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Dr. Karamba Diaby  Headshot

Ich kam hierher, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen - jetzt bin ich Bundestagsabgeordneter

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KARAMBA DIABY
Thomas Peter / Reuters
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Die Geschichte meines Lebens lässt sich in einem Satz ungefähr so zusammenfassen:

Ein Waisenjunge aus dem Senegal fliegt, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, in die DDR, studiert, promoviert, entwickelt ein Faible für Schrebergärten, Eisbein mit Sauerkraut und deutsche Pünktlichkeit, tritt der SPD bei und zieht für Halle an der Saale als erster Schwarzer in den Deutschen Bundestag ein.

Tolle Drehbuch-Story, denken Sie jetzt vielleicht, nur ein bisschen weit hergeholt. Entspricht aber alles der Wahrheit. In dieser Zeit habe ich sehr viele Seiten dieses Landes kennengelernt. Und wie Sie sich denken können, nicht nur Gute.

Ich rede von einem Rassismus der nicht sichtbar ist

Ich kann zum Beispiel sehr gut verstehen, wie es jedem gehen muss, der neu in dieses Land kommt.

Ich rede gar nicht von den menschenverachtenden Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte und Flüchtlinge, von den Hasstiraden in den sozialen Netzwerken und den Stammtischen und Demonstrationen.

All das ist schon schlimm genug. Ich rede von einem Rassismus, der nicht sichtbar ist. Der nicht in den Medien stattfindet, aber fast jeder erfahren muss, der nicht in diesem Land geboren ist.

Es sind Szenen wie die folgenden, von denen ich rede:

Unterwegs auf der Bundesstraße 80, ein warmer Tag im August. Am Steuer meine Wahlkreisbüroleiterin Franca, die mich zu einem Termin ins Gewerbegebiet begleitete. Plötzlich sehe ich im Straßengraben einen älteren Herrn, der mit seinem Rollator gestürzt sein muss.

Wir rufen die Polizei, die unsere Personalien aufnehmen möchte und wissen will, was geschehen ist. Dafür wollen sie aber überhaupt nicht mit mir reden, sondern mit meiner Assistentin - "Die kann uns das besser erklären", sagen sie.

Dann wollten sie wissen, was wir überhaupt auf der B 80 zu suchen hätten, woraufhin Franca sagte, sie sei mit Herrn Dr. Diaby, und deutete dabei auf mich, auf dem Weg zu einem beruflichen Termin gewesen, ob es daran irgendetwas zu beanstanden gäbe?

"Ist das der Bundestagsabgeordnete?"

Da schauten sich die Polizisten an und sagten, nun weniger schnodderig als vielmehr verlegen: „Ist das der Bundestagsabgeordnete?" Ich fragte sie: "Ist das für den Unfallhergang relevant?" Mehr fiel mir leider nicht dazu ein.

Die schlagfertigen Antworten kommen einem ja immer erst hinterher. „Und SIE kommen aus Ostdeutschland?" - "Wieso, sieht man das nicht?" Ob ich mich ärgere oder gelassen bleibe, hängt oft von meiner Tagesform ab.

Aber manchmal grübele ich noch die halbe Nacht über solche Begegnungen nach. Ich glaube, es mangelt mir nicht gerade an Selbstbewusstsein, an innerem Frieden und Gleichmut, um solche Episoden, wie sie mir im Alltag begegnen, gut wegstecken zu können.

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Aber was ist mit Männern und Frauen, mit Jungs und Mädchen vor allem, die täglich schlecht behandelt werden und nicht das Rüstzeug besitzen, um solche Ungerechtigkeiten zu verkraften?
Die Blicke auf der Straße, der unfreundliche Ton im Geschäft. Menschen, die sich im Zug nicht neben einen setzen wollen.

Seit ich Mitglied des Bundestags bin und mehrmals im Monat zwischen Halle und Berlin pendele, bin ich Besitzer einer Netzcard, ähnlich der Bahncard 100. Wenn der Schaffner mich in der Ersten Klasse kontrolliert, blicke ich fast immer in ein erstauntes bis skeptisches Gesicht und höre ihn murmeln: "Aha. Mhmh. Soso."

"Sie da, sie nicht!"

Als ich zum ersten Mal in der Bundestagskantine Mittag essen ging, rief die Frau an der Kasse mir schon von weitem zu: "Sie nicht!" Ich sah mich um und fragte zurück: "Meinen Sie mich?" Sie rief noch einmal: "Ja, Sie. Sie nicht."

Ich tat so, als ließe ich mich nicht irritieren und schob mein Tablett weiter nach vorn, bis ich an der Reihe war. Entnervt sah sie mich an.

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An dieser Kasse kann nur mit der Chipkarte des Hauses bezahlt werden, motzte sie mich an. Ich hielt ihr meinen Ausweis hin, da änderte sich abrupt ihr Tonfall, und sie sagte zerknirscht: "Oh, entschuldigen Sie bitte, Herr Abgeordneter." Ich wollte keinen Streit, ich erlöste sie mit einem Lächeln und wünschte ihr noch einen guten Tag.

Manchmal versuche ich mich, in die Lage der Menschen hineinzuversetzen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und das Land nicht so gut kennen. Die wissen nicht, wo sie hin müssen - und verstehen einige Sachen nicht.

Als ich in die DDR kam kannte ich nur zwei deutsche Worte

Wie muss es denen ergehen, wenn sich solche Erfahrungen häufen, die ich gemacht habe? Wenn so etwas häufiger passiert, ist das gar kein guter Start für die Integration.

Dass sich Menschen willkommen fühlen, ist einer der wichtigsten Faktoren für eine gelungene Integration. Ich habe das selbst erfahren - als ich aus dem Senegal in die damalige DDR für ein Studium gekommen bin, habe ich mich willkommen gefühlt - obwohl ich nur zwei Worte kannte: BMW und Bundesliga.

Wir dürfen uns dieses Willkommensgefühl nicht von den Rechten kaputtmachen lassen. Es ist eine der größten Herausforderungen, der wir uns stellen müssen.

Wir Demokraten und Weltoffenen müssen das Wort erheben, wenn nötig sogar auf die Straße gehen und zeigen, dass wir Zusammenhalt statt Spaltung wollen. Denn dann kommen wir einer Gesellschaft, an der wirklich alle teilhaben können, einen großen Schritt näher. Das wünsche ich mir.

Am 14. Oktober erschien Karmba Diabys Buch "Mit Karamba in den Bundestag" im Hoffman Verlag. Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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