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Wie du dein Kind lebenslang vor Angst schützt und sie in etwas Gutes verwandelst

09/02/2016 14:21 CET | Aktualisiert 09/02/2017 11:12 CET
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Ängste sind eine normale Antwort auf etwas Gefährliches oder Belastendes. Sie werden zu einem Problem, wenn sie unerwartet auftreten und über eine gewisse Dauer anhalten.

Wenn der Angstzustand in vollem Gange ist, fühlt es sich entsetzlich an. Entsetzlich genug, um wiederum eine Angst vor diesen Zuständen auszulösen.

Wir wissen, dass Angst keine Frage von Stärke, Mut oder Charakter ist. Sie sucht sich ein Opfer aus und schaltet sich ein.

Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher Opfer solcher Angstzustände wird, kann es besonders besorgniserregend sein. Denn die Angst kann zu Schlafproblemen, Essstörungen und Fehlzeiten in der Schule führen. Zum Beispiel, wenn das Kind unerklärliche Krankheiten wie Kopfschmerzen oder Bauchweh bekommt.

Das Schlimmste an Ängsten ist, dass sie ohne eine wirkliche Ursache auftreten können. Die körperlichen Auswirkungen sind einem meist bekannt - die aufkommende Panik, wenn man eine Treppenstufe ausgelassen hat. Oder wie mir meine Tochter letztens das Gefühl beschrieb, das man manchmal hat, wenn man fast eingeschlafen ist und das Gefühl hat, man würde fallen. (Ja, wir hatten das bei uns zuhause auch. Wir haben es jetzt im Griff, deshalb kann ich euch versichern, dass es gut gehen kann)

Die gute Nachricht ist, dass Angst bei Kindern sehr gut behandelbar ist und sie besonders gut auf Hilfe ansprechen. Ich denke mir oft, dass wir dem Thema zu wenig Beachtung schenken.

Kinder sind so offen für sämtliche Möglichkeiten. Sie sind sehr schnell darin, die richtige Verknüpfung herzustellen, wenn ihnen die entsprechenden Informationen und Hilfen geboten werden. Als der Erwachsene in ihrem Leben bist du der Richtige, um ihnen diese Unterstützung zu geben.

Angstzustände bei Kindern und Jugendlichen: Wie ihr die Lage wenden könnt:

1. Redet ihnen die Angst nicht aus.

Als Elternteil neigt man dazu, seinen Kindern gut zuzureden: „Du musst keine Angst haben" oder „Alles wird wieder gut".

Das ist eine natürliche Reaktion, aber sie birgt das Risiko, dass die Kinder denken könnten, es sei etwas falsch mit ihnen. Die Wahrheit ist: Sobald die Angst sie im Griff hat, können sie nicht so schnell wieder aufhören, sich zu fürchten. So sehr sie euch auch glauben wollen, ihr Kopf wird sie nicht lassen.

Was sie hören müssen, ist, dass ihr sie versteht. Fragt sie, wie es sich für sie anfühlt. Manche Kinder können es beschreiben, andere nicht - aber das ist okay so. Dann fragt sie, ob es wie „das Gefühl ist, wenn man eine Treppenstufe auslässt" (Oder wie das Gefühl zu fallen, wenn man einschläft.) Meistens ist das eine Erleichterung, weil es jemand versteht.

2. Normalisiert es.

Ängste sind normal und jeder wird einmal im Leben damit konfrontiert sein - vor einer Prüfung, wenn man neue Leute trifft, bei einem Vorstellungsgespräch oder wenn man auf eine neue Schule geht.

Manchmal kommt sie ohne Grund. Auch das ist normal. Viele Erwachsene und einige Kinder leiden darunter, aber es gibt Dinge, die du tun kannst, um die Angst zu vertreiben.

3. Erklärt ihnen, warum sich Angst so anfühlt.

Neben allem anderen ist das wohl die effektivste Methode für jemanden mit Ängsten. Angstzustände können die meisten Probleme verursachen, wenn es so scheint, als kämen sie ohne einen Auslöser. Es gibt einen Grund für die Angst und den Grund zu verstehen, ist die Lösung dafür, die Ängste kontrollieren zu können.

