BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Kapitän Schwandt Headshot

Silvester? Ohne Feuerwerk für mich

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Das Jahresende naht und im Supermarkt wird aufgerüstet. Ich beobachte, wie manche Kerle randvolle Einkaufswagen mit mehrstufigen Raketen, Kanonenschlägen und anderem Gebummse zur Kasse schieben. Ich sehe den Drang zum Feuerwerk skeptisch, nicht nur aus ethischen Gründen. Dass ich keine Knallerbse mehr anfasse, hat mit einer Nacht auf dem Indischen Ozean zu tun.

2016-12-30-1483088310-222671-Unbenannt.jpg

Noch zwei Tage waren es bis Bombay. Die Nacht war lau, die See lag so ruhig da wie die Ostsee an ihrem ödesten Tag. Meine Jungs langweilten sich und ja, ich erlaubte ihnen, die Rettungsnotsignale abzufeuern. Die mussten laut Gesetzt alle zwei Jahre erneuert werden und hatten das Verfallsdatum bereits erreicht. Unsere Art von Feuerwerk sollt es werden, warum denn nicht?

Um 23.50 Uhr versammelte sich die Mannschaft auf der Brücke. Mein Dritter Offizier ging mit den Kanonenschlägen auf die Back vor das Ankerspill, der Zweite Offizier machte sich daran, die Raketen auf der Brückennock anzustecken.

Dann ein Knall, ein gewaltiger Schlag. So war das nicht geplant. Alle standen kurz unter Schock, ich fühlte mich wie gelähmt. Als sich der Pulverdampf verzog, sahen wir ein grauenhaftes Bild.

Was war geschehen?

Der Moses, also der Jüngste an Bord, hatte einen Kanonenschlag vom Kartentisch entwendet, den er in letzter Sekunde über Bord werfen wollte. Er bat einen Leichtmatrosen, der in den Himmel starrte, um Feuer.

Die Zündschnur hatte sich schon in den Böller hineingefressen, doch der Moses glaubte, sie brenne nicht. Er bat den Matrosen, der immer noch nicht hinsah, erneut um Feuer. Ein Reiniger, der neben den beiden stand, beugte sich in diesem Moment über den Böller und fragte: "Junge, was hast du denn da?"

EXPLOSION!

Die Hand des Moses war skelettiert. An der Hand des Leichtmatrosen fehlte der Daumen. Am Schlimmsten hatte es den Reiniger erwischt: Was von seinem linken Auge übrig war, lief die Wange hinunter.

Mehr zum Thema: Klinik postet schockierendes Bild, um vor Silvesterböllern zu warnen

So gut es ging, versorgten wir die Schwerverletzten, spritzen ihnen Morphium, verbanden die Reste der Hand und die Augenhöhle. Ich ließ das Schiff mit schnellster Geschwindigkeit fahren. Mit viel Schmerzmittel überstanden sie die Stunden bis Bombay, wo Krankenwagen schon auf der Pier warteten.

Ich hoffe, dass Alle daran denken, wie gefährlich die Böller sein können - und vor allem auf Kinder Acht geben.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg.

Geradie ist sein neues Buch Klare Kante erschienen, das die besten Kolumnen von Kapitän Schwandt sammelt. Überall im Handel und hier bestellen.
2016-12-30-1483086568-2802331-KlareKante_Cover_RGB_800px216x300.jpg

Folgt Kapitän Schwandt auf Facebook. Mehr vom Kapitän findet ihr hier.

Lesenswert: