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Die deutsche Gesellschaft verroht

24/05/2017 11:49 CEST | Aktualisiert 25/05/2017 10:55 CEST

In meinem Job habe ich 44 Jahre dafür gesorgt, dass sich die Menschen in Neukölln/Kreuzberg sicherer fühlen. Teilweise war auch ganz Berlin mein Revier. Und ich habe feststellen müssen, dass sich im Laufe der Jahre etwas geändert hat (auch oben im Video).

Die Stimmung in der Öffentlichkeit ist aggressiver und in Teilen auch gewalttätiger geworden. Bei Kriminellen verwundert es mich nicht sonderlich. In Situationen, wo es früher aber nicht mal ein Gerangel gegeben hätte, kommt es heutzutage schnell zu wüsten Schlägereien.

Festzustellen ist, dass die Aggressivität von normalen Bürgern wächst, etwa bei einfachen Verkehrskontrollen, bei denen Polizisten mir nichts dir nichts als Nazis beschimpft werden. Oder bei Unfällen wenn z.B. Radfahrer mit Passanten oder Autos zusammenstoßen und sich aus nichtigen Gründen plötzlich in den Haaren liegen.

Ich habe alles erlebt: Ich wurde bedroht, angegriffen, verletzt, meine Dienstfahrzeuge wurden beschädigt und sogar in Brand gesetzt.

Die Gesellschaft verroht

Mit Sicherheit hat die Kriminalität auch durch einzelne Migranten, die ins Land gekommen sind zugenommen aber nicht nur - das Problem liegt leider viel tiefer. Denn auch die Aggressivität von Deutschen ist gestiegen.

Die Menschen kennen keine Grenzen mehr. Die Gesellschaft verroht. Das ist ein Fazit aus meiner 44-jährigen Dienstzeit - und ich möchte gerne eine paar Beispiele nennen:

Ich war mit meinem Polizeiwagen unterwegs und bemerkte auf der Sonnenallee in Neukölln zwei Personen, die sich verdächtig verhielten. Ich dachte mir, dass sie eine Reinigung überfallen wollen - und stellte meinen Funkwagen gegenüber auf der Busspur ab, um sie zu beobachten.

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Als ich da so stand, gab es auf einmal einen lauten Knall. Ein Radfahrer fuhr vorbei, der mit der Faust gegen mein Auto geschlagen hatte und mir zusätzlich den Mittelfinger zeigte. Ich brauste dem Mann hinterher und stellte ihn. Es war ein etwa 50-jähriger Deutscher.

Als ich seine Papiere verlangte, kam es fast zum Gerangel. Ich musste ihn festhalten, damit er nicht wegfuhr. Wütend und anmaßend verlangte er, dass ich mich trotzt meiner Uniform erst einmal als Polizist ausweisen solle und fragte mich, was ich mir einbilde, auf der Busspur zu parken.

In den Medien spielt Gewalt eine große Rolle

Auf solche aggressiven Reaktionen trifft man aktuell immer öfter. Nicht nur die Polizisten/innen sondern Ärzte, Lehrer, Schüler, Feuerwehrleute und andere Ordnungskräfte sind davon betroffen. Wenn man es nicht selbst erlebt, stellt man fest, dass in den Medien Gewalt überall eine Rolle spielt.

Meine Schwägerin war Krankenschwester in einer Rettungsstelle eines großen Krankenhauses. Dort hat sie gekündigt, weil sie die stetigen, wütenden Attacken und Gewalttätigkeiten gegen das Personal nicht mehr aushielt. Das ist einer Gesellschaft wie der unseren einfach nicht würdig.

Ein anderes Beispiel. Vor einigen Tagen traf ich eine Kollegin während des Einkaufens. Sie erzählte mir aufgeregt, dass sie vor neun Monaten im Görlitzer Park als Zivilstreife mit einem Kollegen unterwegs war und dort einen Dealer festnehmen wollte.

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Dann kam ein 17-Jähriger auf sie zu, der ihr Dope verkaufen wollte. Als die Kollegen ihn überprüften, schlug der Junge der Frau ohne Hemmungen mit dem Ellbogen mitten ins Gesicht.

Sie hatte acht Knochenbrüche, immer noch steckt eine Metallplatte im Kopf. Sie ist 44 Jahre alt und wird wahrscheinlich nie wieder arbeiten können. Und das alles, weil dieser Bengel drei Tütchen mit Haschisch dabei hatte, für die er keine harte Strafe befürchten musste. Das steht in keinem Verhältnis. Dafür schlägt er die Kollegin dienstunfähig.

Ja, das sind Einzelfälle. Aber sie häufen sich. Und ich glaube, dass die Erklärungen dafür kompliziert sind. Es gibt mehrere Faktoren.

Es gibt offensichtlich immer mehr Leute, die meinen, sie sind der Mittelpunkt der Erde. Die sind weder arm noch aus einem schweren Elternhaus - die lassen sich nur einfach nichts mehr sagen. Nicht einmal von Polizisten.

Das sind jene Menschen, die schon bei einer normalen Verkehrskontrolle ausrasten, Polizisten beschimpfen und einfach nicht verstehen, warum sie mit den Uniformierten reden sollen. Ihr Ego ist so groß, dass sie der festen Überzeugung sind, niemand habe das Recht ihre vermeintlichen Freiheiten einzuschränken.

Von denen wird man behandelt wie der letzte Dreck

Ein weiterer Grund ist sicherlich auch, dass Menschen heute schon in jungen Jahren mit vielerlei Gewalt konfrontiert werden. An Schulen herrscht teilweise eine Grundaggressivität, die es früher einfach nicht gegeben hat.

Ja, man hat sich mal gerangelt, aber heute werden ständig Polizisten in die Schulen gerufen, um Straftaten aufzunehmen: Schlägereien, Drogendelikte, Messerstechereien. Diese Gewaltspirale setzt sich dann bei einigen fort bis ins Erwachsenenalter.

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Außerdem macht es mich wütend, dass Kriminellen an vielen Stellen freie Hand gelassen wird. Die nutzen jede Lücke in unserem Rechtssystem schamlos aus.

Der Bengel etwa, der meine Kollegin im Görlitzer Park schlug, bekam eine dreijährige Bewährungsstrafe und hundert Sozialstunden, während meine Kollegin vermutlich nie wieder arbeiten kann. Ist das gerecht? Ich glaube nicht.

Andere - etwa Araber-Clans, Links- und Rechtsextreme - wissen genau, wie sie sich rechtsfreie Zonen schaffen. Die hauen aus Jux und Dollerei auf Polizisten ein oder werfen Steine auf ihre Autos.

Das ist ein Event für die. Für meine Kollegen ist es bitterer ernst. Hinzukommt, dass es viele Polizisten frustriert, dass sie immer wieder die gleichen festnehmen und später wieder laufen lassen müssen.

Ich habe aber trotz allem nie die Freude an meinem Beruf verloren. Toll wäre es allerdings, wenn wieder mehr Respekt füreinander in unserer Gesellschaft herrschen würde. Nicht nur gegenüber Polizisten, Lehrern, Krankenschwestern und vielen mehr. Sondern auch untereinander.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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