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Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem

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UNIVERSITAET STUDENTEN
dpa
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Im September 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen zentrale Ziele nachhaltiger Entwicklung. Damit wurde eine globale Bildungsagenda für die Jahre 2016 bis 2030 formuliert, deren Bildungsziel lautet: „bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sicherstellen sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen fördern". Wie ist dieses Ziel hinsichtlich des aktuellen Zustands des deutschen Bildungssystems einzuordnen?

In einer Vielzahl von Bildungsbereichen sind in den vergangenen Jahren wichtige strukturelle Veränderungsprozesse eingeleitet worden: vom Ausbau der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung über Ganztagsschulen bis hin zu schulstrukturellen Veränderungen im Sekundarbereich I sowie zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen.

Folgt man der Analyse des aktuellen nationalen Bildungsberichts, so befindet sich das deutsche Bildungssystem aktuell in einer Situation zwischen Bildungsexpansion und Bildungsintegration. In allen Bereichen des Bildungssystems zeigt sich ein anhaltender Trend zu mehr Bildung - sowohl bei der Bildungsbeteiligung als auch bei den Ergebnissen von Bildungsprozessen.

Mehr Kinder nutzen das Angebot frühkindlicher Bildung, die Nachfrage von höher qualifizierenden Schularten und den dort erreichbaren Abschlüssen steigt, ebenso die Anzahl von Jugendlichen, die die Schule mit Hochschulreife verlassen.

Auch im Weiterbildungsbereich setzt sich der positive Entwicklungstrend fort. Die Erfolge dieser Bildungsexpansion lassen sich an den Bildungsabschlüssen ablesen: Je jünger die Menschen, desto höher ist ihr erreichter Bildungsstand.

Nicht alle profitieren von der steigenden Bildungsbeteiligung

Jedoch profitieren nicht alle gleichermaßen von der steigenden Bildungsbeteiligung. Besonders im unteren Qualifizierungsbereich bleiben Probleme bestehen. Zu viele Jugendliche und junge Erwachsene erwerben maximal einen Hauptschulabschluss oder bleiben ohne berufliche Qualifikation - vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsentwicklung wird sich dieser Trend in der Zukunft verstärken.

Auf die Gruppe der formal gering oder nicht Qualifizierten ist weiterhin verstärkt der bildungspolitische Blick zu richten. Von besonderer Bedeutung bleibt dabei die Gestaltung der Schnittstellen individueller Bildungsverläufe, insbesondere zwischen dem ersten allgemeinbildenden (Haupt-)Schulabschluss, der Berufsvorbereitung im Übergangssystem und der Berufsausbildung.

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Die Kompetenzstände der Jugendlichen haben sich in den letzten 15 Jahren in fast allen untersuchten Domänen leicht, aber kontinuierlich verbessert. Der Anstieg der mittleren Kompetenzen ist insbesondere auf Verbesserungen bei Jugendlichen aus weniger sozial begünstigten Familien sowie von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund zurückzuführen.

Dieser positive Trend darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass der Anteil der Jugendlichen, die am Ende der Vollzeitschulpflicht über unzureichende Kompetenzstände in den Basiskompetenzen verfügen und damit Probleme beim Übergang in eine vollqualifizierende Ausbildung und später in das Erwerbssystem bekommen, weiterhin zu groß ist.

Abbau sozialer Ausgrenzung erfordert Maßnahmen in allen Bildungsbereichen

Der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist weiterhin beständig und in allen Bildungsbereichen ausgeprägt. Dies bezieht sich sowohl auf Partizipationsmerkmale beim Zugang zu institutionalisierten Bildungsangeboten im frühkindlichen Bereich bis hin zur Weiterbildung im Erwachsenenalter als auch auf den Kompetenzerwerb.

Maßnahmen zum Abbau sozialer Ungleichheiten sind nicht ausschließlich dort umzusetzen, wo Ungleichheiten im System sichtbar werden, sondern beginnen mit der Erweiterung und dem Ausbau vorschulischer Bildungs- und Betreuungsangebote im frühkindlichen Bereich.

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Punktuelle Veränderungen auf einzelnen Bildungsstufen allein tragen jedoch wenig zum Abbau der Ungleichheiten bei. Ein Abbau sozialer Ausgrenzung erfordert vielmehr Maßnahmen in allen Bildungsbereichen.

Auch regional haben Kinder und Jugendliche unterschiedliche Startvoraussetzungen ins Bildungssystem. Regionale Differenzen prägen sich innerhalb Deutschlands immer stärker aus, auch das Bildungssystem ist von der Unterschiedlichkeit der Entwicklungen gekennzeichnet.

