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Die Gesellschaft 4.0 ist immer noch Chance und immer noch kein Selbstläufer

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Ein Blick zurück nach vorne

Manchmal lohnt ein Blick zurück nach vorne. 2014 schrieb der Autor dieses Beitrags in einem Grußwort des Competence Books zu Industrie 4.0 über die Herausforderungen der Zukunft 4.0 aus der Sicht eines ERP-Anbieters. Der damals vielleicht überraschende Untertitel: „Die Gesellschaft 4.0. ist Chance, kein Selbstläufer". Drei zentrale Botschaften prägten damals den gewünschten Blick in die Glaskugel: 1. Neue Technologie, aber vor allem auch neue Organisation erlaubt eine neue Produktivität. 2. Wir haben enorme Chancen, aber der internationale Wettbewerb schläft auch nicht. 3. Industrie 4.0 springt zu kurz, wir brauchen eine Gesellschaft 4.0.

Mit der Society 5.0 scheint eine Perspektive von 2014, die Gesellschaft 4.0, endlich im Mainstream - zumindest als Notwendigkeit - angekommen (über das Partnerland Japan der CeBIT 2017). Der internationale Wettbewerb scheint auch kein Thema zu sein, auf das man massiv warnend hinweisen muss. Der selbstverliebte Rausch der ersten Jahre der Industrie 4.0 hat sich gelegt. Man könnte zum Teil sogar von neuer globaler Harmonie sprechen. Da kann man sich allerdings manchmal auch täuschen. Auch im Kontext der Technologie sind manche Blütenträume wahr geworden. Damit kann man wieder einen Blick nach vorne wagen. Aber blicken wir zunächst einmal zurück bzw. hinein in das damalige Grußwort ...

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Bild 1: Spekulationen über Industrie 4.0 aus dem Jahr 2014

Volle Aufmerksamkeit für 4.0

Das Jahr 2014. Kein anderes Projekt genießt in der Fachöffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit als „Industrie 4.0". Es ist ein wesentlicher Bestandteil der Hightech-Strategie der Bundesregierung, interessanterweise eine rein deutsche Wortschöpfung. Im Zentrum von „Industrie 4.0" steht mit dem Begriff der „Kollaborationsproduktivität" eine neue Dimension der Leistungsfähigkeit der Wertschöpfungsaktivitäten, mit Hilfe derer eine deutliche Produktivitätssteigerung erwartet wird.

Neue Produktion (Märkte) als Treiber

Produktionssysteme der Zukunft müssen in die Lage versetzt werden, sich z.B. mit Hilfe leistungsfähiger ERP-Systeme weitgehend selbstständig optimieren zu können.

Dabei geht es vor allem um den Austausch relevanter Informationen über Unternehmensgrenzen hinweg in Echtzeit und die Simulation alternativer Strategien in Form von What-if-Szenarien.

Standardisierte Schnittstellen zukünftiger ERP-Systeme müssen eine integrierte Planung und ein durchgängiges Engineering über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg erlauben und damit heutige Multisite-Funktionalitäten im Sinne einer überbetrieblichen Kollaboration fundamental erweitern.

Die avisierten Ziele lassen sich aber nur durch die Unterstützung mit entsprechenden Infrastrukturen und einer fortgeschrittenen Normung und Standardisierung erreichen. Dem Medium Internet als zentraler Transporteur der Informationen im Internet der Dinge und Services kommt dabei eine herausragende Bedeutung zu.

Geschwindigkeit unzureichend

Alle involvierten Organisationen und nicht zuletzt auch die Bundesregierung müssen allerdings hierfür noch mehr Fahrt aufnehmen. Die Definition von Standards für die überbetriebliche Auftragsabwicklung aus technisch-logistischer Sicht muss durch den entsprechenden rechtlichen Rahmen ergänzt werden. Hier ist außer Sicherheitsbedenken gegenüber den aus meiner Sicht für eine Auftragsabwicklung in Echtzeit notwendigen Cloud-Services nichts zu hören. Im Gegenteil: Es werden immer mehr gedankliche Hürden und Bedenken aufgebaut.

Wir müssen die hier in Deutschland durch Politik oder Verbrauchs- und Datenschützer aufgebauschten Ressentiments abbauen und loslegen.

