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"Macht's erstmal selbst besser": Nach der Wahl rechnet eine genervte Österreicherin mit deutschen Besserwissern ab

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SEBASTIAN KURZ
Dan Kitwood via Getty Images
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Es war wieder so weit. Um von eigenen Problemen im Land abzulenken - und da gibt es genug - schaute ganz Deutschland am vergangenen Sonntag nach Österreich. Und wie immer, wusste unser großer Nachbar alles besser.

Natürlich war das Ganze in liebevolle Worte verpackt, wie etwa: Österreich - die
"Operettenrepublik", also extra viel Drama, Glanz und Theatralik.

Ich habe darauf nie reagiert und konterte auch nicht mit dem billigen Wort "Piefke", wie viele andere Österreicher. Trotzdem geht es mir auf den Zeiger, dass es jetzt aus Deutschland wieder gute Ratschläge regnet. Danke dafür!

Während sich manche Journalisten nach dem Erfolg der rechtspopulistischen FPÖ von der zweiten österreichischen Republik bereits verabschiedeten, erklärten andere was SPÖ und ÖVP jetzt alles dringend ändern müssen. Andernfalls droht Österreich auf ewig nach rechts zu rutschen.

Würden all eure großartigen Ratschläge postwendend in Deutschland angewendet, wäre das perfekt. Doch warum tut ihr es im eigenen Land nicht? Gibt es in Deutschland etwa keinen Rechtsruck?

Die ewige Nachhilfe nervt - macht es doch erstmal besser!

Ob ihr es glaubt oder nicht, wir Ösis haben keine Probleme mit unserem Rückgrat. Wir können uns sehr gut aufrecht bewegen.

Jetzt, nach dem Wahlergebnis, werden die ganzen alten Plattitüden wieder hervorgekramt. Von "Österreich hat seine Geschichte noch nicht verkraftet" ist die Rede, sowie von der "ekelhaften Politik" in Österreich.

Dabei wird vergessen, dass wir zwar eine gemeinsame Muttersprache haben, aber keine gemeinsame Mutter und auch keine Familie sind. Und deshalb hinken eure Vergleiche noch mehr.

Vor allem: Diese ewige Nachhilfe und nervt. Macht es doch selbst besser. Und vor allem: Fangt endlich damit an! Denn im Gegensatz zum Wahlkampf in Deutschland, war der Wahlkampf in Österreich wenigstens von Höhen und Tiefen geprägt.

Unsere TV-Duelle waren spannender als Eure - und das obwohl es bei uns insgesamt 41 Stück gab. Diese forcierten außerdem eine neue Meinungsbildung auf Seiten der Zuschauer.

Mehr zum Thema: Kurz' Sieg hat erneut gezeigt: Der Bruch mit Partei-Traditionen bringt Erfolg - doch ist wenig nachhaltig

Mit all den Themen rund um Zuwanderung, Bildungsniveau und Wirtschaft 4.0 war der Wahlkampf aktiv näher am Ohr des Volkes, als bei Euch in Deutschland. Eure Politiker haben das Gähnen neu erfunden.

Zusammengefasst kann man sagen: Bei uns lieferten sich die Kontrahenten eine Schnitzeljagd, während in Deutschland müde Topfschlagen gespielt wurde.

Und dass all unsere Kandidaten smarter und fescher aussehen als Eure, darf man natürlich auch nicht vergessen. Beklagenswert ist bei uns wirklich keiner.

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"Wie kann so ein junger Mensch Kanzler werden?"

Und noch etwas einzigartiges hat sich am Sonntag nach dem Wahlergebnis ergeben: Mit Sebastian Kurz (31) haben wir einen jungen Kanzler und mit Alexander van der Bellen (73) einen älteren Bundespräsidenten.

Zwischen diesem Ösi-Spagat liegt symbolisch das Ohr des Volkes. Damit vereinen wir alle Generationen - das soll uns erstmal jemand nachmachen. Tu felix Austria.

Euer Lieblings-Attacke: "Wie kann so ein junger Mensch Kanzler werden?" beantworte ich als Exil-Wienerin: Ganz einfach, weil das keine Frage des Alters ist.

Ich freue mich schon jetzt auf das Foto: Der junge Kanzler Kurz küsst der altgedienten Kanzlerin die Hand. Ein bisserl was passt eben immer...

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