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Sexuelle Vielfalt im Unterricht: Was ist nötig und vertretbar?

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SCHULE LIEBE
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Wie sollen Schüler und Schülerinnen im Unterricht über Sexualität informiert werden und wie können verschiedene sexuelle Präferenzen und Familienmodelle im Unterricht behandelt werden? Was kann und muss man thematisieren? Wie soll das geschehen?

Die Fragen werden in Deutschland heftig diskutiert - und oft wird polarisiert und vereinfacht. Das wird weder dem Thema noch den Kindern gerecht. Ein differenzierter Blick auf die drängendsten Fragen:

Aufgabe von Sexualerziehung in der Schule

Unterricht soll Kindern Kulturtechniken beibringen und die Welt erklären. Dabei ist ein wissenschaftlich korrektes Welt- und Menschenbild zu vermitteln, das ohne ideologische Scheuklappen für das private, berufliche und gesellschaftliche Leben trag- und erweiterungsfähig ist. Schule und Unterricht sollen Jungen und Mädchen außerdem befähigen und motivieren, ihr Wissen selbstbestimmt zum eigenen Nutzen, aber auch verantwortungsbewusst und sozialverträglich in konkretes Handeln umzusetzen. Die Bedeutung von Sozialisation, Erziehung und kulturellem Umfeld für das eigene Handeln und das Handeln anderer muss dabei immer wieder bewusst gemacht werden.

So könnte man die Aufgabe von Schule und Unterricht ganz allgemein beschreiben. Auf das Thema Sexualität bezogen braucht man im ersten Satz bei dem Wort "Welt" eigentlich nur "Sexualität als Teil der Welt" mitzudenken. Damit wird Sexualität zu einem Sachthema von vielen.

Das, was tendenziell und inhaltlich zu lernen ist, wurde im Nachgang zu den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz von 1968 in Richtlinien und Lehrplänen der Bundesländer im Einvernehmen mit relevanten gesellschaftlichen Gruppen ausformuliert. Im Mittelpunkt steht die sexualfreundliche Aufklärung über körperliche, psychische, sozial-gesellschaftliche, kulturelle und ethische Aspekte. Der „Bildungskanon" muss alle paar Jahre überarbeitet werden, wenn Wissenschaft und Gesellschaft neue Akzente setzen etwa bei dem Thema „Medizinisch unterstützte Elternschaft" oder „Geschlechterrollen".

Wie jeder einzelne junge Mensch dann schließlich mit der eigenen Sexualität umgeht und welchen Stellenwert er dem Sexualleben gibt (oder geben will/kann), sollte dem planenden und normierenden Zugriff von Schule und Unterricht entzogen sein - zumindest seitdem das Thema gemäß KMK-Empfehlung fächerübergreifend und nicht nur im Religionsunterricht behandelt werden soll.

Dass in der schulischen Sexualerziehung ein „Indoktrinationsverbot" gilt und das Erziehungs(vor)recht der Eltern respektiert werden muss, wurde höchstrichterlich bestätigt (BVG Urteil vom 21.12.1977). Für die Tendenz, durch spezielle "sexualpädagogische Methoden" das Thema über den regulären Fachunterricht hinaus zu emotionalisieren und eigenes Erleben von Kindern und Jugendlichen im Unterricht zu aktualisieren, öffentlich zu besprechen und zu beeinflussen, gibt es weder eine wissenschaftlich-pädagogische noch eine gesetzliche Grundlage.

Akzeptanz sexueller Vielfalt - eine aktuelle Herausforderung

Aktuell gibt es Streit darüber, wie weit in der Schule Wissensvermittlung über Sexualität gehen soll und wie intensiv traditionelle "hetero-normative" Vorstellungen von Sexualverhalten, Partnerschaft, Ehe und Familie im Interesse allgemeiner Entdiskriminierung und Gleichbehandlung "ent-normalisiert" werden müssen. Die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" soll mehr als bisher gesamtgesellschaftlich verankert werden.