Hier ist eine kinderfreundliche Erklärung. Ich habe sie bei Kindern mehrerer Altersstufen angewendet, aber keiner kennt dein Kind so gut wie du, also passe sie entsprechend an.

„Jeder kriegt manchmal Angst, aber es fühlt sich für jeden anders an. Auch Erwachsene kriegen es. Es passiert, weil ein Teil deines Gehirns denkt, es müsse dich vor etwas beschützen. Dieser Teil heißt Amygdala. Sie ist nicht sehr groß und sieht aus wie eine Mandel.

Sie fängt an zu arbeiten, wenn sie denkt, dass du in Gefahr bist. Sie ist also wie dein eigener Krieger, der dich beschützt. Ihr Job ist es, dich dazu zu bringen, vor Gefahren zu flüchten oder sie zu bekämpfen. Man nennt das auch die „Kampf oder Flucht"-Situation.

Wenn deine Amygdala denkt, dass es Ärger gibt, wird sie deinem Körper sofort alles geben, was er braucht, um stark, schnell und mächtig zu werden. Sie wird deinen Körper mit Sauerstoff, Hormonen und Adrenalin überschütten, die dein Körper als eine Art Kraftstoff nutzt, um deine Muskeln auf einen Kampf oder eine Flucht vorzubereiten.

Das passiert, ohne dass du überhaupt darüber nachdenkst. Es passiert so schnell und automatisch. Die Amygdala macht das, ohne die Situation zu überprüfen. Sie ist ein Macher und kein Denker - nur Taten und kein Überlegen.

Wenn da etwas Gefährliches ist - ein wilder Hund, vor dem du weglaufen musst oder ein Sturz, vor dem du dich retten musst - ist deine Amygdala perfekt. Aber manchmal denkt die Amygdala, dass es eine Gefahr gibt, wo gar keine ist und überschüttet dich trotzdem mit all diesen anregenden Botenstoffen.

Hast du dir schon mal einen Toast gemacht, der ein bisschen verbrannt ist und den Feueralarm ausgelöst hat? Der Feueralarm erkennt keinen Unterschied zwischen Rauch von einem Feuer oder Rauch von einem angebrannten Toast - und es macht auch keinen Unterschied.

Alles was er will, ist, dich zu warnen, dass du da weg musst. Die Amygdala arbeitet genauso. Sie kann den Unterschied zwischen etwas, dass dir weh tun könnte, wie etwa einem wilden Hund, oder etwas was dir nichts antun wird, wie zum Beispiel eine neue Schule, nicht erkennen.

Manchmal schaltet sich die Amygdala einfach ein, bevor du überhaupt weißt wofür. Sie arbeitet hart, um dich zu beschützen - auch wenn du gar nicht beschützt werden musst. Vergiss nicht, sie ist ein Macher und kein Denker, und nur so kann sie dich in Sicherheit wissen.

Wenn du also vor nichts weglaufen oder gegen etwas kämpfen musst, gibt es auch nichts, dass all die ausgeschütteten Stoffe - also den Sauerstoff, die Hormone und das Adrenalin - verbrennen kann. Es staut sich und deshalb fühlst du dich dann so. Das ist genauso, wie wenn du immer mehr Benzin in ein Auto tankst, obwohl du nie damit fährst.

Also wenn deine Amygdala eine Gefahr spürt, füllt sie deinen Körper mit Sauerstoff, Hormonen und Adrenalin, dass dein Körper dann benutzen kann, wenn er fliehen oder kämpfen muss. Wenn das passiert, dann reagiert dein Körper so:

• Deine Atmung verändert sich. Sie wechselt von langen, tiefen Atemzügen zu kurzen, schnellen Zügen. Dein Körper macht das, weil dein Gehirn ihm gesagt hat, dass er den Sauerstoff nicht für tiefe Atemzüge verwenden soll, sondern um deine Muskeln zu stärken, damit du fliehen oder kämpfen kannst. Wenn das passiert kannst du dich etwas außer Puste oder kurzatmig fühlen. Außerdem könntest du merken, wie das Blut in dein Gesicht fließt und es warm wird.

