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Kapitän Stefan Schmidt Headshot

Ein Freund wurde von 4 Nazis angegriffen - jetzt fürchtet er, sich falsch verhalten zu haben

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NAZIS BERLIN
Getty
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Um eines vorweg klarzustellen: Ich bin gegen Gewalt, ich will und werde sie nicht gutheißen. Nun aber ist meinem besten Freund eine Geschichte passiert, die mich nachdenklich macht. Welches Verhalten ist richtig, im Angesicht von Dummheit und Rohheit?

Mein Freund arbeitet als Koch, er ist Mitte 50, groß und sehr kräftig, "ein Bulle von einem Kerl", so möchte ich ihn beschreiben. Am Wochenende war er abends in den Straßen von Lübeck unterwegs, als er auf vier Neonazis traf, Skinheads, deutlich jünger als er. Sie brüllten "Ausländer raus!", sie beschimpften Muslime und beleidigten Juden auf das Schlimmste.

Mein Freund hielt es nicht aus. Er stellte sie zur Rede.

"Was soll das? Hört auf damit!"

Einer gegen Vier.

Zu einem Dialog kam es nicht, dafür zu einer Schlägerei. Mein Freund mochte nicht in die Details gehen - die Polizei ermittelt noch - doch soviel steht fest: Er wurde durch den Schlag mit einer Eisenstange am Kopf verletzt und wachte erst im Krankenhaus wieder auf.

"Mir ist unsere Bürgergesellschaft derzeit zu leise, zu passiv."

Einer der Skinheads liegt dort mit einem Kieferbruch, auch die anderen bekamen Verletzungen ab. Die Polizei konnte von allen die Personalien feststellen - der Vorfall wird ein juristisches Nachspiel haben.

Mein Freund ist nicht nur kräftig, sondern er hat auch einen harten Schädel. Schon wenige Stunden, nachdem er aus dem Hospital entlassen wurde, ging er wieder zur Arbeit.

Als er mir die Geschichte erzählte, war ich zunächst erleichtert - dass ihm nichts Schlimmeres passiert war. Einer gegen Vier. Ein anderer Gedanke war: "Toll, wie mutig von ihm!"

Es kam zu einer Schlägerei - die Polizei ermittelt noch

Doch genau diese Frage treibt meinen Freund gerade um. War es mutig? Oder töricht? Ihn quält der Gedanke, sich falsch verhalten zu haben. Wir redeten darüber. Ich sagte ihm: In der Theorie kann man es leicht gutheißen, im Falle eines Gewaltausbruchs auch die andere Wange hinzuhalten - weil Gewalt ja sonst niemals aufhört.

Mehr zum Thema: Jeden Tag kommt es in Deutschland zu zwei rechtsextremen Gewalttaten

In der Praxis aber sieht es anders aus: Was wäre mit meinem Freund geschehen, wenn er sich nicht gewehrt hätte? Natürlich: der beste Weg wäre es gewesen, die Polizei zu rufen und abzuwarten. Aber: Wer kennt nicht den Impuls, im Falle eines realen Unrechts sofort aktiv zu werden? Diesen Leuten zu zeigen: Stop, bis hierhin, nicht weiter!

Er hat Glück gehabt, keine Frage.

Ich weiß nicht, wie ich mich in seiner Situation verhalten hätte. Ich gehöre jedenfalls nicht zu der Sorte Seemann, die zu Matrosenzeiten gerne die Fäuste fliegen ließ, ganz im Gegenteil. Doch es ist an der Zeit, sich den Rechtsextremen entschiedener in den Weg zu stellen.

Mir ist unsere Bürgergesellschaft derzeit zu leise, zu passiv. Wir sind dabei, uns im Angesichts der Fratzen von Trump und Höcke an unglaubliche Dinge zu gewöhnen. Wir lassen unsere eigenen Werte verschieben - und das darf nicht sein.

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Kapitän Stefan Schmidt, Jahrgang 1941, fuhr knapp fünf Jahrzehnte zur See. 2004 rettete er Flüchtlinge aus dem Mittelmeer, wurde deshalb angeklagt und ging fast in den Knast. Seit fünf Jahren ist er Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Schmidt hat drei erwachsene Söhne und lebt in Lübeck. Im seinem Blog auf Ankerherz berichtet er ab sofort von seinem Leben und seiner Arbeit.

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