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"Die Arme-Leute-Krankheit": Wie eine Jobcenter-Mitarbeiterin mich demütigte, weil mein Kind krank ist

07/12/2017 16:55 CET | Aktualisiert 08/12/2017 11:50 CET
ullstein bild via Getty Images

Es war ein feuchter und nebliger Dezembertag. Ich folgte meiner Einladung zum Jobcenter, obwohl ich über eine Krankmeldung nachgedacht hatte.

Aus Erfahrung wusste ich allerdings, dass Krankmeldungen von Jobcentern häufig ignoriert werden, um einen Grund zu haben, die Bezüge der Arbeitslosen zu kürzen. Ich traf also die folgenschwere Entscheidung dem Jobcenter einen Besuch abzustatten.

Einen Tag zuvor wurde bei meinem 12-jährigen Sohn Scabies - wie die Krätze fachsprachlich genannt wird - diagnostiziert.

Ich habe ihn Abends sofort mit einer Creme behandelt, einschließlich mich selbst und meinen Partner. Wir haben alle hygienischen Maßnahmen getroffen, die erforderlich sind, um die Ausbreitung von Scabies-Milben zu verhindern.

Ich hätte nie gedacht, dass es uns trifft

Bereits seit Monaten geistert die Nachricht durch die Medien, die Krätze würde in ganz Norddeutschland grassieren. Bis vor kurzem konnte ich mir nicht vorstellen, dass es auch uns treffen könnte.

Auf meinen Auftritt im Jobcenter reagierte die zuständige Mitarbeitern erst einmal brüskiert. Sie fragte schnippisch, weshalb ich nicht zum letzten Termin erschienen wäre? Und warum ich nicht mal eine Krankmeldungen an sie geschickt hätte.

Freundlich händigte ich ihr die Kopie des letzten Krankenscheins einschließlich der Quittung meines Einschreibens aus.

Nachdem meine Jobvermittlerin einen verwirrten Blick in ihre PC-Daten geworfen hatte, um nach einem entsprechenden Hinweis zu suchen, stammelte sie leicht nervös die Worte, mich mit jemandem verwechselt haben zu müssen, ehe sie sich langsam, überrascht in meine Richtung drehte, um das Gespräch wiederaufzunehmen.

"Sie haben die Krätze?!"

Sie fragte mich nach meinem psychischen Befinden, und ich antwortete, dass es mir gut gehe. Als sie nach jedoch nach meinem Sohn fragte, begann ich den großen Fehler: Ich sagte ihr die Wahrheit.

Wenn ich vorher gewusst hätte, dass meine Aussage über den Scabies-Befall meines Kindes bei der Mitarbeiterin fast zu einem Nervenzusammenbruch führen sollte, hätte ich die Klappe gehalten.

"Sie haben die Krätze?!", fragte sie mich empört.

Ich konnte ihr die Ansteckungsgefahr anhand ihrer Gesichtsblässe und ihrer zitternden Unterlippe problemlos ablesen. Und das alles nur, weil ich ihr eine ehrliche Antwort auf die Frage gab, wie es denn meinem Sohn ginge.

Ich hielt vor Schreck den Atem an. Oh - mein Gott - was soll ich jetzt bloss machen, dachte ich? Nervös rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her.

Bemüht, meine Aussage mit wahrheitsgemäßen Informationen über meine nicht vorhandenen Symptome zu relativieren, schnitt mir die Jobvermittlerin das Wort mitten im Satz ab.

Mehr zum Thema: "Fast eine Milliarde": Wofür Jobcenter das Geld ausgeben, das eigentlich Hartz-IV-Empfängern helfen soll

Ihrer Meinung nach wäre ein Scabies-Befall in der ganzen Stadt meldepflichtig. Völlig überstürzt griff sie zum Telefonhörer, um sich meine Aussage von unserer Kinderärztin bestätigen zu lassen.

Ich stotterte, nicht zu wissen, ob die Kinderärztin überhaupt befugt wäre, ihr eine Auskunft zu erteilen, wonach die Jobvermittlerin sich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck mit beiden Händen den Kopf abstützen musste. Ich zog in Erwägung, sie zu fragen, ob ich ihr besser ein Glas Wasser holen sollte.

"Sie haben mich doch nach dem gesundheitlichen Befinden meines Sohnes gefragt oder nicht?", wollte ich wissen.

