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Mit Karamba in den Bundestag

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STEINMEIER KARAMBA DIABY
dpa
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"Sei nicht überrascht, ich werde dich vorschlagen"
Rüdiger Fikentscher

Ich werde heute oft gefragt: "Sind Sie etwa direkt gewählt?" Ich antworte dann immer: "Bei uns im Osten werden nur die Schwarzen direkt gewählt." Meistens dauert es ein Weilchen, bis der Groschen fällt.

Wir nennen das den Merkel-Effekt. Bei der letzten Bundestagswahl ist es aus der SPD einzig Frank-Walter Steinmeier gelungen, die meisten Erststimmen einzuheimsen. Fast alle anderen Direktmandate holt sich traditionell die CDU.

Nur die Linke hat einige Direktmandate in Berlin. Eine Umfrage in der Woche vor der Bundestagswahl ergab, dass sich sogar 36 Prozent der Studenten in Halle, die in der Mehrheit den Grünen nahestehen und mit ihrer Zweitstimme nicht die CDU wählen wollten, für Angela Merkel aussprachen.

Wie viel in den heutigen Zeiten noch übrig ist vom Merkel-Effekt, nachdem die Kanzlerin wegen ihrer Flüchtlingspolitik so stark an Zustimmung verloren hat, oder ob er sich sogar ins Gegenteil verkehrt, werden die nächsten Wahlen zeigen. Dennoch habe ich auf eine Mehrheit bei den Erststimmen gehofft, denn so ein Direktmandat ist wie ein Wahlsieg deluxe.

In der Frage nach der Direktwahl schwingt immer etwas ungläubiges Staunen mit

Unter den Bundestagsmitgliedern herrscht manchmal der Eindruck, man sei dann ein Abgeordneter erster Klasse. In der Frage nach der Direktwahl schwingt immer etwas ungläubiges Staunen mit. Als wäre meine Karriere nicht schon unwahrscheinlich genug - sollte es da auch noch möglich sein, dass die Hallenser ihr Kreuzchen hinter einem Schwarzen machen?

Ich höre dann oft Zuversicht und Hoffnung heraus, dass Deutschland tatsächlich schon so weit sein könnte. Und auch ein Stück Erleichterung darüber, dass man sich um so etwas wie Rassismus dann ja weniger Gedanken machen müsse.

Auch mein Freund und Unterstützer Rüdiger Fikentscher hatte darauf gehofft. Eine Direktwahl als Signal für Deutschland, für Europa sogar: Vielleicht ist es dort drüben ja gar nicht so schlimm, wie immer alle dachten.

Es war an einem Tag im Juli 2012, als ein Anruf von Rüdiger alles veränderte. Zu der Zeit war ich gerade Referent im Ministerium Arbeit und Soziales in Magdeburg und seit drei Jahren im Stadtrat von Halle. Es war noch ein Jahr hin bis zur nächsten Bundestagswahl, und für die kommende Sitzung unseres Ortsvereins stand auf dem Programm, Vorschläge für den Wahlkreis 72 zu machen.

Dazu gehören die Stadt Halle sowie die Einheitsgemeinden Kabelsketal, Landsberg und Petersberg. Ein paar Tage vor der entscheidenden Sitzung sagte Rüdiger also am Telefon: "Sei nicht überrascht, ich werde dich vorschlagen."

Ich musste die Überraschung verdauen

Ich war trotzdem verblüfft. Mir blieben noch ein paar Tage, um die Überraschung zu verdauen. Natürlich war ich sofort von der Idee begeistert. Ich sprach mit meiner Familie darüber und signalisierte Rüdiger meine Zustimmung. Viel mehr konnte ich nun nicht tun, als der Fürsprache meines Mentors zu vertrauen und abzuwarten, was passieren würde. Ich hatte ja nichts zu verlieren.

Rüdiger blieb nicht mein einziger Unterstützer, hinter mich stellte sich auch eine Frau, die mir in den darauffolgenden Jahren sehr ans Herz wachsen sollte. Sybille Reinhardt, eine Didaktik-Professorin aus Halle, sollte mich all die Jahre unterstützen, inhaltlich wie materiell.

Als ich später zu ersten Sitzungen nach Berlin musste und nicht einmal einen Schlafplatz hatte, stellte sie mir für mehrere Monate sogar ihre Wohnung zur Verfügung, ohne je eine Gegenleistung zu verlangen. So viel selbstverständliche Solidarität war mir aus meiner Kindheit vertraut und zuletzt in meiner deutschen Zweitfamilie, dem warmherzigen Winter-Clan, begegnet.

Womit wir nicht gerechnet hatten, war die Gegenwehr von einem Ortsvereinsvorsitzenden

Der Hallesche Kinderarzt Dr. Detlef Wend war selbst kurz im Gespräch gewesen, um als möglicher Kandidat anzutreten. Er hatte jedoch kein Interesse bekundet und abgelehnt.

Bis zu dem Tag, an dem er feststellte: Es gab einen Bewerber aus den eigenen Reihen. Das weckte seinen Ehrgeiz. Auf einer DIN-A4-Seite, die er an die Anwesenden verteilte, bevor er sie vorlas, legte er dar, warum er nun doch für den Bundestag kandidieren wolle.