Die regionale Betrachtungsperspektive muss je nach Bildungsbereich unterschiedlich ausgerichtet sein: Ist es in der frühkindlichen Bildung und Grundschule noch das engere Wohnumfeld, so erweitert sich die Region bereits im Bereich der Sekundarschule.

Für die berufliche Bildung ist der Blick eher auf strukturell verknüpfte Wirtschaftsräume zu richten, bei denen Ländergrenzen keine Relevanz haben müssen. Letzte zeigen in besonderer Weise ungleiche Bedingungen beim Übergang in eine vollqualifizierende Ausbildung.

Unterschiede zu erkennen und ausgleichend auf sie zu reagieren, bleibt eine zunehmend wichtiger werdende Anforderung für alle Beteiligten in der Bildungspolitik und der Bildungspraxis. Mit Blick auf die Zielfunktionen des Bildungssystems wird immer mehr eine proaktive regionale Bildungspolitik wichtig.

Neuzugänge in Berufsausbildungen sind rückläufig

Neben diesen sozialen und regionalen Disparitäten zeichnen sich weitere Herausforderungen ab. So wandelt sich das Verhältnis von dualer Ausbildung und Hochschulstudium dahingehend, dass junge Erwachsene vermehrt ein Hochschulstudium anstreben und die Neuzugänge in Berufsausbildungen rückläufig sind. Ungeklärt sind die möglichen Folgen dieser Verschiebungen in der Qualifikationsstruktur.

In der öffentlichen Debatte in Deutschland wurde daher in den vergangenen Jahren das Verhältnis zwischen dualer Ausbildung und Hochschulbildung verstärkt thematisiert. Hier ist zukünftig auf notwendige Differenzierungen zu drängen und der Frage nachzugehen, ob und wie weit neue Segmentationslinien und soziale Ungleichheiten entstehen.

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Zu klären ist beispielsweise, welche Auswirkungen der Trend zur Hochschulbildung sowohl für die berufliche Ausbildung als auch für das Hochschulsystem hat und ob er zu neuen Ausbildungsstrukturen führt, wie zum Beispiel duale Hochschulstudiengänge, neue Formen der Durchlässigkeit und des Hochschulzugangs.

Des Weiteren hat der Trend zur Gründung von privaten Bildungseinrichtungen in den letzten Jahren angehalten. Zu fragen ist, ob die zunehmenden (vor allem privaten) Initiativen zur Gründung von Schulen und die Entwicklung von Studiengängen als ein Hinweis auf Mängel in der Bedarfsgerechtigkeit der öffentlichen Bildungsinfrastruktur zu deuten sind.

Mit einer institutionellen Heterogenisierung ist eine Reihe von Fragen verbunden, die auf die bildungspolitische Agenda der kommenden Jahre gesetzt werden müssen. Hier stellt sich beispielsweise die Frage, ob dadurch eine Dynamik freigesetzt wird, die eher zur Erweiterung von Bildungsoptionen für alle führt oder eher zu neuen sozialen Segmentationsprozessen, und welche Rückwirkungen diese Dynamik auf das öffentliche Bildungssystem hat.

Disparitäten aufgrund des Migrationshintergrunds nach wie vor stark ausgeprägt

Eine der größten Herausforderungen, vor denen das deutsche Bildungssystem aktuell steht, ist das Thema der Bildung und der Migration. Dies ist eng mit allen genannten Themenbereichen verbunden und zieht sich gleichfalls durch alle Etappen des Bildungsverlaufs und damit durch alle Bereiche des Bildungssystems.

Trotz positiver Entwicklungen in den vergangenen Jahren sind Disparitäten aufgrund des Migrationshintergrunds nach wie vor stark ausgeprägt. Dies bezieht sich auf Partizipationsmerkmale von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung, ebenso wie auf die Kompetenzstände bei Kindern im Vorschulalter bis hin zu den Kompetenzen im Erwachsenenalter.

Migrationsmerkmale sind für sich schon äußerst heterogen und erfordern eine möglichst differenzierte Betrachtung, die aber aufgrund fehlender Daten nur in wenigen Kontexten erfolgen kann. Migrationsmerkmale wirken darüber hinaus auch nicht isoliert, sondern stehen in engem Zusammenhang mit sozialen Disparitäten.

Eine besondere Herausforderung für das ganze Bildungssystem, auch für die nächsten Jahre, stellt die große Zahl der Schutz- und Asylsuchenden dar. Zeitlich notwendige Insellösungen, wie zum Beispiel die Einrichtung von Willkommensklassen für diese Personengruppe, sollten als Dauerperspektive vermieden werden - auch wenn sie temporär notwendig sind.

Der Artikel ist eine Kurzfassung des Beitrags „Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem" in der DUK-Publikationsreihe „Blickwinkel", 2017 und erschien ursprünglich hier.

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