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Wie der Knigge uns in den Wahnsinn treibt

15/02/2016 17:17 CET | Aktualisiert 15/02/2017 11:12 CET
jameslee1 via Getty Images

Richtig Nase schnäuzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln angemessen telefonieren, Sakko akkurat knöpfen: Obwohl das Thema Benimm seit Jahren boomt, sind viele Menschen so weit von Knigge entfernt wie nie zuvor. Warum?

Knigge ist zurechtgestutzt worden zu einem Werkzeug im persönlichen Selbstoptimierungsbaukasten. Ich selbst habe diverse Knigge-Bücher geschrieben.

Vor dem Hintergrund der Beschleunigung, der Digitalisierung, der Mobilität oder dem Hang zur Ökonomisierung muss ich jedoch eindringlich vor falsch interpretierten Scheinwerten warnen.

Wenn Adolph Freiherr Knigge einen Blick auf die heutige Arbeitswelt werfen könnte, wäre für ihn auf den ersten Blick wahrscheinlich vieles in Ordnung. Auf den zweiten Blick jedoch wäre er schockiert.

Knigge ist zu einem Werkzeug im persönlichen Selbstoptimierungsbaukasten geworden.

Hinter der Fassade der manierlichen Arbeitswelt bröckelt es gewaltig. Knigge, der zur Zeit Kants ein von den Idealen der Aufklärung beeinflusstes Werk über Umgangsformen und Mündigkeit geschrieben hat, ist zu einem Motor der Unmündigkeit geworden.

Doch Vorsicht! Wer Knigge auf Benimmregeln kürzt, wird zum modernen Businesskasper, der marionettengleich an unsichtbaren Fäden hängt - ferngesteuert von Modediktaten, Terminen, Smartphones, Daten und vor allem den Erwartungen der anderen. Hier 3 aktuelle Kniggefeinde. In meinem neu erschienen Buch "Die Knigge-Kur" habe ich derer sieben ausgemacht.

Die Folge der Beschleunigung: Das Gefühl der Unmündigkeit

Schnellere Computer, schnellerer Datenaustausch, schnellere Verarbeitungsprozesse, schnellere Reisemöglichkeiten: Gerade in der Arbeitswelt sind die Auswirkungen der Beschleunigung zu spüren.

Bisher haben wir versucht, mit der höheren Geschwindigkeit klarzukommen, indem wir uns selbst anpassen und optimieren. Es gibt unzählige Knigge-Tipps, die uns helfen sollen, die Beschleunigung elegant so zu meistern, dass wir sie bestmöglich nutzen.

Das Problem: Durch Tricks gesparte Zeit wird nicht freigesetzt, sondern sofort weiter verplant. In der Folge fühlen sich immer mehr unmündig. Im Berufsleben werden viele kontrolliert von Programmen und Zeitplänen.

Das Gegenteil von Knigge. Die wenigsten Menschen suchen das Problem in der Beschleunigung selbst - sondern bei sich. Sie machen sich dafür verantwortlich, nicht schnell genug zu sein, nicht mithalten zu können. Entsprechend leiden immer mehr Menschen unter Stress.

Die Mobilität unterliegt dem Effektivitätsgedanken

Die Pendelwege nehmen zu und damit die Pendelzeit. Sechs von zehn Arbeitnehmern arbeiten heute außerhalb der Gemeindegrenze - das macht 17 Millionen Pendler.

8,5 Millionen Beschäftigte sind mittlerweile täglich länger als eine Stunde lang unterwegs. Eine Million pendeln am Wochenende zwischen Arbeit und zu Hause. Gegen Mobilität ist nichts einzuwenden. Mobil zu sein bedeutet, frei zu sein. Sich zu entscheiden, wo man arbeitet, ist sogar ein großes Stück Mündigkeit.

Aber: Die Mobilität unterliegt demselben Effektivitätsgedanken wie das übrige Leben. Schneller werden wir durch schnellere Züge und noch mehr Flüge nicht wirklich. Wir erschließen uns nur immer weitere Räume. Wir sind mehr unterwegs.

Wir müssen lernen, dass die Mobilität uns gerade im Berufsleben möglicherweise mehr Möglichkeiten beraubt als sie uns schenkt. Zudem sind Pendler häufiger krank. Knigge 2020 heißt daher, Mobilität wieder einzuschränken.

Durch die Digitalisierung geht die Autonomie verloren

Die Digitalisierung ist eine der größten Chancen und auch Herausforderungen für die Gesellschaft. Die Folge ist nicht nur, dass wir anhand unserer Daten berechenbar werden. Viel schwerer wiegt das Ergebnis, dass sich immer mehr Menschen ihrer Autonomie berauben.

Wie verloren wir heute sind, können wir in einer ganz normalen Arbeitswoche einmal versuchen - indem wir das Handy wegschließen. Termine steuern wir über Kalenderprogramme. Bei der Rechtschreibung verlassen wir uns auf elektronische Wörterbücher.

Die Suche nach der schnellsten Verbindung erledigen Apps auf dem Handy. Die Umrechnung von Währungen erledigen Rechner. Taxiruf? Ein Tastendruck auf dem Smartphone. Fatalerweise muss Knigge heute für Tipps im Umgang mit der Digitalisierung herhalten.

Es gibt Handy- und E-Mail-Knigge. Sie zeigen oberflächlich, wie Nutzer beim Telefonieren oder permanenten Kommunizieren eine gute Figur machen, um im Berufsleben möglichst viel zu erreichen.

Der wahre Knigge indes warnte davor, den eignen Verstand zu vernachlässigen

Dabei blickt der Durchschnittsnutzer heute täglich rund 100 Mal auf sein Smartphone. Dies wiederum führt, selbst wenn dabei Benimmregeln eingehalten werden, zu Konzentrationsstörungen.

Fehlende Ruhepausen und Dauererreichbarkeit sind ein Burnout-Faktor. Der wahre Knigge indes warnte davor, den eignen Verstand zu vernachlässigen oder Informationen an den falschen Preis zu geben.

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