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Wie die Flüchtlinge nicht nur Deutschland, sondern auch den Islam verändern werden

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REFUGEES TRAIN
Ahmed Jadallah / Reuters
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Wenn man mit dem Zug von München aus in Richtung Österreich fährt, ist das Land vor dem Zugfenster sehr friedlich und grün. Kleine Dörfer mit Zwiebelkirchturmspitzen schmücken Einfamilienhäusern und herrschaftlichen Bauernhöfen fliegen vorbei.

Auf den Wiesen weiden Kühe, unter einem Baum am Waldrand wartet ein einsames Bänkchen. Es braucht keine Selfie-Fotos mit der Kanzlerin, damit Deutschland attraktiv erscheint. Die Flüchtlinge sind diese Strecke aus entgegengesetzter Richtung gefahren, als sie im Sommer Deutschland erreichten.

Mit den Österreichern wurde mittlerweile vereinbart, dass im österreichischen Grenzort Kufstein immer nur fünfzig Flüchtlinge in den Zug gelassen werden. Er fährt stündlich und zwanzigmal am Tag. In Rosenheim, das fünfzig Kilometer süd-östlich von München liegt, müssen die Asylsuchenden aussteigen, werden registriert und dann in Erstaufnahmelager in ganz Deutschland verteilt.

In diesen Tagen im November kommen in Rosenheim täglich 2000 Menschen an. Wer wird dort heute erstmals deutschen Boden betreten? Am Bahnhof weisen nur ein großes weißes Zelt und umherlaufende Polizisten darauf hin, dass Rosenheim ein besonderer Ort ist. In dem Zelt werden die Geflüchteten registriert.

Unvorstellbar, was diese Menschen alles durchgemacht haben

Die Polizisten sind aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengezogen worden, um dabei Dienst zu tun. Sie bleiben zwei Wochen, dann übernimmt eine andere Einsatztruppe. An diesem Tag ist eine Einheit der Bereitschaftspolizei Blumberg da, aus der Nähe von Berlin.

Jeweils zwei Beamte fahren von Kufstein aus im Regionalexpress mit und sorgen dafür, dass die Geflüchteten in Rosenheim aussteigen. Jeweils fünf erwarten sie dort am Bahnsteig an Gleis 1. Der nächste Zug fährt gerade ein. Seine Türen öffnen sich. Er spuckt lärmende Schüler und Berufspendler aus, zielstrebig laufen sie zur Treppe. Dann kommen die Flüchtlinge.

Männer und Frauen, mit kleinen Rucksäcken oder überhaupt keinem Gepäck, die in diesem wichtigen Moment nur das Nötigste untereinander sprechen. Junge, Alte und Kinder, das Kleinste ist erst einige Wochen alt, es schläft eingepackt in einen rosa Kuschelanzug in den Armen des Vaters. Unvorstellbar, was diese Menschen alles durchgemacht haben.

Eine ältere Frau humpelt, ein Mann trägt Flip-Flops an rot geschwollenen Füßen. Sie wirken erschöpft, ihre Gesichter sind gezeichnet. Unsicherheit steht in ihren Augen, aber sie suchen Blickkontakt. Schaut man sie aufmunternd an, hellen sich die Gesichter auf.

Ankommen in Deutschland Schritt für Schritt vollzogen

Die Polizisten stellen die Geflüchteten in einer Zweierreihe auf. Die Menschen lassen es geschehen, ruhig und diszipliniert. Die Familien fassen einander bei den Händen, als hätten sie Angst, getrennt zu werden. "Ladies and Gentlemen, welcome to Germany! Please follow me!", ruft der Polizist, der an der Spitze des Zuges steht.

Der Tross setzt sich in Bewegung, die Treppe runter, ein paar Schritte durch den Unterführungstunnel, eine andere Treppe wieder hoch. Obwohl der Polizist sehr langsam geht, schafft es die am Bein verletzte ältere Frau nur unter großen Mühen und gestützt durch ihren Begleiter.

"Stopp!", ruft der Beamte, als der Bahnhofsvorplatz erreicht ist, und alle bleiben stehen. Jeder bekommt nun ein Bändchen für die Registrierung ans Handgelenk. Das sorgt für Unruhe, die Geflüchteten verstehen nicht, was vor sich geht. "Please, please, speak English?", fragt ein junger Mann und hält mir das Display seines Handys hin. "Münster" steht drauf.

Da möchte der junge Mann hin, sein Cousin sei dort. Er würde gerne sofort weiter. Es ist nicht einfach, den Menschen klarzumachen, dass ihr Ankommen in Deutschland Schritt für Schritt vollzogen wird. Als sie es begreifen, lachen sie erleichtert auf.

Deutschland eines Tages etwas zurückgeben

Offenbar waren sie unsicher, ob sie tatsächlich schon in Deutschland sind. "Ich lieben Deutschland!", ruft ein alter Mann. Ein junges Paar aus Aleppo spricht Englisch. Von Dankbarkeit und Gnade spricht der Mann und hat Tränen in den Augen.

Er werde alles tun, um Deutschland eines Tages etwas zurückgeben zu können. Seine Frau, sie trägt ein roséfarbenes Kopftuch, zieht einen in Zellophan verpackten Kaugummi aus ihrer Jackentasche: Sie hat ihn aus Syrien mitgebracht, den ganzen weiten Weg. Ich soll ihn bekommen. Sie schenkt ihn mir.

Dieser Kaugummi sei der Lieblingskaugummi der syrischen Mädchen und Frauen. "Wie sagt man Kaugummi auf Deutsch?", fragt sie und versucht das Wort nachzusprechen. "Wie sagt man Kaugummi auf Arabisch?", frage ich und versuche das Wort nachzusprechen.