Bemüht, das Ganze lässig herunterzuspielen, informierte ich die Jobvermittlerin darüber, dass Scabies derzeit in allen gesellschaftlichen Schichten grassiere und sogar Tabletten in den Apotheken vergriffen wären.

Die Missachtung meiner Würde

Die Jobcenter-Mitarbeiterin richtete die vor Empörung und Ekel geschwängerten Worte an mich, die eine arbeitslose Mutter von zwei Kindern nicht mehr stigmatisieren könnten:

"Das ist eine Arme-Leute-Krankheit!", widersprach sie. "Die bekommt man von unzureichenden hygienischen Bedingungen Zuhause, wenn man sich nicht wäscht!" Demonstrativ zeigte sie mir die Reinigung ihres Armes mit einem imaginären Lappen.

In diesem Moment wurde mir klar, wozu ihre Theatralik diente.

Ich hätte ihr am Liebsten gesagt, dass es nichts Einfacheres gibt als sich hinter verschlossenen Türen über einen Erwerbslosen lustig zu machen, dessen Psyche infolge der jahrelangen Missachtung seiner Würde nicht gerade die Stabilste wäre. Doch schließlich hielt ich ihre Aussage keine Antwort für würdig.

Hinsichtlich ihrer Andeutung, dass ich ab Januar 2018 eine andere Betreuerin zugewiesen bekäme, brauchte sie sich anscheinend keine Mühe mehr in einem höflichen Umgang mit mir oder irgendwelchen sozialen Normen zu geben.

Mit gewohnt kühler Herablassung ließ sie mich wissen, dass im Falle eines Scabies-Befall in ihrer Abteilung ich der einzige in Frage kommende "Herd" wäre, wonach sie mich von oben bis unten musterte.

Ich bin mir sicher, dass mein gepflegtes Erscheinungsbild nicht unbedingt ihrem Klischee eines Erwerbslosen entsprochen hat.

Tatsächlich liegt der Verdacht nahe, dass Jobcentermitarbeiter offenbar darin geschult sind, nichtvermittellbare Mütter und Alleinerziehende zu diskriminieren, sobald sich eine Möglichkeit dazu findet, wohinter das eiskalte Kalkül einer organisierten Schikane steckt.

Nur ein Arbeitsloser ohne Zukunft, ist ein guter Arbeitsloser

Es stellt sich mir die Frage, weshalb es nicht Ziel der Betreuung von Arbeitslosen ist, Erwerbslose zu stabilisieren, um sie für den Arbeitsmarkt fit zu machen, anstatt ihren niedrigen Stellenwert hervorzuheben und sie nach Krankschreibungen anzubetteln, obwohl ich die Antwort längst kenne: nur ein Arbeitsloser, der aus dem System gedrückt wird, ist ein guter Arbeitsloser.

Diese vor mir sitzende, nicht ausreichend über Scabies informierte Person, die Erwerbslose betreuen, beziehungsweise verbal misshandeln darf, sollte mit anämischer Gesichtsblässe hinzufügen, dass hier 900 Personen täglich ein und ausgingen und sie nicht verstehen könne, weshalb ich die Frechheit besäße mit Scabies durch das Jobcenter zu spazieren.

Und das, wo ich doch wissen müsste, dass Krankmeldungen im Jobcenter gut ankommen.

Von da an war mir klar: Arbeitslose, die nicht vermittelbar sind, werden von Jobcenter-Mitarbeitern bewusst unter Druck gesetzt, sich krankschreiben zu lassen.

Mehr zum Thema: Jobcenter bezeichnet Betteln als Beruf - und kürzt Dortmunder Hartz-IV-Empfänger die Bezüge

Immer wieder informierte ich meine Vermittlerin darüber, dass Scabies nicht an mir, sondern an meinem Sohn diagnostiziert worden wäre. Außerdem stellte ich klar, aus Angst vor unrechtmäßigen Sanktionierungen es vorzuziehen, einer Krankschreibung aus dem Weg zu gehen.

Denn eine Krankschreibung im Jobcenter einzureichen bedeutet nicht automatisch, dass sie dort auch in die zuständige Abteilung weitergeleitet wird.

Doch kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, hatte die Jobvermittlerin bereits die Amtsärztin in der Leitung.

