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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Verlängerung der Leidenszeit

29/02/2016 16:33 CET | Aktualisiert 01/03/2017 11:12 CET
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Statt des fast sicheren Abstiegs darf Hannover 96 nach dem Sieg am Samstag wieder Zittern

Hannover 96 steigt am Saisonende ab. Da waren sich im Grunde alle einig. Selbst bei Hannover 96. Nach dem Sieg in Stuttgart und den Ergebnissen der unmittelbaren Konkurrenz stellt sich diese vermeintliche Tatsache als längst nicht mehr so sicher heraus. Bei den „Roten" haben sie sehr viel falsch gemacht in den vergangenen Jahren. Seit dem Wochenende lebt die Hoffnung, diese Fehler auch in der kommenden Spielzeit wieder in der Bundesliga machen zu dürfen.

Von den Mannschaften auf den Tabellenplätzen sechs bis 18 hat am Wochenende nur eine ihr Spiel gewonnen: Hannover 96. Wichtig für die Niedersachsen sind vor allem die Ergebnisse der direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt gewesen. Hoffenheim hat verloren, Werder und Frankfurt nicht gewonnen. Der Rückstand des Tabellenletzten auf den Relegationsplatz 16 sind vier und nicht sieben Punkte.

Der Klassenerhalt ist immer noch weit entfernt. Dafür ist nach dem 2:1 von Stuttgart eine wichtige Erkenntnis aufgetaucht: Man muss gar nicht besser sein als der Gegner. Man muss nur einen entscheidenden Fehler weniger machen. Hätte der VfB nur einen Bruchteil seiner Chancen in Tore umgesetzt, würde der Abstand der Hannoveraner sieben Zähler betragen. Und keiner dürfte sich beschweren.

Anders dürfte 96 auch nur sehr selten eine Chance haben, Spiele zu gewinnen. Hannovers „2-plus-1-Methode" ist normalerweise viel zu wenig, um Erfolg zu haben. Die „Roten" haben nur zwei herausragende Spieler, mit Torwart Ron Robert Zieler und Mittelfeldspieler Hiroshi Kiyotake. Hier und da kommt ein „Überraschungsgast" mit dazu. In Stuttgart war es der Doppeltorschütze Christian Schulz.

Aber davon haben sie bisher einfach zu wenig zu bieten. Spielmacher Kiyotake war lange verletzt und ist darüber hinaus den Beweis, eine Saison (manchmal sogar nur eine Partie) komplett auf höchstem Niveau spielen zu können, noch schuldig. Ein guter Torwart allein reicht nicht. Damit ist auch schon das Grundübel der letzten Jahre klar. Seit den rauschenden Abenden in der K.-o.-Phase der Europa League ist die Mannschaft immer schwächer geworden.

Mir fehlt der klare Plan, für was Hannover 96 eigentlich steht. Das ist dann auch an der Kaderzusammenstellung zu erkennen. Es wird nur noch reagiert und so gut wie gar nicht mehr aktiv und vorausschauend etwas auf den Weg gebracht. Eklatante Belege dafür sind die Personalien Dirk Dufner und Michael Frontzeck.

Hannover gibt die Trennung von Manager Dirk Dufner frühzeitig bekannt. Lässt ihn aber noch die Personalpolitik bis zum Ende des Transferfensters im Sommer verantworten. Im anderen Fall ist es natürlich menschlich schwierig, den Retter Michael Frontzeck gleich wieder vor die Tür zu setzen. Zum einen war das allerdings mit dem Trainer vorher so verabredet. Zum anderen zeigen einfach zu viele Beispiele in der Liga, dass man nach knapp verhindertem Abstieg gerade auf dieser Position ganz genau überlegen muss. Der HSV, Stuttgart, Bremen und Hoffenheim sind eindeutige Belege dafür.

Clubchef Martin Kind hat netterweise seinen Anteil am Qualitätsverlust von 96 öffentlich gemacht. Das war natürlich auch ein Ablenkungsmanöver, um etwas den Druck von Trainer und Mannschaft zu nehmen. Aber es ist auch die Wahrheit. Lange habe ich einzig nicht verstanden, warum er öfter unnötig und drastisch auf Konfrontationskurs mit den Fans gegangen ist.

Der einzigen Konstante in der jüngeren Historie an der Leine. Ich habe ihn allerdings strukturell für einen Glücksfall gehalten. Seit er jedoch im Streit zwischen dem damaligen Trainer Mirko Slomka und Jörg Schmadtke den Manager hat gehen lassen, ist es vorbei. Kind ist ein Geschäftsmann, braucht aber dringend einen ausbalancierten Fußball-Fachmann an seiner Seite.

Da ist es kein Wunder, dass Hannover in der Winterpause Thomas Schaaf als Trainer verpflichtet hat. Der wurde ja nicht geholt, um der Mannschaft einen neuen Anschmiss oder eine extreme Ausrichtung zu verpassen. Schaaf soll als Mangelverwalter mit seiner stoischen Art für Ruhe sorgen. Wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, in Hannover die Voraussetzungen für den Klassenerhalt zu schaffen.

Schaaf war nie einer, der sich öffentlich von Schlagzeilen und Stimmungen hat treiben lassen. Auch nicht, als sich bis zum vergangenen Samstag alle einig waren, dass Hannover bereits abgestiegen ist. Genauso wenig wie er jetzt offensiv den Turnaround propagiert. 96 darf nach dem Sieg in Stuttgart wieder mitmachen im Rennen gegen den Abstieg.

Andernfalls wären sie weg gewesen. Anstelle der Klarheit, keine Chance mehr zu haben, wird das Leiden weitergehen. Denn Hannover hat zwar drei Punkte und ein wenig Selbstvertrauen mehr, aber auch die Gewissheit: Nur wenn die Konkurrenz noch schlechter ist, haben sie eine realistische Chance.

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