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Rassismus an der Uni: Warum es in Deutschland kaum schwarze Professoren gibt

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UNIVERSITAET STUDENTEN
dpa
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Ich persönlich kenne nur 13 Professor*innen of Color bzw. schwarze Professor*innen in Deutschland. Wahrscheinlich gibt es noch einige wenige mehr, doch die Anzahl wird - im Vergleich zu den insgesamt ca. 45.000 Professor*innen in Deutschland - verschwindend gering sein.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Nachfolgend möchte ich mich auf meine eigenen Erfahrungen berufen, die ich als ehemaliger Doktorand of Color in der mehrheitlich weiß-deutsch dominierten wissenschaftlichen Community in Deutschland gemacht habe.

Aufgrund meiner privilegierten Position als ehemaliger Promotionsstipendiat, konnte ich mich drei Jahre lang ausschließlich und ohne Finanzierungsschwierigkeiten meiner Dissertation mit dem Titel „Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Lehrer*innen ‚mit Migrationshintergrund' im deutschen Schulwesen" und anderen Publikationen widmen.

Zudem hatte ich die Möglichkeit, mich in unterschiedlichen Doktorand*innenkolloquien mit anderen Wissenschaftler*innen konstruktiv auszutauschen und konnte darüber hinaus wertvolle Erfahrungen im Zusammenhang der universitären und schulischen Lehre sammeln.

Allerdings habe ich auch rassismusrelevante Erfahrungen im wissenschaftlichen Feld gesammelt, weil mir, bei einigen Gelegenheiten des wissenschaftlichen Austauschs, von anderen Doktorand*innen die Objektivität und Wissenschaftlichkeit abgesprochen wurde, die für die Durchführung einer solchen Studie notwendig ist.

Ich wurde als unwissenschaftlicher Betroffener wahrgenommen

Anstatt mich als Forschenden und Experten wahrzunehmen, wurde ich bei einigen Gelegenheiten als unwissenschaftlicher Betroffener wahrgenommen, der nicht in der Lage ist, sich mit der notwendigen wissenschaftlichen Expertise seiner Untersuchung zu widmen.

Neben den positiven Erfahrungen des fruchtbaren Austauschs mit den Betreuer*innen meiner Dissertation und den Mit-Doktorand*innen, die mir die Anfertigung der Doktorarbeit überhaupt erst möglich gemacht haben, habe ich die Universität und die bundesdeutsche Forschungslandschaft, wie es Schwarzbach-Apithy treffend ausdrückt, kennengelernt als „Ort (...) zur Absicherung weißer Privilegien, wozu neben anderem die Erhaltung der Definitionsmacht weißer Menschen zählt und folglich die Unterdrückung und Ausgrenzung bestimmter Menschen und deren Perspektiven kontinuierlich festgeschrieben wird" (Schwarzbach-Apithy 2009, 256).

In einigen dieser Situationen konnte ich auf die Solidarität von weißen Doktorand*innen zählen, in anderen wiederum blieb ich isoliert und auf mich alleine gestellt. In jedem Fall konnte ich aber von den niedergeschriebenen Erfahrungen anderer Wissenschaftler*innen of Color bzw. von Expertisen schwarzer deutscher Wissenschaftler*innen profitieren, die sich den rassismusrelevanten Sachverhalten gegenüber widerständig verhalten.

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Exemplarisch sei hier die wissenschaftlichen Expertise von Grada Kilomba genannt, die ihre Erfahrungen im bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb in ihrem Buch „Plantations Memory" darlegt. Auch Aretha Schwarzbach-Apithy, die ihre rassismusrelevanten Erfahrungen in dem Sammelband „Mythen, Masken, Subjekte" verschriftlicht hat, war mir eine Hilfe. Anfang August 2016 erschien ein Sammelband, der von Meral El und mir herausgegeben wird, mit dem Titel „Rassismus und Widerstandsformen".

In diesem hat Emine Aslan ihre Erfahrungen im weiß-deutschen Wissenschaftsbetrieb dargestellt und zudem Möglichkeiten des Empowerment für Studierende of Color aufgezeigt. Zudem hat Deborah Gabriel ihre Erfahrungen, die sie im britischen Kontext gesammelt hat, in einem Aufsatz in demselben Buch, zusammengefasst.

Rassismusrelevante Aussagen meiner weiß-deutschen Mit-Doktorand*innen haben sich allerdings nicht nur aus dem Umstand ergeben, dass ich als deutscher Wissenschaftler of Color wissenschaftlich tätig bin und nicht „erforscht" werde, sondern darüber hinaus auch aufgrund der Ausrichtung meiner Dissertation.

Die Ausrichtung meiner Dissertation hat bei meinen Kollegen für Unmut gesorgt

Ich habe nämlich 159 Lehrer*innen of Color und schwarze deutsche Lehrer*innen quantitativ und 10 ebensolcher Lehrer*innen qualitativ untersucht und hierbei die folgende Fragestellung fokussiert: Wirst du in deinem beruflichen Kontext rassistisch diskriminiert?