Die Menschen vor und hinter uns lachen amüsiert über meinen missglückten Versuch. Der Polizist gibt ein Zeichen, es geht weiter, zum Registrierungszelt. Das Paar aus Aleppo und der alte Mann winken mir, bevor sie weitergehen.

Sie werden Deutschland prägen

Anfang 2015 waren etwa fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland Muslime. Mit den Flüchtlingen wird sich dieser Anteil rasch vergrößern. Die meisten der Menschen, die kommen und bleiben dürfen, stammen aus Syrien und sind Muslime. Sie werden Deutschland prägen, genauso wie Deutschland sie prägen wird.

Was für einen Islam haben sie im Gepäck? Wie in jedem islamischen Land ist die Glaubensauslegung auch in Syrien durch den Bildungsgrad und davon beeinflusst, ob ein Muslim aus dem urbanen oder ländlichen Milieu stammt - von "den" syrischen Muslimen an sich kann folglich nicht die Rede sein.

Doch es gibt gewisse Tendenzen. Wie die SyrienExpertin Kristin Helberg in ihrem Buch "Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land" (2012) dargelegt hat, ist der sunnitische Islam der überwiegenden syrischen Bevölkerung eher konservativ geprägt.

In dem Sinn, dass die Gläubigen den klassischen Lehren der Religion folgen und den Islam nicht als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele sehen. Bis der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, war die Toleranz gegenüber anderen Religionen ein wesentliches Merkmal des dort gelebten Islams.

Islam gilt als Privatangelegenheit

Über viele Jahrhunderte lebten Muslime und Christen friedlich miteinander. Am Freitag, dem islamischen Sonntag, gingen die Muslime in christliche Geschäfte und sonntags die Christen in muslimische. In keinem anderen islamischen Land war es für Christen so einfach, Kirchen zu bauen und ihre Rechte als Minderheit auszuüben.

Anders als in Ägypten oder Saudi-Arabien wurde in Syrien die Religion nie als Waffe von Unabhängigkeitskämpfern oder Staatsgründern missbraucht. Der Islam galt den Menschen immer als eine - wenn auch wichtige - Privatangelegenheit. Das autoritäre syrische Staatswesen machte eine säkulare Grundeinstellung selbstverständlich; staatliche Angelegenheiten wurden nicht mit religiösen vermischt.

Die saudische Vorstellung, der Koran sei die Verfassung des Staates, ist für einen durchschnittlichen syrischen Muslim undenkbar. Für ihn bleibt der Koran ein religiöses Buch. Die allermeisten Syrer kennen dieses Buch recht gut.

Syrer gelten als sehr belesen und gefestigt in ihrer Religion. Das macht sie weniger anfällig für radikale Strömungen. Ganz abgesehen davon haben sie den radikalen Islamismus schon in Form verschiedener radikalislamistischer Kämpfertruppen kennengelernt und sind vor ihm geflüchtet. Nicht jeder syrische Flüchtling hat den Schrecken des IS unmittelbar erlebt.

Syrer stehen in einer urbanen Tradition

Aber der Fanatismus zeigt sich auch in dem Versuch, das gesamte Leben der Menschen zu kontrollieren. Eine Bewohnerin von Aleppo mag es nicht, wenn ihr jemand die Vollverschleierung befiehlt - die hat in Syrien keine Tradition, wenn überhaupt, dann sah man dort vor dem Krieg höchstens Kopftücher.

Und ihrem Sohn wird es nicht gefallen, wenn man ihm verbietet, Musik zu hören, weil das unislamisch sei. Die Syrer stehen in einer urbanen Tradition, wie sie kaum ein anderes Land der arabischen Welt hervorgebracht hat.

Trotzdem ist ihnen die Idee fremd, dass moralische Werte und soziales Verhalten statt auf Gott auch auf Humanismus beruhen können und dass es Menschen gibt, die ganz bewusst auf ein explizit gestaltetes Wertegefüge verzichten.

Das werden die syrischen Flüchtlinge in Deutschland lernen müssen. Sie werden sich leichter integrieren, wenn die deutsche Gesellschaft ihnen verdeutlicht, dass deutsch und muslimisch keinen Widerspruch darstellt und dass die Ausübung ihres Glaubens in Deutschland ohne Weiteres möglich ist.

Muslimische Vielfalt wird sich verstärken

Mit den Syrern wird sich die muslimische Vielfalt noch verstärken. Für den Islam in Deutschland ist das eine Chance, da dadurch die Dominanz der türkisch geprägten Verbände auf lange Sicht aufweichen könnte. Ganz sicher werden die Syrer nicht Türkisch lernen, sondern Deutsch.

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Gut möglich, dass es zur Gründung syrischer Moschee-Vereine kommt. Vielleicht wird die deutsche Gesellschaft durch die syrischen Muslime auch neu sehen lernen. In dem Sinn, dass gewisse Zerrbilder hinsichtlich des Islams ad acta gelegt werden können: Zerrbilder, entstanden in einer Zeit, als die Deutschen durch das Anwerbeabkommen erstmals mit dem Islam in Berührung kamen.

Die syrischen Frauen gelten als fromm und selbstbewusst. Schon jetzt zeigen viele syrische Eltern einen unbändigen Willen, dass aus ihren Kindern etwas wird. Steve Jobs war das Kind eines syrischen Einwanderers in die Vereinigten Staaten - vielleicht gründet eines der syrischen Kinder von Rosenheim in zehn Jahren das deutsche Apple?

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Eine Reise durch das islamische Deutschland" von Karen Krüger. Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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