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Einstürzende Schulbauten: Ich mache mir Sorgen um das Leben meiner Kinder

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SCHULE
Einstürzende Schulbauten: Ich mache mir Sorgen um das Leben meiner Kinder | Gettystock
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Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal schreiben werde. Aber ich mache mir ernsthafte Sorgen um die Gesundheit meiner Kinder. Dass die Wände bröckeln und die Toiletten verdreckt sind, wissen die meisten. Doch die Schulgebäude unserer Kinder sind teils so marode, dass sie die Schüler gefährden.

Immer wieder müssen Turnhallen geschlossen werden, weil sich Deckenplatten lösen. Und wie viele von denen aus Asbest sind, traut sich keiner zu fragen. Ich bin studierte Bauingenieurin, berufstätige Mutter von zwei Kindern und wohne mit meiner Familie in dem Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf.

Lange dachte ich, in unserer Schule ginge alles mit rechten Dingen zu. Doch vor einigen Jahren erfuhr ich von der Lehrerschaft und anderen Eltern, wie es wirklich um die Schule meiner Kinder steht: Die Schule ist hochgradig sanierungsbedürftig.  

"Einstürzende Schulbauten": Ganz Berlin scheint gefährdet

Als Bauingenieurin fühlte ich mich dazu berufen, etwas gegen den Verfall der Schulgebäude zu unternehmen. Meine Kinder sollten nicht in baufälligen Klassenzimmern lernen müssen.

Mit der Hilfe des Blogs „Einstürzende Schulbauten" begann ich, mich als Elternvertretung für die Renovierung des Schulhauses zu engagieren. Am Anfang war ich noch motiviert. Doch eigentlich war es für mein Engagement schon zu spät.

Es ist nicht mehr viel zu retten. Ob baufällige Pavillons, feuchte Wände, undichte Dächer oder stinkende Sanitäranlagen: Die Aufgabe scheint schier nicht zu bewältigen. Und das gilt nicht nur für unsere Schule. Etliche Schulhäuser in Berlin müssten kernsaniert werden. Viele Eltern wissen das.  

In unserer Sporthalle tauschte man die Abflussrohre aufgrund von einem Legionellen-Befall zwar aus, doch wer weiß schon, ob die Deckenplatten in den Klassenzimmern nicht Asbest enthalten.

Solche Dinge sollten eigentlich regelmäßig geprüft werden, doch seit ich mich mit dem Thema Schulsanierung beschäftige, glaube ich nicht, dass hier alles nach Vorschrift läuft.

Trotz Wasserschäden keine Reaktion von den Behörden

In einem Klassenzimmer gab es vor vier oder fünf Jahren einen Wasserschaden, der dazu führte, dass einige der  Deckenplatten herunterstürzten. Dabei wurde glücklicherweise niemand verletzt. Das zuständige Amt wurde informiert und man bewilligte eine Reparatur.

Zwar konnte das Dach notdürftig geflickt werden, doch für die dringend benötigten Deckenplatten fühlte sich keine der Behörden zuständig. Man vertröstete uns mit der Ausrede, sie seien nicht mehr erhältlich.

Ein Trockenbauer aus der Elternschaft begutachtete darauf den Schaden erneut und stellte einen entsprechenden Kostenvoranschlag. Wie zuvor ausgemacht, schickten wir das Angebot an die Behörden. Doch eine Antwort bekamen wir nie.

Ein Jahr später wiederholten wir den Vorgang, doch von den verantwortlichen Beamten haben wir nie wieder etwas gehört .Seitdem hängen durch die Löcher die Elektrokabel herunter, immerhin nicht für die Kinder erreichbar - ein schwacher Trost. Die Deckenplatten fehlen bis heute und ich bin davon überzeugt, dass sie in fünf Jahren auch noch fehlen werden.

Die Verwaltung ist hilflos überfordert

Dieser Ablauf scheint sich immer wieder zu wiederholen. Macht man das Amt auf einen der gravierenden Mängel aufmerksam, verschwindet der registrierte Schaden in den Tiefen der Bürokratie.

Ich glaube nicht, dass da eine böse Absicht dahinter steckt. Die Behörden bekommen das einfach verwaltungstechnisch nicht auf die Reihe. Der Stapel an Renovierungsanforderungen ist endlos, die Kapazitäten an Beamten jedoch stark begrenzt.

Die richtig harten Fälle bekommen zwar Vorrang, wenn zum Beispiel eine Turnhalle oder eine Zimmerdecke akut einsturzgefährdet ist, doch "normale" Renovierungen werden dabei vernachlässigt. Vielen Bezirken bleibt am Ende des Jahres paradoxerweise dennoch ein Teil ihres Budgets. Die schaffen es nicht, ihr Geld auszugeben. Die Probleme aber bleiben.

Wie kann es sein, dass die Stadt Milliarden für einen Flughafen ausgibt?

Und klappt es dann doch einmal, dauert der Umbau Jahre und am Ende explodieren die Kosten. Wie kann es eigentlich sein, dass unsere Kinder in den letzten Baracken hocken, während auf einer bestimmten Baustelle in dieser Stadt Milliarden verpulvert werden?

Warum müssen sich Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen, während auf dem neuen Flughafen eine Fehlplanung nach der anderen die Kosten in die Höhe treibt? Wenn ich darüber nachdenke, an was es in unseren Schulen fehlt und was für dieses Bauprojekt alles bereitgestellt wird, dann frage ich mich ernsthaft, welche Prioritäten diese Stadt hat.

Klar, Schulen sind kein schickes Prestigeobjekt, mit denen man ausländische Investoren ködern kann, aber ist es wirklich fair, unsere Kinder deswegen so zu vernachlässigen? Wie will Deutschland in einem Wettbewerb der Wissens-Ökonomien mithalten, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, Wasserschäden in Klassenzimmern zu beseitigen? Zur Erinnerung: Wir sind hier mitten in Europa.

Hätte ich keine zweite Tochter, die gerade am Anfang ihrer Schullaufbahn steht, würde ich die Probleme vielleicht ignorieren. Es ist ein Kampf, der zu nichts führt.

Warum soll ich weiter meine Freizeit opfern?

Aber ich kann nicht einfach so aufhören. Wenn wir es jetzt nicht in die Hand nehmen, wird sich auch in den nächsten zwanzig Jahren nichts ändern. Lasst uns alle zusammen anpacken.

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