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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Verstehen Sie Werder?

20/10/2015 16:45 CEST | Aktualisiert 20/10/2016 11:12 CEST
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Niemand in Bremen behauptet, Werder sei ein Spitzenteam. Als Abstiegskandidat sehen sie sich aber auch nicht. Das Problem: Dazwischen gibt es mittlerweile nichts mehr in der Bundesliga. Es gab Zeiten, da hätte Werder genau aus dieser Konstellation etwas gemacht. Eine eigene Marke, eine Position, einen Vorteil. Was Bremen jetzt daraus macht, ist ein Problem.

Das knappe 0:1 gegen die Bayern war eine Vorlage. Werder hat so knapp verloren wie ganz wenige andere in dieser Saison. Extrem defensiv und destruktiv. Das ist nicht verboten. Ganz sicher sogar das einzige Rezept, wie ein Klub dieser Leistungsstärke überhaupt gegen die Münchner überleben kann. Im Grunde das Beste der mittlerweile fünf verlorenen Spiele in Folge.

Trotzdem wollte niemand danach die sportliche Niederlage in einen moralischen Sieg umwandeln. Das ist ebenso ehrenhaft wie unnötig. Wenn sie irgendetwas anderes hätten, um die schlechte Laune zu vertreiben, okay. Aber es gibt nichts.

Nehmen, was da ist

Die Konstanz fehlt. Werder schießt kaum noch Tore. Das Selbstvertrauen ist weg. Die Personalpolitik eigenwillig. Die Punktausbeute reicht aktuell für den Relegationsplatz. Und wenn die Außendarstellung Einfluss auf die Tabelle hätte, wäre Bremen wohl Letzter.

Trainer Viktor Skripnik reagiert äußerst dünnhäutig. Der Ukrainer fühlt sich und sein Team zu schlecht bewertet und stellt seine eigene Zukunft in Frage. Ohne danach gefragt worden zu sein. Nachdem er, auch ohne Not, von seinem Sportchef Thomas Eichin eine gut gemeinte, aber unangebrachte Jobgarantie erhalten hatte („bleibt auch nach einem 0:12 Trainer").

Eine Trainerdiskussion gab es in Bremen, wenn überhaupt, nur von außen. Aber doch nicht von Werder selbst. Und schon gar nicht vom Trainer angestoßen. Der Frust musste raus. Viktor Skripnik ist zwar erst seit einem Jahr auf diesem Posten. An der Weser steht er seit 19 Jahren ununterbrochen unter Vertrag. Er weiß genau, die Werder-Familie regelt wichtige Themen intern.

Hausgemachte Probleme?

Das „Outing" ist riskant. Treuebekenntnisse von seinen Vorgesetzten bekommt er gratis. Zur öffentlichen Diskussion hat er jetzt selbst eingeladen. Also gut: Was hat sich in seiner Amtszeit verändert?

Skripnik ist keiner für die Showtreppe, kein aalglatter Verkäufer für zweifelhafte Luftschlösser. Er hat Fußball gearbeitet und sicher die Klasse gehalten. In der neuen Saison ist es schwierig, eine klare Linie zu erkennen. Spielerisch und auch beim Personal. Allen voran der Umgang mit den jüngeren Akteuren.

Werder hat kein Geld für Stars, also versuchen sie, selber welche zu entwickeln. Mit Spielern aus dem eigenen Internat. Im September wurden die meisten zur U23 geschickt. Sie sollten sich dort durchbeißen. Unregelmäßig taucht der ein oder anderen dann doch kurz wieder in der Bundesliga auf.

Der Blick in die eigene Vergangenheit kann helfen

Vielleicht ist das sogar der richtige Umgang mit den Jungen. Die haben überall schnell gelernt, dass ihnen durch den überdrehten Transfermarkt auch mit halbem Engagement die ganze Welt des Fußballs offen steht. Ich bezweifele trotzdem, dass die Bremer Methode Werder kurzfristig hilft.

Die zurückgeholte Bremer Ikone Claudio Pizarro ist als Typ und Gesicht wichtig für den Verein. Auf dem Feld fehlen ihm Fitness und Spritzigkeit. So wie sie an der Weser im Moment drauf sind, muss ich befürchten, dass sie auch dieses Thema freiwillig von sich aus aufmachen werden. Wo ist die an der Weser einst so einmalige Unaufgeregtheit geblieben? Die gnadenlose Überzeugung vom eigenen Weg gegen alle Zweifler?

Werder war immer stark, wenn es als Einheit funktioniert hat. Mit wenigen Top-Stars. Auf dem Feld und im Umfeld. Ohne diese Qualität hat Bremen zu wenig zu bieten. Für ein Spitzenteam sowieso. Und auch wenn sie nicht dazugehören wollen: Der Rest der Liga spielt geschlossen gegen den Abstieg.

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