"Du, sag mal: Hier sitzt eine, die hat gesagt, sie und ihre Kinder hätten die Krätze. Ich weiß nich, was ich machen soll. Muss ich das jetzt nicht melden? Nein, nein?". Und da war er: dieser etwas kleinlaute Unterton der Perplexität. "Nein? Wirklich nicht? Bist du dir sicher? Aha ... nur in der Einrichtung, mhm, verstehe, ja, verstehe...".

Nachdem die Jobvermittlerin das Telefonat beendet hatte, reichte sie mir ein Desinfektionstuch und bat mich nachdrücklich mit fast flehender Tonlage, es bitte zu benutzen und bei Verlassen des Zimmers tunlichst zu vermeiden, die Türgriffe anzufassen.

"Verlassen Sie sofort das Zimmer!"

Ich fragte mich später, ob sie gewusst hat, dass Desinfektionstücher wirkungslos gegen Scabies-Milben sind oder sie gar in Erwägung gezogen hatte, dass ich noch andere Infektionskrankheiten mit mir herumtragen könnte.

Vielleicht hatte sie auch einfach nur Spass daran, mich mit angewiderten Gesichtsausdruck zu verleumden, abzuwerten und zu schikanieren.

Obwohl von 60 Minuten Gesprächszeit noch über eine halbe Stunde vor mir gelegen hätte, brach die Jobvermittlerin das Gespräch zum Glück unverzüglich ab. Zum Abschluss beförderte sie mich unfreundlich und mit einem drohenden Unterton aus dem Zimmer:

"Und nun verlassen Sie sofort das Zimmer!"

Noch viele Stunden später saß ich fassungslos vor meinem PC und fragte mich, wem ich dies zu verdanken habe - Herrn Schröder, Frau Merkel, den vielen Migranten oder vielleicht mir selber, weil ich den Fehler gemacht habe zwei Kinder in die Welt zu setzen, um für lange Zeit in den Alleinerziehenden-Status abzurutschen?

Die "Arme-Leute-Krankheit"

Die Diskriminierung, die ich im Jobcenter erlebt habe, hat bei weitem alles übertroffen, was ich in den letzten Jahren als Leistungsbezieherin erlebt habe.

Ich möchte hoffen, dass nicht alle Menschen, die sich mit Scabies infizieren, eine derartig menschenverachtende Behandlung erleben wie ich. Man kann nur den Kopf schütteln. Es ist traurig.

Ich habe gesenkten Kopfes mit einem Desinfektionstuch die Eingangstür verlassen und habe mich gefühlt wie eine Aussätzige, die alle Regeln gebrochen hat und Menschen in ihrer Umgebung in Gefahr bringt.

Die Möglichkeit, dass jemand am heutigen Tag mit Influenza den Türgriff benutzt haben könnte - eine Krankheit an der jährlich viele Menschen sterben - war hinsichtlich der Schwere meiner seltenen "Arme-Leute-Krankheit", die bisher nur an meinem Kind diagnostiziert worden ist, vollkommen egal. Und das alles nur, weil ich damit dem Klischee einer Arbeitslosen entsprach.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Ich habe daraus gelernt, dass Arbeitslose mit Krankschreibungen lediglich erpresst werden, weil sie eine große Belastung für den Sozialstaat sind. Es ist besser, wenn sie zuhause bleiben, weil man ihnen schlicht und einfach keine Arbeit geben kann oder möchte.

Sie werden unter Druck gesetzt, sich krankschreiben zu lassen, damit die Jobcenter das Problem an die Kommunen weiterschieben können.

Ich habe daraus gelernt, dass Erwerbslosen nicht geholfen wird, sondern sie hinter verschlossener Tür als lebende Zielscheibe dem gebündelten Hass von Jobcenter-Mitarbeitern ausgesetzt sind.

Ich habe daraus gelernt, dass eine schwer vermittelbare Mutter von zwei Kindern in den Mühlen des Systems krank gemacht wird. Aktuell weiß sie nicht, wie sie dort je wieder rauskommen soll.

Und ich habe gelernt, dass es wohl nirgendwo anders größere Hierarchien, Ächtung und soziale Inkompetenz gibt wie im Jobcenter - woraus sich für mich nur eine einzige logische Schlussfolgerung ergibt: Ich werde meinen Traum von einer gerechten, linksgerichteten Regierung nicht aufgeben - solange, bis er wahr wird.

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