Das Ziel "Akzeptanz sexueller Vielfalt" sollte im Rahmen von Sozialerziehung in einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft eigentlich unstrittig sein und Lehrpersonen sollten sich in Aus- und Fortbildung damit auseinandersetzen. Dass die Akzeptanz ihre Grenzen in gesetzlichen Vorgaben hat, ist selbstverständlich.

Für Diskussionen sorgen aber seit einiger Zeit Vorschläge von sexualpädagogischen Gruppen, dieses Ziel dadurch anzupeilen, dass 1. bereits mit Kindern und Jugendlichen diverse sexuelle Praktiken und Vorlieben als Ausdruck sexueller Vielfalt konkret behandelt werden sollen (Oral- und Analverkehr und der Einsatz typischer Utensilien, wie Dildo, Taschenmuschi, Latex, Handschellen usw.) und dass 2. als Form des generationsübergreifenden Zusammenlebens die klassische Familie (Vater, Mutter und Kind/er) keine besondere Erwähnung findet (siehe Tuider, E. u.a.: Sexualpädagogik der Vielfalt 2012).
Da regt sich sowohl bei Eltern als auch in der Lehrerschaft Widerspruch, denn es gibt durchaus Alternativen, mit Blick auf die Realität und ohne Einsatz suggestiver Methoden Verständnis und Akzeptanz für vielfältige sexuelle Lebensweisen zu fördern.

Vielfalt nicht-heterosexueller Biografien

Die Gleichwertigkeit sexueller Orientierungen (Hetero-, Bi- und Homosexualität) kann von der Grundschule an deutlich werden, wenn man beim Sprechen über sexuelle zwischenmenschliche Beziehungen nicht nur von verschiedengeschlechtlichen Partnerschaften ausgeht, sondern gleichgeschlechtliche Partnerschaften sprachlich und bildlich konsequent mit einbezieht. Die Aufklärung über die biologische Rolle der beiden Geschlechter bei der Fortpflanzung bleibt davon unberührt.

Menschen, deren Biografien von Inter- oder Transsexualität bzw. Transidentität geprägt sind, müssen sich auf seriöses Wissen und Empathie in der Allgemeinbevölkerung verlassen können. Die Grundlagen dafür können in der Schule durch Sachinformationen, authentische Berichte und Filme gelegt werden. Dass vielfältige biologische Uneindeutigkeiten (Intersexualität) mit der vorgeburtlichen, zu Beginn geschlechtlich undifferenzierten Entwicklung des Kindes zusammenhängen, sollte selbstverständlicher Lehrinhalt des humanbiologischen Unterrichts werden. Auch die nachgeburtliche geschlechtliche Entwicklung sollte variationsreicher dargestellt werden als bisher üblich.

Grundsätzlich ist die Einsicht zu vermitteln, dass die körperliche und die psycho-soziale Entwicklung (Sex und Gender) unabhängig voneinander verlaufen, und jede Lehrperson sollte sich dessen bewusst sein, dass Jungen oder Mädchen in ihrer Lerngruppe von einem der Themen persönlich betroffen sein können. Diese dürfen keine Respektlosigkeit, Abwertung, Pathologisierung oder Vorverurteilung in der Schule erfahren und müssen ggf. individuell pädagogisch unterstützt und auf geeignete außerschulische Beratungsangebote hingewiesen werden. Besonders interessierte Jugendliche sollten auch Workshops angeboten werden.

Vielfalt sexueller Vorlieben

Besondere sexuelle Vorlieben und Praktiken, die primär nichts mit der sexuellen Orientierung bzw. Biografie zu tun haben, bleiben Kindern und Jugendlichen wegen des ungehinderten Zugangs zu Aufklärungsseiten und zur Pornografie im Internet nicht mehr verborgen. Da sind kurze sachliche, leicht verständliche Erklärungen ohne moralisierende Bewertung durch die Lehrperson angebracht, wenn danach gefragt wird oder wenn bestimmte Ausdrücke in der Lerngruppe kursieren (wie z. B. Blow Job oder Taschenmuschi).

