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Jahrzehntelang habe ich Kinderschänder gejagt - oft war ich gegen ihre Methoden machtlos

10/10/2017 16:33 CEST | Aktualisiert 10/10/2017 17:45 CEST
Annie Otzen via Getty Images

Es ist ein toller Erfolg. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat mit Hilfe eines öffentlichen Fahndungsaufrufs den mutmaßlichen Kinderschänder eines vierjährigen Mädchens aus Niedersachsen ausfindig gemacht.

So erfreulich diese Nachricht ist, eines dürfen wir nicht vergessen: Die meisten Missbrauchsfälle werden nicht aufgedeckt. Öffentliche Fahndungsaufrufe, wie der des BKAs, sind sehr selten. Denn nur in besonders dringlichen Situationen greift die Polizei zu dieser Maßnahme.

Während meiner 44 Jahre im Polizeidienst habe ich viele Kinder leiden sehen. Kinder, die missbraucht, gedemütigt und benutzt wurden. Ich wollte ihnen helfen - doch zu oft konnte ich nur zusehen.

Denn leider ist es sehr schwer, pädophile Täter zu überführen: Kaum ein Kind ist bereit oder in der Lage mit der Polizei über das zu reden, was ihm zugefügt wurde.

Das ist Teil der perfiden Strategie vieler Täter. Sie suchen sich Kinder aus, die keinen oder sehr wenig familiären Halt haben und eine Vertrauensperson suchen - meist vernachlässigte Kinder aus prekären Verhältnissen.

Das Leben der Kinder wird zerstört

Das wissen die Täter auszunutzen. Sie versuchen, zu ihren Opfern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, indem sie sich mit den Kindern befassen und ihnen Zuwendung schenken, die sie sonst nicht bekommen. Das können Geschenke sein, aber auch Privilegien, zum Beispiel dass sie fernsehen dürfen.

So wird das Kind nach und nach emotional abhängig. Wenn der Pädophile dann erste sexuelle Handlungen startet, ist es für das Kind meist schon zu spät. Das Opfer kann sich praktisch nicht mehr von seinem vermeintlichen Wohltäter lösen.

Denn jetzt setzt die Angst vor dem erneuten Verlust einer Vertrauensperson ein und bindet das Kind an seinen Peiniger.

Was so einem Kind angetan wird, zerstört wahrscheinlich sein weiteres Leben. Häufig sind die seelischen Verletzungen so stark, dass das Opfer sein ganzes Leben lang damit zu kämpfen hat. Oft finden sich diese Kinder in kriminellen Kreisen wieder, prostituieren sich oder radikalisieren sich später sogar.

Leider ist es verdammt schwer, den Tätern auf die Spur zu kommen. Die Opfer wahren das schreckliche Geheimnis der Pädophilen meistens - aus Angst diese neue Vertrauensperson zu verlieren.

Pädophilenringe effektiv bekämpfen

Wir müssen die Öffentlichkeit daher mehr für das Thema Pädophilie sensibilisieren. Hier ist ebenso viel Vertrauensarbeit durch Erzieher oder Jugendämter gefordert, wie die Aufklärung über die Praktiken der Pädophilen. Parallel muss eine Stärkung des Selbstbewusstseins von gefährdeten Kinder erfolgen.

Entscheidend ist aber auch, dass man einen Fuß in die Tür von illegalen Internetforen bekommt. Pädophilenringe organisieren sich mittlerweile meist im Darknet, einem anonymen Teil des Internets. Sie verbreiten dort Video- und Bildmaterial ihrer Opfer. So war es auch im Fall der Vierjährigen aus Bremen.

In der Vergangenheit konnte die Polizei bei ihren Ermittlungen im Darknet schon einige Erfolge erzielen. 2013 gelang es der Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes Tausende mutmaßliche Kinderschänder im Darknet in die Falle zu locken. Und im März 2017 sprengte die Berliner Polizei einen Pädophilenring.

Je mehr wir es schaffen, in diese Szene einzudringen, desto besser stehen unsere Chancen, diesen Verbrechern auf die Schliche zu kommen, nicht nur den Kinderschändern selbst, sondern auch den Tausenden von Usern, die sich diese Aufnahmen anschauen und dafür bezahlen.

Deshalb müssen wir verstärkt Strukturen schaffen, die uns das ermöglichen. Wir sind es uns schuldig, die Schwächsten unserer Gesellschaft zu schützen und sie aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Karlheinz Gaertner hat über seine Erfahrungen als Polizist ein Buch geschrieben. Der Titel "Sie kennen keine Grenzen mehr" ist im April 2017 im Orell Füssli Verlag erschienen.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(mf)

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