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Rechte Denker I - Social-Media-Denker

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RIGHT WING GERMANY
Lukas Schulze via Getty Images
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Ich wei├č, die Allgemeinheit in Deutschland ist nicht nur klug und gebildet, sie denkt auch unheimlich differenziert und tiefgr├╝ndig. Dennoch gibt es so manche Individuen - und vor allem in diesen unm├Âglichen sozialen Netzwerken -, die dieser Denktradition deutlich widersprechen.

Ja, es scheint fast, als w├╝rden sie gar nicht erst versuchen, komplexe Themen denkend zu erfassen. Doch nicht nur das: Auch das ethische Denken verweigern diese Menschen strikt, fast inbr├╝nstig. Denn Denken (und vor allem ethisches Denken) macht langsam. Und es nervt alle Beteiligten.

Um die aufgekl├Ąrte Allgemeinheit also mit dieser so undeutschen Denkungsart vertraut zu machen, die sich da irgendwo im Internet ereignet, folgen einige Beispiel dieser Premiumdenker, die jeden komplexen Sachverhalt - ganz facebookgerecht - bis ins Absurde verk├╝rzen:

Denkerin Nr. 1
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Was Lisi hier macht, nennt man ganz simpel: Simples Denken. Es handelt sich dabei um eine klassische Reduktion, die jegliche gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung au├čen vor l├Ąsst. Stattdessen beruft sich Lisi auf ein (schon wieder) sehr simples Modell von ÔÇ×Gastarbeit": Gastarbeiter kommt, wenn Arbeit da.

Wenn Arbeit weg, dann Gastarbeiter weg. Ob es allerdings so einfach ist? Daran, dass sich weder Politik noch Wirtschaft (vor allem diese nicht) ├╝ber den Verbleib dieser billigen Arbeitskr├Ąfte (also diejenigen, die die Drecksjobs f├╝r uns Deutsche erledigt haben) Gedanken gemacht haben, die Wirtschaft als auch die Politik aber von ihnen profitierte (und nat├╝rlich auch der deutsche B├╝rger); dass das geplante Rotationsmodell f├╝r Gastarbeiter keine Anwendung fand, da die Praxis dieses ├╝berholte; dass eine vern├╝nftige Integrationspolitik verschlafen wurde, diese Menschen letztlich nat├╝rlich nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland gekommen waren, sondern hier auch leben mussten (wie unh├Âflich); daran dachte Lisi nicht.

Oder sie dachte daran und entschied sich trotzdem f├╝r ihre Aussage. Dass mangelnde Bildung ein Kriterium f├╝r die deutsche Staatsb├╝rgerschaft sein soll, bleibt ebenfalls ein zu bezweifelnder und damit vielleicht ein alternativer Fakt. Daf├╝r gab es dann auch nur einen Like. Dass man seine Staatsb├╝rgerschaft wegen mangelnder Bildung nicht verlieren kann, sollte Lisi allerdings beruhigen. Ebenso wie Premiumdenker Nr. 2, der ├Ąhnliche Ansichten vertritt:

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Was Robert da letztlich macht, ist, Lisis provokanten Gedanken zu Ende zu denken, was hei├čt, ihn weiterhin in kleinkindlicher Manier zu simplifizieren. Auch daf├╝r, leider nur ein Like.

Abgesehen davon, dass die Ethik dahinter nicht zu denken ist (schlie├člich m├╝ssten Lisi und Robert einen gewissen Respekt vor anderen Menschen aufbringen, um ihnen ein weniger sklaven├Ąhnliches Lebensverh├Ąltnis zu w├╝nschen), k├Ânnte man aber, um irgendwie einen empathischen Bezug wiederherzustellen, auf Max Frisch h├Âren: ÔÇ×Man hat Arbeitskr├Ąfte gerufen, es kamen Menschen". W├Ąre ein Anfang.

Denkerin Nr. 3:
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Brigitte ├Ąu├čerte dieses Statement (wie die anderen Denker auch) in Bezug auf die Abschaffung der doppelten Staatsb├╝rgerschaft, die vor kurzem erneut diskutiert wurde. Mit dieser kurzen und knappen Denkbewegung, die alle Muslime dieser Welt einschlie├čt (und in einer zweiten kurzen Denkbewegung auch das Denken dieser Muslime) und diese f├╝r zu verschieden erkl├Ąrt, hat Brigitte zwar ihre Meinung kundgetan (was ja wichtig ist), aber nicht viele Anh├Ąnger gewonnen. Lediglich einen Like erhielt sie hierf├╝r.

