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Erst als ich Kinder bekommen habe, habe ich gemerkt, wie schlimm es um die Kinderbetreuung steht

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KINDERGARTEN
Inga Kjer via Getty Images
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Vor rund einem Jahr bin ich zum zweiten Mal Vater geworden. Aufgrund eigener Erfahrungen kann ich sagen, dass es immer noch Nachholbedarf bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt.

Durch meine Arbeit im Deutschen Bundestag weiß ich, dass in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen worden sind, die Betreuungssituation zu verbessern, um den Balanceakt zwischen Familie und Beruf zu erleichtern.

Die CDU-geführte Koalition hat einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz und einen Krippenplatz eingeführt, und bis zum Jahr 2017 gab der Bund den Ländern 6 Milliarden Euro zum Kita-Ausbau. Die gestärkten Betreuungsinfrastrukturen ermöglichen es, dass inzwischen rund ein Drittel aller Kleinkinder unter drei Jahren eine Krippe besucht.

Betreuungsplätze, Betreuungsschlüssel, Qualität der Ausbildung

Trotz dieser unbestrittenen Erfolge liegt aber noch ein weiter Weg vor uns, und das gleich in dreifacher Hinsicht:

Erstens geht es um die Zahl der Betreuungsplätze. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat in diesen Tagen eine Studie veröffentlicht, wonach allein in Berlin mehr als 13.000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren fehlen. Hier müssen wir weiter nachlegen, denn immer mehr Frauen wollen immer früher nach der Geburt eines Kindes zurück in den Job.

Die Nachfrage nach Kita-Betreuung wird also weiter steigen. Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass der Deutsche Bundestag im April dieses Jahres ein Investitionsprogramm in Höhe von 1,1 Milliarden Euro beschlossen hat. Durch das Programm sollen bis zum Jahr 2020 deutschlandweit 100.000 zusätzliche Kita-Plätze entstehen.

Die zweite Herausforderung im Kita-Bereich betrifft die Qualität der Betreuung. Eine entscheidende Stellschraube ist der sogenannte Betreuungsschlüssel. Dieser Wert gibt an, wie viele Kinder in der Kita auf einen Betreuer kommen.

In Berlin betreut eine Erzieherin im Schnitt 5,6 Kinder unter drei Jahren. Im Bundesschnitt sind es 4,4. Fachleute empfehlen jedoch ein Verhältnis von eins zu drei. Gerade junge Kinder benötigen besonders kleine Betreuungsgruppen, weil nur in kleinen Betreuungsrelationen ausreichend individuelle Fürsorge möglich ist.

Neben dem Betreuungsschlüssel ist natürlich auch die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher maßgeblich für die Qualität der Kitabetreuung. Die Arbeit in der Krippe wird immer anspruchsvoller, denn die Kitas dürfen keine reinen Verwahranstalten sein, sondern frühkindliche Bildungs- und Erlebnisstätten mit anspruchsvollen pädagogischen Konzepten.

Hier besteht schon heute ein Fachkräftemangel, der sich vor dem Hintergrund des wachsenden Bedarfs an Krippenplätzen noch zu verschärfen droht.

Kita-Öffnungszeiten den Realitäten anpassen

Eine ausreichende Zahl von Fachpersonal werden wir nur rekrutieren können, wenn wir die Ausbildungskapazitäten erhöhen. Quereinsteiger können keine fachlich ausgebildeten Erzieher oder Lehrer ersetzen. Und natürlich müssen wir die Attraktivität des Berufsbildes erhöhen und dafür sorgen, dass das Betreuungspersonal auch angemessen für seine anspruchsvolle Tätigkeit entlohnt wird.

Mehr zum Thema: "Wir arbeiten Vollzeit und können trotzdem nicht davon leben" - Appell einer Erzieherin

Der dritte Punkt, bei dem die Krippen besser werden müssen, betrifft das Betreuungsangebot zu den sogenannten Randzeiten, also insbesondere am frühen Morgen und am späten Nachmittag und Abend. Die Kitaöffnungszeiten werden nämlich schlicht den Realitäten der Arbeitswelt nicht mehr gerecht. Dies gilt umso mehr, als dass die Zahl der Alleinerziehenden weiter steigt.

In Berlin beispielsweise, der Hauptstadt der Alleinerziehenden, wächst mittlerweile fast jedes dritte Kind bei nur einem Elternteil auf. Doch auch Eltern, die ihr Kind gemeinsam erziehen, sind immer häufiger auf zwei Einkommen angewiesen - und die notwendige berufliche Flexibilität kann nur sichergestellt werden, wenn auch die Kita-Öffnungszeiten hinreichend flexibel sind.

Vor diesem Hintergrund setzte ich mich dafür ein, sogenannte 24-Stunden-Kitas in Form von Modellprojekten einzurichten, um den geänderten Unterbringungsbedarfen von Eltern besser nachzukommen. Einer Verkäuferin im Supermarkt, die in der Spätschicht von 12 bis 20 Uhr arbeitet, ist schlicht nicht damit geholfen, wenn ihre eine Kita um 9 Uhr öffnet und um 15 Uhr schließt.

Lebensmittelpunkt Familie

Wichtig ist mir aber, dass die Gesamtzeit, die sich ein Kind in der Krippe befindet, nicht übermäßig ausgeweitete wird, denn selbstverständlich sollte der Lebensmittelpunkt eines kleinen Kindes immer das eigene Elternhaus sein. Deshalb sollte die Betreuungszeit nicht erhöht, sondern vielmehr flexibel den Arbeitszeiten der Eltern angepasst werden. Dazu könnten 24-Stunden-Kitas einen wichtigen Beitrag leisten.

Fragen der Betreuung von Kleinkindern werden häufig sehr leidenschaftlich diskutiert, und es prallen gegensätzliche Ansichten aufeinander. Ich möchte diesen Beitrag daher nicht beenden, ohne einen Appell an alle Seiten, ideologische Scheuklappen abzulegen.

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Eine Frau, die nach der Geburt ihres Kindes schnell an ihren Arbeitsplatz zurückkehren möchte, ist keine Rabenmutter. Ich finde es empörend, wenn Müttern, die auch mit Kind eine berufliche Karriere verfolgen, von manchen Leuten dafür ein schlechtes Gewissen eingeredet wird.

Mehr zum Thema: An die berufstätige Mama: Du bist meine Heldin

Umgekehrt gilt aber auch, dass eine Frau, die sich bewusst dafür entscheidet, eine „Vollzeit-Mutter" zu, sein, kein Heimchen am Herd ist. Wer in der Mutterrolle voll aufgeht und 24 Stunden am Tag für sein Kind da sein möchte, verdient dafür keine Häme, sondern Respekt.

Die Politik soll den Menschen kein Lebensmodell vorschreiben. Vielmehr ist es Aufgabe der Politik, den Menschen Angebote in alle Richtungen anzubieten. Nur dann besteht echte Wahlfreiheit für alle Väter und Mütter in diesem Land.

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