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Ein Brief an meine Kinder: Es tut mir leid, dass ihr mit einem arabischen Nachnamen leben mĂĽsst

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KARIM SHAMSIBASHA
KARIM SHAMSI-BASHA
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Meine Lieben Zade, Dury und Demi,

ich hoffe dieser Brief erreicht euch gesund und munter, auch wenn die Welt auseinander zu brechen scheint. Ich weiĂź, dass ihr stolz auf eure Wurzeln seid, aber ihr solltet euch ein paar Dinge klar machen.

Betrachtet diesen Brief als eine Bitte um Entschuldigung fĂĽr euren Nachnamen.

"Islam" und "Terrorismus" sind quasi synonym

Viele Leute werden euch fragen, wo ihr herkommt. Ihr solltet euch darauf gefasst machen, dass man euch wegen eures arabischen Nachnamens viele Vorurteile und Rassismus entgegen bringen wird.

Als ich aufgewachsen bin, war es für mich selbstverständlich, stolz auf meine syrische Herkunft zu sein. Schließlich zählte Syrien zu den führenden Ländern im Nahen Osten. Doch heute, da dort seit sieben Jahren ein schrecklicher Krieg tobt, ist dieser Stolz sehr mühsam geworden.

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Schuld daran ist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Wörter "Islam" und "Terrorismus" quasi als Synonyme betrachtet werden. Es hilft auch nicht, dass alle paar Monate jemand aus unserem Kulturkreis durchdreht und unschuldige Menschen tötet.

In den vergangenen Jahren bin ich des öfteren gefragt worden, ob ich ein Terrorist sei. Am besten legt ihr euch für diesen Fall eine geschmackvolle Antwort bereit. Ihr dürft euch nicht aus der Fassung bringen lassen.

"Wieso fragen Sie das?" ist zum Beispiel eine gute Antwort. Oder ein einfaches: "Nein, das bin ich nicht." Früher hat mich die Frage wütend gemacht, heute lache ich darüber. Ich hoffe ihr könnt es auch.

Ihr fragt euch vielleicht, weshalb ich den arabischen Namen nicht abgegeben habe. Nun, es gibt viele GrĂĽnde wieso man stolz darauf sein kann von Arabern abzustammen.

Arabische Länder gehörten lange Zeit zu den führenden Nationen dieser Welt, besonders zwischen dem 7. und 13. Jahrhundert.

Die Ausbreitung des Islams ließ die Region erstmals zusammenwachsen. Später waren es die Sprache, die Kultur und der Handel. Die arabische Identität vereinte Muslime, Christen und Juden. Sie führte Saudi-Araber, Afrikaner, Berber, Ägypter, Phönizier, Kanaaniten und viele andere ethnische Gruppen zusammen.

Vergesst nicht, welchen Beitrag eure Vorfahren zur Weltkultur geleistet haben. Die größte Errungenschaft der arabischen Welt ist vermutlich das phonetische Alphabet. Zu den weiteren gehören:

1. Mathematik

Das arabische Ziffernsystem hat schon zur Lösung vieler mathematischer Probleme geführt. Wie aus Leonardo da Vincis Schriften hervorgeht, haben die Araber Algebra erfunden.

2. Astronomie

Da der Zeitpunkt des Sonnenauf- und -untergangs für die Gebetszeiten von großer Rolle ist, waren Araber seit jeher darum bemüht, genaue Aufzeichnungen darüber zu führen. Basierend darauf stellte Al-Biruni später die These auf, dass die Erde um ihre eigene Achse kreist. 600 Jahre später belegte Galileo dies als Tatsache.

3. Medizin

Es waren die Araber, die die heilenden Künste der alten Mesopotamier und Ägypter ausgebaut haben. Al-Razi zählt zu den einflussreichsten Forschern was die Ausbreitung von Krankheiten angeht und Ibn Sina zu den bedeutendsten medizinischen Schriftstellern des Mittelalters. Seine Werke waren bis zum 17. Jahrhundert Pflichtlektüre in ganz Europa. Ein Syrer, Ibn al-Nafis, entdeckte die Grundlagen der Blutzirkulation.