Wahrscheinlich war die Plumpifizierung doch zu hoch. Eine unverr├╝ckbare unterschiedliche Denke von Muslimen und Christen(?), doch nicht differenziert genug, f├╝r das kritische Social-Media-Publikum. Aber vielleicht beim n├Ąchsten Mal.

Was dahintersteckt ist h├Âchstwahrscheinlich eine diffuse Angst vor dem Islam, die ja nicht unbegr├╝ndet ist, da sie gesellschaftlich diskutiert wird. Weiterhin ist Kritik am Islam erst einmal auch nichts Schlechtes. Diesen allerdings ├╝berhaupt nicht tolerieren zu wollen...hm...muss man so weder denken noch ├Ąu├čern. Nat├╝rlich darf man diesen aber ├Ąu├čern. Und sich danach hoffentlich ein bisschen bl├Âd vorkommen.

Denker Nr. 4:
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Dieser Denker, das gilt es anzuerkennen, ist ein kluger Denker. Sowohl Formulierung als auch Rechtschreibung deuten auf einen wachen Geist hin, der zu argumentieren wei├č. Nicht umsonst hat er - wohl vor allem auch wegen der Ausf├╝hrlichkeit - sieben Likes von anderen Mitdenkern erhalten. Auch in der sp├Ąteren Diskussion zeigte sich dieser Denker zugewandt, denkoffen und sogar konsensf├Ąhig.

Den Reduktionismus seines Denkens wollte er allerdings nicht einsehen und zwar, dass er vielen(!) T├╝rken unterstellt, dass ÔÇ×diese nicht unter den herrschenden Bedingungen des deutschen Staates leben wollen" und noch schlimmer, diese lediglich ÔÇ×ihre t├╝rkische Kultur mit den Segnungen der Sozialgesetzgebung ausleben" wollen.

Als Beweise hierf├╝r zieht er sp├Ąter sogenannte No-Go-Areas und die Abu Chaker Mafia heran. Oder er h├Ąlt seine These f├╝r best├Ątigt, wenn ein deutscher Staatsb├╝rger ebenfalls auch noch t├╝rkischer Staatsb├╝rger ist.

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Es ist offensichtlich, dass hier eine sehr naive Kausalit├Ąt gedacht wird und zwar eine, die den t├╝rkischdeutschen Mitb├╝rger stets diskriminiert und dessen Handlungsgr├╝nde ins Niedertr├Ąchtige projiziert.

Dass bspw. ein Deutscher mit t├╝rkischen Wurzeln seinen Zweitpass nicht abgeben m├Âchte, k├Ânnte ebenfalls (und dies muss nicht der alleinige Grund sein) damit zusammenh├Ąngen, dass viele T├╝rken - auch wenn sie bereits in der 3. Generation in Deutschland leben - hier immer noch nicht als vollwertige Deutsche gelten und einem Generalverdacht (siehe Beweisst├╝ck Facebookpost von Denker Nr. 4 und Denkerin Nr. 3) ausgesetzt sind. Das w├Ąre sogar ein guter Grund. Dennoch wird das Thema noch komplexer sein.

Ein Austausch ├╝ber Handlungsgr├╝nde w├Ąre da doch nicht schlecht, oder? Oder ├╝berhaupt ein Austausch.

Wir sind am Ende unserer kleinen Exkursion angelangt. Auch wenn man es nicht glauben mag, war das Anliegen dieser Feldstudie nicht die Diskreditierung und/oder Verballhornung der genannten Denkerinnen und Denker.

Vielmehr sollte deutlich werden, wie in sozialen Medien nun einmal (laut) gedacht wird und wie schmerzhaft als auch gef├Ąhrlich zu kurzes Denken klingen kann (aber hoffentlich nicht wirken wird). Es kann daher nicht schaden, weiter zu denken und nicht zu vergessen:

"Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler - Hannah Arendt"

Nachtrag: Da Denken auch stetige Kritik und Dialog ben├Âtigt, sind Kommentare (vor allem die besonders kritischen) erw├╝nscht. Oder hier vorbeischauen: moschauer.de

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