Die IT-Industrie, immerhin eine der größten Arbeitnehmergruppen in Deutschland (und Steuerzahler), braucht Innovationen im Netz der Dinge und Dienste. Und dies nicht als Selbstzweck, sondern als Enabler für neue innovative Geschäftsmodelle für die gesamte Wirtschaft.

Die im Zukunftsprojekt „Industrie 4.0" der Bundesregierung (!) formulierte Aufgabe, die Effizienz der Industrie derart zu steigern, dass „Stückzahl Eins" zu den Kosten der Massenproduktion hergestellt werden kann, wird nur durch die Schaffung der Rahmenbedingungen für das Internet der Dinge und Services möglich.

Davon bin zumindest ich überzeugt.

Globaler Wettbewerb

Der globale Wettbewerb schläft nicht. Schauen wir in die USA. Das „Industrial Internet Consortium" schafft kontinuierlich verbesserte Rahmenbedingungen für die Vernetzung der US-amerikanischen Industrie mit dem allerhöchsten Segen der US-Administration. Oder in Großbritannien ist die Initiative „High Value Manufacturing Catapult" mit dem klaren Ziel der fortschreitenden Unterstützung der Industrie bei der Erarbeitung, Umsetzung und Kommerzialisierung neuer Produkte und Geschäftsmodelle gestartet.

Wir sind nicht allein! Noch haben wir auf vielen Gebieten einen Vorsprung. Wir dürfen uns nicht durch den vielleicht typischen deutschen 100%-Anspruch aufhalten lassen und Konzepte solange in der Schublade liegen lassen, bis alle Bedenken ausgeräumt oder auf jede, noch so absurde, Frage eine Antwort gefunden wurde.

Vom Optimismus zur Gesellschaft 4.0

Industrie 4.0 ist eine konkrete Vision, anhand der sich alle Verbände, Unternehmen, Forschung, Bundesregierung und Ausrüster orientieren können. Es gilt nun die richtigen Schritte zur richtigen Zeit zu finden, um alle nötigen Übergangsformen zu bewältigen. Ich glaube fest an den Erfolg der Initiative. Auch wenn ich an der einen oder anderen Stelle sehr kritisch bin. Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als Innovation am Standort Deutschland voran zu treiben.

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, parallel zu Industrie 4.0, eine „Gesellschaft 4.0" zu schaffen. Diese zeichnet sich durch Stabilität, Innovationsfähigkeit, Sicherheit und nicht zuletzt auch Wohlstand aus.

So weit, so gut, so 2014.

Wo stehen wir heute im Jahr 2017? Beginnen wir mit dem Ende ...

These 3 („Gesellschaft 4.0") im Jahr 2017: Society 5.0 und Wohlstand für alle!

Die im Jahr 2014 geforderte Gesellschaft 4.0 stand tatsächlich im Jahr 2017 als Society 5.0 druch das Partnerland Japan im Mittelpunkt der CeBIT.

Während wir uns eher am Rande mit einem größeren Bild beschäftigten, haben die Japaner als Marktbegleiter - wie auch früher schon bei anderen Innovationen - das größere Bild in den Mittelpunkt ihrer Innovationen gestellt. Dass auch das international angesehene Druckerforum beim Treffen der Management-Vordenker Ende 2017 die „Inclusive Prosperity" und den „Wohlstand für alle" in den Vordergrund stellt, zeigt, dass auch die Management-Elite erkannt hat, dass es nicht reicht, wenn wir Technologien und Organisationen optimieren.

Trotzdem muss festgestellt werden: Die Gesellschaft 4.0 ist immer noch Chance und immer noch kein Selbstläufer. Nur, weil wir auf der CeBIT und im Druckerforum ein Thema aufgreifen, haben wir es noch nicht gelöst.

Die Gesellschaft 4.0 bleibt eine große Baustelle.
Wer glaubt Innovation auf Technologie und Organisation
beschränken zu können, springt gefährlich zu kurz.

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Bild 2: Arbeitsteilung zwischen IIC und Industrie 4.0, ©Robert Bosch GmbH

These 2 („Globaler Wettbewerb") im Jahr 2017: Neue „Coopetition"
Beim globalen Wettbewerb gab es unterschiedliche Entwicklungen. Zum einen erkannten die Chinesen das Potenzial des Ansatzes und kauften Nuggets wie KUKA auf.

