entsprechen, wir haben die Aufgabe jede Demonstration, wenn sie weder verfassungsfeindlich oder anderweitig strafbar ist, nach innen wie nach aussen neutral zu schützen. Doch sobald Menschen in Gefahr sind oder Gesetze gebrochen werden, bleibt uns nichts anderes übrig, als einzugreifen.

In solchen Momenten war die Arbeit für mich doppelt belastend. Weil es sich auf die Psyche schlägt, gewalttätig gegen Menschen vorzugehen. Es ist nicht gesund. Einige meiner Kollegen kamen damit auch nicht klar.

Ich habe meinen Beruf gerne gemacht. Aber, ich möchte nochmals betonen, die brutale Gewalt von einigen Demonstranten habe ich mir nicht so vorgestellt. Nicht so hinterhältig, so infam, so link!

Deshalb möchte ich in der Haut meiner Hamburger Kollegen jetzt nicht stecken. Es wird Gewalt geben, so viel ist sicher. Ob es eskaliert, hängt davon ab, ob sie eine klare Kante zeigen.

So oder so - die kommenden Tage werden für sie eine echte Herausforderung.

Karlheinz Gaertner hat über seine Erfahrungen als Polizist ein Buch geschrieben. Der Titel "Sie kennen keine Grenzen mehr" ist im April 2017 im Orell Füssli Verlag erschienen.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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