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Diese simple Frage könnte den Fachkräftemangel bekämpfen

06/07/2015 14:20 CEST | Aktualisiert 06/07/2016 11:12 CEST
thinkstock

Es ist schon verrückt! Deutschland benötigt dringend Kinder, bietet jede Menge in der Familienförderung, trotzdem entscheiden sich immer weniger Frauen für ein Kind. Warum eigentlich?

In der Demografieforschung ist 2020 ein magisches Jahr. Denn ab diesem Jahr gehen die Angehörigen der Babyboom-Generation in die Rente und verlassen damit das aktive Erwerbsleben. Das Problem: Die Fach- und Führungskräfte, die dort frei werden, können nicht durch die nachziehenden Generationen geschlossen werden. Denn es sind mehr vakante Fach- und Führungspositionen als Menschen in der Gesellschaft existieren, die diese Vakanzen besetzen könnten.

Symptome der demografischen Entwicklung

Vor über 15 Jahren war die größte Sorge, die Deutschland in Bezug auf den demografischen Wandel hatte, die Finanzierung der Renten. Die Rechnung war simpel: Immer weniger Junge müssen die Rente von immer mehr Alten finanzieren.

Vor etwa zehn Jahren folgten andere Sorgen: die Pflege der Alten. Schließlich ist auch die Lebenserwartung der Menschen gestiegen. Die Alten leben länger, also müssen sie auch länger gepflegt werden. Aber wie, wenn es immer weniger junge Menschen gibt, die auch andere wichtige Aufgaben in der Gesellschaft wahrnehmen müssen? Die Lösung lag auf der Zunge, aber so richtig hat sich niemand mutig dazu geäußert. Wenn in Deutschland selbst zu wenige Menschen leben, dann müssen Fachkräfte aus dem Ausland kommen.

Aber psssssstttt... Der Deutsche und seine staatlichen Institutionen hören es nicht gern, dass aus dem Ausland Menschen nach Deutschland kommen sollen. Man hat ja keine guten Erfahrungen mit den Gastarbeitern gemacht. Inzwischen aber kommt die Gesellschaft nicht an der Realität herum, dass kurzfristig Menschen in der Pflege benötigt werden. Inzwischen werden fleißig aus dem Ausland Pflegekräfte rekrutiert, für deren Weiterbildung und Sprachausbildung Einrichtungen geschaffen worden sind.

So langsam fordert man die nächsten Grenzen der Akzeptanzbereitschaft in der Gesellschaft heraus. Denn die Fach- und Führungspositionen, die eingangs erwähnt wurden, bleiben ja weiterhin unbesetzt. Der Druck wird immer größer. So groß, dass man ihm nicht mehr ausweichen kann.

Studien warnen vor sinkenden Geburtenraten

Die Gewerkschaften und die Linken beteuern immer noch, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt kein Fachkräftemangel existiert. Er sei ein Mythos, damit die Arbeitgeber die Lohnkosten niedrig halten können. Man kann den Gewerkschaften und Linken wiederum unterstellen, dass sie das Problem des Fachkräftemangels kleinreden wollen, umso die Löhne für ihre Klientel zu erhöhen. Gesamtgesellschaftlich ist diese Interessenpolitik allerdings wenig hilfreich.

Beim Fachkräftemangel müssen zwei Arten unterschieden werden. Gegenwärtig existiert in manchen Regionen und in einigen Wirtschaftszweigen in der Tat ein Fachkräftemangel. Diesen Fachkräftemangel auf ganz Deutschland zu projizieren, ist in der Tat fragwürdig. Hier ist die Kritik der Gewerkschaften und der Linken durchaus berechtigt. Aber die zweite Art, die zu unterscheiden gilt, ist der demografiebedingte Fachkräftemangel. Und auf den steuern wir geradewegs zu.

Jüngst wurden gleich mehrere Studien zum Fachkräftemangel und seine Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt veröffentlicht. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und das Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) gelangen in ihrer Studie „International Business Compass (IBC)" zu dem Schluss, dass durch die demografische Entwicklung die Lohnnebenkosten steigen werden.