Zum anderen schufen 2016 Vertreter der Plattform Industrie 4.0 und des Industrial Internet Consortium u.a. bei einem Treffen in Zürich, die Basis für eine neue Harmonie. Dabei wurde das Zusammenspiel der beiden Architekturmodelle RAMI (Industrie 4.0) und IIRA (IIC) erörtert, um eine künftige Interoperabilität der Systeme sicherzustellen (s. hier). Das klingt erst einmal gut, darf aber nicht dazu führen, dass im Internet of Things die Industrie 4.0 zur Nische wird, während das IIC das große Bild zeichnet.

Im Zeitalter des Internets of Things wäre
die Selbstbeschränkung der Deutschen
auf die Fertigungsnische selbstmörderisch.

These 3 („Neue Produktivität") im Jahr 2017:

Kommen wir zum unbelasteten Thema Technologie und Organisation: Wenn wir Deutschen nicht Gesellschaft 4.0 schaffen und auch im globalen Wettbewerb unter unseren Potenzialen bleiben sollten, Technologie und Organisation können wir. Wo geht es da hin? Im Vorfeld der Hannover Messe Industrie 2017 wurde ich wieder gebeten, im Rahmen eines neuen Competence Books über das MES (produktionsnahe Steuerungssysteme) der nächsten Generation nachzudenken.

Gesagt, getan!

Durch IoT und Industrie 4.0, aber auch durch die Anforderungen des Marktes befindet sich einiges im Wandel. Schauen wir uns die neue Wirklichkeit 4.0 genauer an:

  • Die Auflösung bestehender fester Produktionssysteme (wie bei Audi in Diskussion), im Sinne einer Schwarmfertigung in Netzwerk-Strukturen - diese frühere Vision kühner Vordenker ist heute Realität und sorgt für neue Fluiditäts-Fähigkeiten und damit für völlig andere Möglichkeiten der Produktionsabwicklung.
  • Durchgehende digitale Zwillinge dienen dabei als Abbild der aktuellen und zukünftigen Anlagenkonfiguration und den dazugehörigen Auftragssituationen - im Zeitverlauf mit allen auftrags-, anlagen- oder auch produktbezogenen Informationen. Sie vereinfachen Simulationen und Reihenfolgebildung.
  • Die umfassende Integration/ Nutzung des Klassikers RFID, aber auch moderner IoT-Lösungen zur Produktionssteuerung und Basissysteme wie RTLS (real time location systems) zur Feststellung des Übergangs von Material, Werkzeugen, Menschen in den nächsten Produktionsschritt, Lager, zur Bereitstellung oder Lieferung schaffen die Informationsvoraussetzungen.
  • Eine ereignisgesteuerte Produktion an Stelle fester Algorithmen, Steuerungs- und Planungstools dockt an die Fluidität der Strukturen auf Systemebene an und sorgt so für eine agilere und reagiblere Planung und Steuerung.
  • Klassische MES-Konzepte werden neu gedacht und zukunftsfähig ausgerichtet. Damit schaffen wir die Voraussetzungen für ein Andocken an die zukünftigen Plattformen.

  • Selbstlernende Systeme und moderne Ansätze wie Visual Computing erleichtern das Erkennen von Zusammenhängen in der Datenbasis und erlauben neue Formen der Entscheidungsunterstützung oder sogar die automatisierte Initiierung notwendiger Aktivitäten.
  • Die Entdeckung des Menschen wird nicht mehr nur von Professor Syska und anderen gefordert, sondern ist im Mainstream angekommen. Bessere Visualisierungen, neue Nutzungskonzepte, Individualisierung und eine größere Autonomie und Selbstorganisation:

„New Work" als Organisationskonzept
der Agilität und Fluidität durch Dezentralisierung und Autonomie
ist in der Produktion vielleicht noch radikaler
als im administrativen Bereich zu denken und zu gestalten.

Gerne verweise ich in diesem Zusammenhang auf meinen Beitrag „Menschen, Maschinen und Software" - von 2014 😉. In diesem Bereich sieht es am besten aus, aber ich hoffe, wir bekommen das mit dem globalen Wettbewerb und der Gesellschaft 4.0 auch noch hin.

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Lesenswert:

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