➨ Mehr zum Thema: http://www.huffingtonpost.de/2015/01/05/erfindungen-muslime_n_6415884.html

4. Architektur

Araber nahmen sich die Hufeisenform der Römer zum Vorbild und entwickelten daraus ihre eigene Stilrichtung. Moscheen von Damaskus bis Kairo belegen, dass das islamische Minaret vom griechischen Leuchtturm inspiriert wurde.

Der arabische Stil, etwa in Schrift und Farbe findet sich in Bauwerken wie dem Löwenhof des Alhambra Palastes in Granada, der großen Moschee von Cordoba und anderen mittelalterlichen Bauten in Europa.

5. Navigation und Geographie

Die ersten geographischen Aufzeichnungen wurden durch die Kanaaniten gemacht, die auĂźerdem den atlantischen Ozean entdeckten. Im 12. Jahrhundert vollendete ein genialer Geograph namens Al-Idris einen Atlas der 70 Karten umfasste, von denen viele erstmalig waren.

6. Landwirtschaft

Der Beitrag der arabischen Welt zur Nahrungsproduktion ist enorm. Es war ihnen möglich, eine einzelne Weinrebe so zu züchten, dass sie verschiedenfarbige Trauben trug. Zudem bildeten ihre Weinberge die Grundlage für die spätere europäische Weinindustrie.

7. Sprachen

Die Kalligraphie wurde zur Kunstform nachdem der Koran von Mohammed ins Arabische übertragen wurde. Die Sprache an sich ist reich an Poesie und Drama. Übersetzungen aus dem Griechischen oder Römischen sowie die Werke der Philosophen Aristoteles, Platon, Hippokrates und Galen gehörten zu den ersten Veröffentlichungen.

8. Musik

Die Harfe, die Leier, die Zither, die Trommel, das Tamburin, die Flöte, de Oboe und einige Schilfinstrumente, die wir heute verwenden, gehen auf Modelle aus der arabischen Kultur zurück. Die Gitarre und die Mandoline sind übrigens mit der Oud verwandt.

9. Philosophie

Schon die frĂĽhen arabischen Philosophen versuchten Antworten auf Fragen zu Gott und der Welt zu finden. So beeinflusste der Philosoph al-Kindi unter anderem die Werke von Platon und Aristoteles.

Die Preisfrage bleibt: Wenn wir all das zu Stande gebracht haben, wieso stehen wir dann heute vor so vielen Problemen?

Die Wogen, die der arabische Frühling 2011 geschlagen hat, sind noch lange nicht geglättet. Es wird eine Zeit dauern, bis die arabische Welt die Demokratie als Staatsform anerkannt hat.

Ein weiteres Problem ist die fehlende Säkularisierung. Wenn es als ehrenhaft erachtet wird im Namen Gottes zu sterben, kann das zu nichts Gutem führen.

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Noch dazu unterteilen extreme Nationalisten die arabische Welt in 20 kleine Länder, die gegenseitig miteinander um die Vormacht konkurrieren, was zum gewaltsamen Konflikt zwischen Nachbarn führt.

Wie wäre es, wenn wir uns zu den Vereinigten Staaten von Arabien zusammenschliessen? Wir könnten unsere Ressourcen und Stärken bündeln. Wäre das nicht überaus erstrebenswert?

Zade, Dury und Demi: Seid stolz auf alles was toll ist an der arabischen Welt und ignoriert die gemeinen Sprüche. Vergesst nicht: Die Liebe gibt euch Kraft. Sendet Liebe und positive Energien in diese Welt, denn sie braucht sie dringend. Ich liebe euch mehr als ihr euch vorstellen könnt,

Papa

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Anna Rinderspacher ĂĽbersetzt.

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