• Wenn du nicht fliehst oder kämpfst, übersteigt der Sauerstoffgehalt den Kohlenstoffdioxid-Gehalt. Das kann dich etwas verwirrt oder schwindelig werden lassen.

• Dein Herz schlägt schneller, um deinen Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Du fühlst dein Herz dann schneller schlagen und dir könnte etwas schlecht werden.

• Die Botenstoffe fließen in deine Arme (falls sie kämpfen müssen) und in deine Beine (falls du fliehen musst). Deine Arme und Beine können sich verkrampfen und deine Muskeln sich anspannen.

• Dein Körper kühlt sich ab (durch Schwitzen), um sich nicht zu überhitzen, wenn es zur Flucht oder zum Kampf kommt. Du fühlst dich dann etwas verschwitzt.

• Dein Verdauungssystem - der Teil deines Körpers, der die Nährstoffe aus der Nahrung zieht, die du gegessen hast - hört auf zu arbeiten, damit all deine Energie von deinen Armen und Beinen genutzt werden kann, wenn du flüchten oder dich wehren musst. (Aber mach dir keine Sorgen - das hält nicht lange an) Das fühlt sich dann so an, wie wenn du Schmetterlinge im Bauch hast. Dir könnte auch schlecht werden oder du musst dich sogar übergeben. Und dein Mund könnte sich etwas trocken anfühlen.

Wie du siehst, gibt es ganz viele Erklärungen dafür, warum dein Körper so reagiert, wenn du Angst hast. Es passiert alles nur, weil dich deine Amygdala - die Kämpferin in deinem Gehirn - beschützen will, indem sie deinen Körper auf eine Flucht oder einen Kampf vorbereitet.

Das Problem ist nur, dass du vor nichts fliehen musst oder dich gegen etwas wehren musst. Keine Sorge, wir können etwas dagegen tun."

4. Erkläre, wie sich Ängste bei Erwachsenen und bei Kindern äußern.

Eines von acht Kindern muss mit Ängsten leben - also lass dein Kind wissen, dass es wahrscheinlich in seiner Klasse noch drei oder vier andere Kinder gibt, die genau wissen, wie es sich anfühlt, denn sie haben es auch schon einmal erlebt. Vielleicht müssen sie es auch gerade im Moment erleben.

5. Gib dem Ganzen einen Namen.

„Jetzt wo du weißt, dass deine Angst von der heldenhaften Kriegerin in deinem Gehirn kommt, geben wir ihr einen Namen." Lass dein Kind den Namen aussuchen und frag es, an was es denkt, wenn es sich die Kriegerin vorstellt.

Das gibt Kindern das Gefühl, dass etwas anderes das Problem ist und nicht sie selbst. Außerdem entmystifiziert es ihre Angst. Es ist eher etwas Autarkes, mit Namen und Aussehen, als etwas, das ohne Namen und Gesicht einfach in den Weg deines Kindes gerät.

6. Jetzt ordne es ein.

„Das Problem mit der Angst ist, dass (welchen Namen die heldenhafte Kriegerin auch bekommen hat, sagen wir jetzt einfach mal Zep) Zep alle Entscheidungen trifft, aber wir wissen ja, dass du eigentlich der Boss bist.

Zep denkt, dass sie dich beschützt. Du musst sie also wissen lassen, dass du alles im Griff hast und sie sich entspannen kann. Wenn du diese beklemmenden Gefühle kriegst, heißt das nur, dass Zep übernimmt und alles vorbereitet, um dich abzusichern.

Sie denkt nicht darüber nach - sie springt einfach nur ein und macht ihr Ding. Du musst sie einfach nur wissen lassen, dass es dir gut geht.

Das Beste, was du tun kannst, um dir wieder die Kontrolle über dein Gehirn zu geben, ist atmen. Es klingt so einfach - und das ist es auch. Ein Grund, warum du dich so fühlst, ist, dass deine Atmung von stark, tief und langsam zu schnell und flach wechselt.