Für die SPD in Halle, sagte er, sei es doch wünschenswert, eine Persönlichkeit zu finden, die "unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen ansprechen kann, aber auch den Mut hat, öffentlich zu strittigen Themen Stellung zu beziehen".

Mit "prägenden Persönlichkeiten" könnten wir in dieser Stadt "mehr Akzeptanz für unsere Partei" erreichen und - davon sei er überzeugt - "auch wieder Direktmandate gewinnen". Eine Fähigkeit, die er mir ganz offenbar absprach.

Dass aus einem Ortsverein gleich zwei Anwärter hervor gehen, ist in der Tat ungewöhnlich. Nun mussten wir bei den anderen Ortsvereinen unserer Region vorstellig werden. Dabei wuchs meine Zuversicht allmählich. Ich hatte das Gefühl, besser anzukommen als mein Konkurrent.

Wir näherten uns dem entscheidenden Datum. Der Delegierten-Stadtparteitag für Halle, Kabelsketal, Petersburg und Landsberg stand an. "Zweikampf unter Genossen", schrieb die Mitteldeutsche Zeitung, sie nannte uns zwei Kandidaten, "die durchaus für einen Neuanfang stehen könnten", und sagte eine knappe Entscheidung voraus.

Mit eindeutigen 64,4 Prozent der Stimmen - 38 zu 21 wurde ich nominiert

Die SPD sollte mich also tatsächlich für den Wahlkreis 72 ins Rennen für den Bundestag bringen, und Burkhard Lischka, Bundestagsabgeordneter für Magdeburg und rechtspolitischer Sprecher der SPD, setzte den Tweet ab: "Der erste Schwarze, den man wählen kann!"

Aus den Reihen der Linken und Grünen hagelte es Kritik an der angeblich rassistischen Entgleisung. Ich selbst habe mich nicht in die Diskussion eingemischt, was im Nachhinein betrachtet wohl ein Fehler war. Ich sah überhaupt nichts Schlimmes darin, im Gegenteil, ich fand den Tweet lustig und harmlos.

Mehr zum Thema: Merkel zur Flüchtlingskrise: "Ich habe nicht den Kurs geändert, sondern Politik gemacht"

Ich habe Burkhard erst später, vielleicht zu spät, gesagt, dass ich die Kritik an seiner ironischen Äußerung nicht nur unangebracht, sondern richtig ärgerlich fand. Wir müssen achtsam sein mit dem Vorwurf des Rassismus und ihn nicht auch noch in einem harmlosen Wortspiel, einem Witz unter Kollegen wittern.

Mein Konkurrent brachte es erst nach vier Stunden über sich, mir zu gratulieren. Leider hatte er nicht nur Glückwünsche für mich parat. Meinen Sieg bezeichnete er als "positive Diskriminierung", wie die Zeitschrift Publik-Forum im Juni 2013 berichtete.

"Den schießen sie uns schon nicht ab", sollte es parteiintern geheißen haben, zitiert ihn Publik-Forum weiter. Als wäre ich der Alibi-Schwarze, den aufgrund seiner Hautfarbe schon niemand anrühren würde. Der Typ mit dem "Exotenticket", mit dem man überall passieren kann.

Auch mein Unterstützer Rüdiger Fikentscher sah sich damals zur Klarstellung genötigt: "Ich hätte doch niemanden unterstützt, nur weil er eine andere Hautfarbe hat", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Er muss auch gut sein", und er, Fikentscher, könne nur hoffen, "dass dieser ursprüngliche Nachteil, den er hier hatte, keiner mehr ist. Wir müssen alles tun, dass dieser Nachteil verschwindet."

Im Februar 2013 betrat ich das Alte Theater in Magdeburg. Meine Partei war zusammengekommen, um die Landesliste für die kommende Bundestagswahl zu wählen. Noch wusste ich nicht, dass ich die Lacher an diesem Tag auf meiner Seite haben würde, und nicht nur wegen des Titels meiner Doktorarbeit.

Gabriel würdigte mich in seiner Rede

Es war eine aufregende Atmosphäre. SPD-Chef Sigmar Gabriel würdigte in seiner Rede, dass ich gar für Listenplatz 3 vorgeschlagen war und fragte ins Publikum: „Ist er denn da? Es ist ja so dunkel, man sieht hier ja gar nichts."

Im Publikum wurde herzhaft gelacht. Ob beim Parteivorsitzenden die Freude am Flachwitz Einzug gehalten hatte oder ob ihm der Satz ganz unabsichtlich zweideutig geriet, war mir in dem Moment fast egal.

Ich stellte mich in einer Rede den Genossen und Genossinnen vor - dann hatte ein Delegierter eine Frage an mich. Ich hätte mal bei einer Veranstaltung begeistert von Polygamie erzählt, sagte er, ob ich denn immer noch eine positive Haltung zur Vielehe hätte?