„Ohne starke Arbeitsmärkte als zentralen Standortfaktor kann Deutschland seinen wirtschaftlichen Vorsprung auf Dauer nicht aufrechterhalten", prognostiziert Dr. Arno Probst, Mitglied des Vorstands der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Auch die Unternehmensberatung Boston Consulting Group kommt zu ähnlichen Erkenntnissen. In ihrer Studie „Die halbierte Generation" stehen auch die Bundesländer im Fokus. „Vor allem in den neuen Bundesländern wird der Mangel zum großen Problem werden", sagt Rainer Strack, einer der Autoren der Studie, voraus.

„Den Verlust von bis zu einem Fünftel der Arbeitskräfte werden diese Regionen kaum verkraften, ohne in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erheblichen Schaden zu nehmen. Bleiben Gegenmaßnahmen aus, sind eine weitere Verödung ländlicher Gebiete, die Abwanderung von Betrieben und das Schrumpfen lokaler Märkte absehbar."

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Ländliche Regionen stärker betroffen als Städte, Ostdeutschland stärker als Westdeutschland

Je näher wir dem magischen Jahr 2020 rücken, umso augenscheinlicher werden die negativen Folgen des demografischen Wandels in nahezu allen Gesellschaftsbereichen. Ländliche Regionen sind von dieser Entwicklung stärker betroffen als Städte und Metropolregionen. Ostdeutschland stärker betroffen als Westdeutschland. Familienunternehmen tun sich schwer, Nachfolger zu finden. Hausbesitzer insbesondere aus dem städtischen Umfeld, die ihr Eigentum verkaufen wollen, haben es schwer Käufer zu finden. Wie unser forgsight-Autor Michael Blume in seinem Gastbeitrag angeführt hat, hat der demografische Wandel Auswirkungen auf den Finanzmarkt.

Rundherum betrachtet, erkennen wir die Folgen des demografischen Wandels immer deutlicher und finden auch mal mehr, mal weniger gute Lösungen, um mit dessen Folgen umzugehen. Die ursächliche Frage bleibt allerdings unbeantwortet: Warum bekommen die Deutschen so wenige Kinder?

Dabei bietet Vaterstaat potentiellen Eltern jede Menge Anreize an. In ihrem Factsheet „Doing better for Families" hebt die OECD die Familienförderung in Deutschland hervor, führt aber auch an, dass sie kaum positive Effekte auf die Geburtenzahl haben. Geld und Infrastruktur alleine kann der Grund für die niedrige Geburtenzahl nicht sein. Die OECD führt einige Ursachen an:

Zum einen entscheiden sich immer mehr Frauen immer später Mutter zu werden. Hat eine Frau einen akademischen Titel, sinkt die Wahrscheinlichkeit bei dieser Frau, sich für ein Kind zu entscheiden. Der Arbeitsmarkt scheint auch die Frauen zu bestrafen. Frauen, die ein Kind haben, verdienen um die Hälfte weniger als kinderlose Frauen aus ähnlichen Berufen. Die Pflege der Angehörigen ist zudem Frauenarbeit. Nur ganz wenige Männer bringen sich in der Pflege von Angehörigen aktiv ein.

Frau und/oder/vielleicht/womöglich Mutter und/vielleicht/doch nicht/bzw. Karriere

In einer weiteren Studie, die OECD vergangenes Jahr veröffentlicht hat, kommen die Autoren zu weiteren Erkenntnissen, warum die Geburtenrate so niedrig ist: widersprüchliche Rollenerwartungen an die Frauen. Was Deutschland von Frankreich und den USA unterscheidet ist die wohlwollende Wertung der so genannten „working moms". Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist lange schon ein Thema in Deutschland. Die niedrige Geburtenrate in Deutschland weist darauf hin, dass weder die Forschung noch die Politik Konzepte zu kennen scheint.

Und in diesem Zusammenhang ist es absolut nicht nachvollziehbar, warum man Frauen nicht die schlichte Frage stellt, was sie von der Gesellschaft, ihrem Umfeld und Partnern erwarten, damit sie sich für ein Kind entscheiden. Denn trotz aller wissenschaftlicher Unschärfe und politischer Kontroverse ist eine Sache doch glasklar: Geld gebärt keine Kinder. Frauen tun dies.


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