In Einzelfällen kann auch ein ausführlicheres Gespäch mit nur einer Teilgruppe sinnvoll sein.

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche erfahren, dass solche Praktiken hilfreich sind, wenn Menschen sie brauchen, um sexuell befriedigt zu werden, aber nicht für jeden Menschen interessant oder nötig sind. Auch auf Risiken muss dabei hingewiesen werden (z. B. beim Fisting oder beim Gruppensex). Es ist nicht zielführend (und pädagogisch auch nicht zu rechtfertigen), einer ganzen Klasse bestimmte Details - so wie in einigen Übungen des zitierten Handbuches vorgesehen - ungefragt "nahe" zu bringen und sie dabei kommentarlos und ohne Rücksicht auf evt. vorhandene Vorbehalte und Schamgefühle interessant zu machen.

Anzumerken ist: Kondome zählen schon lange nicht mehr zu den besonderen Hilfsmitteln. Sie werden zu Recht als Hygiene- und Schutzartikel in zeitlicher Nähe zur Aufklärung über den Geschlechtsverkehr nachdrücklich im Unterricht besprochen.

Familienformen

Der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung entspricht es, neben den traditionellen mehrheitlich gelebten Formen des partnerschaftlichen und familiären Zusammenlebens alternative Lebensweisen vorurteilsfrei zu besprechen (vor allem alleinerziehende Elternteile, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien). Der im Grundgesetz geforderte besondere Schutz von Ehe und Familie muss nach heutigem Verständnis nicht auf heterosexuelle Lebensweisen begrenzt bleiben.

Dazu können Bilder, Geschichten, Berichte und Filme zur Diskussion gestellt werden, in denen Besonderheiten der verschiedenen Lebensweisen für Kinder und Jugendliche anschaulich und verstehbar werden. Bei der unterrichtlichen Behandlung darf es nicht zu Abwertungen der aktuellen Lebenssituation von Kindern kommen.

Auch hier gilt grundsätzlich das Indoktrinationsverbot. Mädchen und Jungen sollen lediglich Denkanstöße und Orientierungshilfen für die eigene zukünftige Lebensgestaltung gewinnen und dabei auch die - ihnen vertraute - Sichtweise evt. vorhandener Kinder berücksichtigen. Eltern muss klar sein, dass ihr Vorbild bedeutsamer ist als jeder Schulunterricht.

Fazit

Es ist erstaunlich, wie aufgeregt derzeit über schulische Sexualerziehung gestritten wird, nur weil Sexualpädagogen, die eigentlich gar keine institutionalisierte Funktion in der Schule haben, das im Prinzip konsensfähige Ziel "Akzeptanz sexueller Vielfalt" mit speziellen Methoden umsetzen wollen: Konflikte sind hier vorprogrammiert.

Unserer Meinung nach wäre es vielmehr sinnvoll, die für fächerübergreifende Sexualerziehung zuständigen Fachdidaktiker (Biologie, Deutsch, Sozialkunde, Geschichte, Religion/Ethik, Musik, Sport usw.) zu beauftragen, mit Unterstützung von Fachleuten aus Pädagogik und Psychologie wissenschaftlich fundierte, methodisch unstrittige Konzepte zu entwickeln, die in den regulären Fachunterricht integrierbar sind - was in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich in Absprache mit vom Thema Betroffenen und mit Elternvertretern geschehen sollte.

Dazu müsste es aber endlich eine verbindliche Aus- und Fortbildung für Lehrer und Lehrerinnen der verschiedenen Fächer zur Sexualerziehung geben - die gab und gibt es bis heute in keinem Bundesland - sowie eine offen und ehrlich geführte Diskussion stattfinden.


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