Ich sagte, dass ich mich freute, dass er sich so gut an meine Ausführungen erinnern könne. Ich selbst täte es allerdings auch, und zwar daran, wie ich einmal - in lockerer Runde am Biertisch - über Polygamie im Senegal gesprochen hätte. Und ich stellte klar: "Ich war auch damals und bin noch immer gegen Polygamie. Ich bin verheiratet mit einer Frau."

Der Saal applaudierte mir, und ich vernahm da und dort ein "Och, wie schade!". Ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Die Delegierten brachten mir am Ende das beste Wahlergebnis.

Für Listenplatz 3 bekam ich 88 Ja-Stimmen, zehn Nein-Stimmen und vier Enthaltungen. Auf den zweiten Platz kam Waltraud Wolf, hinter mir folgten auf den Plätzen 4 und 5 Marina Kermer und Andreas Schmidt. Platz 3, und das war in diesem Moment bereits ein erster kleiner Erfolg, reichte relativ sicher für den Einzug in den Deutschen Bundestag.

Doch damit fing die Arbeit jetzt erst richtig an

Nach dem Nominierungsparteitag in Magdeburg war nun also der Spiegel auf mich aufmerksam geworden und schlug mit seinem Artikel hohe Wellen. Halle war in Aufruhr. Empörung unter meinen Stadtratskollegen. Der Oberbürgermeister meldete sich zu Wort, andere prominente Hallenser wollten auch noch was sagen.

Der Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung Hartmut Augustin lud den damaligen Spiegel-Chefredakteur zu einem Leser-Forum nach Halle ein, um mit den Bürgern über Rechtsextremismus zu diskutieren. Dazu kam es leider nie.

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Der MDR brachte eine Sendung zum Thema samt Live-Schalte mit mir. Da konnten mich die Zuschauer dann aufgebracht erleben. Ich hielt nicht hinterm Berg damit, dass ich mich ziemlich "verarscht" fühlte, wie mir live im TV herausrutschte. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass 20 Jahre Arbeit gegen das schlechte Image Ostdeutschlands umsonst gewesen waren dank eines einzigen tendenziösen Artikels.

Plötzlich wurde ich in Städten wie München und Frankfurt am Main wieder gefragt: Wie kannst du nur da leben? Warum ziehst du nicht weg? Ich befürchtete einen großen Schaden für Halle und auch für andere ostdeutsche Städte. Auch die Integrationsbeauftragte der Stadt, Petra Schneutzer, sagte damals: "Die Recherchen des Spiegel sind einfach unkorrekt. Es schadet unserer Stadt und unserer Integrationsarbeit."

In Wahrheit erlebte ich, sowohl als Stadtrat wie auch als Privatmensch, eine ganz andere, eine internationale und menschenfreundliche Stadt. Rechtsradikalismus existiert zweifelsohne, davor darf niemand die Augen verschließen. Aber gemessen an den vielen Qualitäten dieser Kultur- und Wissenschaftsstadt ist es völlig unangebracht, sich ausschließlich darauf zu fixieren.

Erst kam mir die Aktion wie ein Angriff auf mich vor

Jana Krupik-Anacker, eine engagierte Hallenserin, richtete damals eine Facebook-Seite ein, die sie "Halle ist vielfältig" nannte und mit immer neuen Beiträgen bestückte, die die Weltoffenheit unserer Stadt illustrieren sollte. Erst kam mir die Aktion wie ein Angriff auf mich vor. Als hätte ich etwas in die Welt gesetzt, dem nun vehement widersprochen werden musste.

Aber dann stellte ich fest, dass auch viel Positives aus dem Wirbel entstanden war. Wir gingen gestärkt daraus hervor. Der breite Widerspruch aus der Bevölkerung war gute Reklame für Halle. Und gute Reklame zuletzt auch für mich.

Denn danach kamen sie alle. Von New York Times über Africa Courier bis zu Al Jazeera und BBC. Sogar Reader's Digest besuchte mich in Halle und Mwananchi, ein Magazin aus Tansania, das auf Swahili erscheint.

Ich wollte nun weg von den ewigen Klischees. Ich musste die Gelegenheit nutzen, die mir die unterschiedlichsten Medien boten, denn wann, dachte ich, würden CNN und Arte das nächste Mal aus und über Halle berichten?

Fast jeden Tag wurde ich ab jetzt von Foto- und Fernsehkameras begleitet. Und jeden Tag konnte ich zeigen, was diese meine Stadt zu bieten hat. Vielleicht hat so mancher darauf gehofft, eine Szene einzufangen, die Halle von einer anderen, hässlichen Seite zeigt. Auch die hat es natürlich gegeben.

Die NPD, die bei einer Kundgebung Bananen in Richtung meines Wahlplakats schmiss. Die ältere Frau, die meine Kollegen aus dem Wahlkampfteam beim Plakatieren mit den Worten ansprach: „Habt ihr bei euch keine Deutschen mehr?"

Der junge Mann aus meinem Team gab schlagfertig zurück: "Das ist der beste Deutsche, den wir haben."

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Mit Karamba in den Bundestag" von Dr. Karamba Diaby. Es erschien beim Verlag Hoffmann und Campe.

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