Diese Ausrichtung meiner Dissertation hat in einigen weiß-deutsch dominierten Doktorand*innen-Kolloquien für Unmut gesorgt und mir wurde der folgende rassismusrelevante „Ratschlag" gegeben: „Du hättest auch die beteiligten weißen-deutschen Lehrer*innen befragen sollen, ob die von den Lehrer*innen of Color bzw. schwarzen deutschen Lehrer*innen geschilderte Situation auch tatsächlich so gewesen ist."

Der Subtext dieses „Ratschlags" ist rassismusrelevant, denn er besagt: „Die Sichtweise einer weißen-deutschen Lehrkraft besitzt einen höheren Wahrheitsgehalt als die Perspektive einer ebensolchen of Color. In der deutschen Wissenschaft spielt demnach nicht nur eine Rolle, was gesagt wird, sondern zudem auch, wer was sagt und wer von wem gehört wird.

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Wie bereits Iman Attia (2009) und Astrid Messerschmidt (2010) herausgearbeitet haben, ist das Thema Rassismus in der Post-Nationalsozialistischen Gesellschaft Deutschlands in vielfältiger Hinsicht tabuisiert.

Die Menschen, die sich selbst als „Mitte der Gesellschaft" konstruieren, wozu ich Lehrer*innen und Professor*innen zähle, nehmen von sich selbst (fälschlicherweise) an, nicht rassistisch zu sein und verorten Rassismus entweder in der deutschen Vergangenheit oder bei Personen, die keine Akademiker*innen sind.

Es findet keine ehrliche Thematisierung von Rassismus statt

Aufgrund dieser Tabuisierung und Verdrängung der rassistischen Gesellschafts- und Wissenschaftsstrukturen findet keine ehrliche und nachhaltige Thematisierung von Rassismus statt.

Aufgrund dieser Dethematisierung und Distanzierung von Rassismus bei gleichzeitiger (Re)Produktion tradierter rassistischer Wissensbestände innerhalb der Gesellschaft, muss davon ausgegangen werden, dass rassismuskritisches Wissen in der hiesigen Gesellschaft nicht ausgeprägt ist. Stattdessen muss in der bundesdeutschen Gesellschaft über rassismuskritische Basics, die in anderen Staaten selbstverständlich sind, diskutiert werden.

Ich erinnere beispielsweise daran, dass sich die bundesdeutsche Gesellschaft schwer damit tut, Thilo Sarrazins „Thesen" als eindeutig rassistisch zu bezeichnen. Sarrazin hat u.a. behauptet: „Deutschland wird auf natürlichem Wege dümmer, weil die Muslime, die nicht so intelligent sind wie die Deutschen, mehr Kinder bekommen als die Deutschen". Auch die Weigerung von weißen deutschen Personen, zu akzeptieren, dass das N-Wort keine „normale" Bezeichnung für schwarze Menschen ist, gehört dazu.

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Wenn aber die Schule und die Wissenschaft (fälschlicherweise) als „rassismusfreier Raum" gelten, und das ist zumindest bei der Mehrheit der weißen-deutschen Personen der Fall, dann werden die institutionellen und direkten Rassismen, die in diesen Institutionen wirkmächtig sind, dethematisiert.

Eine solche Dethematisierung wiederum führt dazu, die Ursachen für die Frage: „Warum gibt es keine schwarzen Professor*innen in Deutschland" auf die Einzelpersonen beziehen zu wollen, anstatt Rassismus als Strukturierungsmerkmal unserer Gesellschaft anzuerkennen und sich demgegenüber widerständig zu verhalten.

Warum also, gibt es keine schwarzen Professor*innen in Deutschland?

Die Antwort ist denkbar einfach und kompliziert zugleich: Weil es so viele weiße Professor*innen in Deutschland gibt!

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Studien, die von Michael Hartmann (TU Darmstadt) gemacht worden sind, wissen wir, dass diejenigen Bewerber*innen, die habituell ihrer vorgesetzten Person ähneln, Karriere machen, wohingegen den anderen Mitarbeiter*innen, die keine habituelle Ähnlichkeit zu ihrem Vorgesetzten aufweisen, von ebenjener nicht so viel zugetraut wird.

Es gibt also so wenige schwarze Professor*innen in Deutschland, weil es so viele weiße Professor*innen gibt, die wissenschaftliche Mitarbeiter*innen-Stellen mit weißen-deutschen Personen besetzen und diese dann die Möglichkeit erhalten, Karriere zu machen.

Warum gibt es so wenige schwarze Professor*innen in Deutschland? Weil es vornehmlich weiße-deutsche Mitglieder*innen der Berufskommissionen sind, die ihre Kolleg*innen auswählen. Dass hierbei Rassismus keine Rolle spielt, darf stark bezweifelt werden.

Wenn man also nach den Ursachen dafür fragt, warum es in Deutschland nur wenige schwarze Professor*innen gibt, dann muss man sich als weißer-deutscher Professor fragen: „In wie weit bin ich für diesen Umstand verantwortlich?"

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