Diese Atmung beeinflusst den Gehalt an Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid in deinem Körper. Wenn deine Atmung wieder unter Kontrolle ist, wird Zep aufhören zu denken, sie müsse dich beschützen und sich beruhigen. Und dann wirst du dich schnell wieder normal fühlen."

7. Atme.

Atme tief und langsam. Halte die Luft kurz an, bevor du wieder ausatmest. Versuche die Luft nicht nur in deine Brust, sondern auch in deinen Bauch einzuatmen. Wenn dein Bauch sich beim Atmen mitbewegt, ist es richtig. Mach' das etwa fünf bis zehnmal.

Übe es, bevor du schlafen gehst. Vergiss nicht, dass Zep, die Kriegerin in deinem Kopf, schon dein ganzes Leben versucht, dich zu beschützen und es wahrscheinlich eine Weile dauert, um Zep davon zu überzeugen, dass sie sich zurückziehen muss.

Aber wenn du etwas übst, wirst du sehr schnell sehr gut darin werden. Du und dein kriegerischer Teil deines Gehirns werden Freunde werden - mit dir als Anführer.

Ein Weg, um das zu üben, ist ein Stofftier auf den Bauch deines Kindes zu legen, wenn es auf dem Rücken liegt. Wenn sich das Kuscheltier auf und ab bewegt, ist seine Atmung perfekt.

8. Trainiere Aufmerksamkeit.

Eine Reihe von wissenschaftlichen Forschungen hat gezeigt, wie gut Aufmerksamkeit in diesem Zusammenhang wirkt. Studien mit Hirnscannern ergaben, dass Aufmerksamkeitstraining die Dichte der grauen Gehirnmasse erhöht, die uns vor Stress, Ängsten und Depressionen schützt und uns entlastet.

Aufmerksamkeit muss nicht kompliziert sein. Es geht nur darum, den Moment wahrzunehmen. Meine Tochter macht es etwa zehn Minuten, bevor sie ins Bett geht.

Fang damit an, zu erklären, dass Angst aus Sorge vor der Zukunft kommt und man nicht weiß, was passieren wird. Manchmal spielen sich diese Gedanken im Hintergrund ab - wir wissen nicht mal, dass sie da sind.

Aufmerksamkeit hilft dir, Kontrolle über dein Gehirn zu gewinnen und kann es davon abhalten, sich über Dinge Sorgen zu machen, über die es sich gar nicht zu sorgen hat. Es trainiert dein Gehirn, im Hier und Jetzt zu bleiben. Das Gehirn ist ein Muskel und je mehr du es trainierst, desto stärker wird es.

Es klingt vielleicht einfach, aber die Gedanken neigen dazu, zu wandern, deshalb braucht es etwas Training, um im Moment zu verweilen. Und so geht das:

1. Schließe deine Augen und achte auf deine Atmung. Wie fühlt es sich an, wenn du die Luft in dich einsaugst? Achte auf den Geschmack der Luft oder wie sich dein Bauch auf und ab bewegt. Achte auf deinen Herzschlag. Wenn deine Gedanken abrutschen, fokussiere dich auf das.

2. Was kannst du jetzt hören? Was kannst du außerhalb und innerhalb deines Körpers fühlen? Wenn deine Gedanken versuchen, abzuschweifen, konzentriere dich wieder auf deine Atmung.

Denke daran, dass Ängste bei Kindern sehr gut behandelbar sind, aber es kann auch etwas dauern. Erkläre deinem Kind, dass ihr oder sein sehr kluges und sehr beschützendes Gehirn etwas Überzeugungsarbeit braucht.

Und nur weil es denkt, dass Gefahr besteht, ist sie nicht zwingend da. Trainiert weiter und ihr werdet es schaffen.

Dieser Blog wurde von Katharina Geiger aus dem Englischen übersetzt und ist ursprünglich auf der Webseite heysigmund.com erschienen.

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