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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Mangelhafte Leistungsstruktur auf Führungsebene

28/09/2015 15:17 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 11:12 CEST
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Die Krise bei Hannover 96 hat ihren Ursprung in der Führungsetage

Trotz des überraschenden Punktgewinns in Wolfsburg ist Hannover 96 aktuell die schlechteste Mannschaft der Bundesliga. Oder, wie es 96-Präsident Martin Kind in seiner unnachahmlichen Art ausdrückt: Platz 18 entspricht der derzeitigen „Leistungssituation". An dieser Situation ist Kind alles andere als schuldlos. Fragwürdige Personalentscheidungen und sein ungezügelter Mitteilungsdrang stehen einer dauerhaft erfolgreichen Entwicklung bislang im Weg.

Ein kurzer Blick auf die Tabelle reicht, um zu sehen, wie prekär die Lage von Hannover 96 ist. Als einziges siegloses Team der Liga belegen die Niedersachsen den letzten Platz. Nun sind allerdings auch schon andere Mannschaften schlecht in die Saison gestartet und haben sich im Laufe der Runde wieder berappelt.

Analysieren wir also zunächst einmal die Situation etwas genauer, so wie es Martin Kind auch so gerne tut. Für diese Analyse ist eine andere Tabelle deutlich aufschlussreicher, nämlich die des Kalenderjahres 2015.

In der rangiert 96 auf Platz 16 von 16 Teams, die in diesem Jahr 24 Bundesligaspiele bestritten haben. Mit nur 15 Punkten liegt 96 sieben Zähler hinter dem Vorletzten, dem VfB - eine verheerende Bilanz.

Die 96-Fans konnten sich 2015 bislang nur über zwei Siege freuen. Genau die zwei Siege zum Ende der letzten Spielzeit reichten allerdings, um so eben die Klasse zu halten.

Die Krise in Hannover währt also schon deutlich länger als nur diese Saison. Verschärft wurde sie dadurch, dass 96 im Sommer mit Lars Stindl, Joselu, Jimmy Briand und Leonardo Bittencourt etwa 80 Prozent seiner Offensivstärke verloren hat.

Diese Spieler wurden nicht annähernd adäquat ersetzt. Und da wären wir schon mittendrin im Problem bei Hannover 96.

Für die Kaderzusammenstellung war nämlich noch Dirk Dufner verantwortlich. Jener Manager also, dem nach eingehender Analyse - so ist zu vermuten - die Hauptschuld am schlechten Abschneiden in der vergangenen Saison angelastet wurde. Und mit dessen Entlassung nach erfolgtem Klassenerhalt das Umfeld fest rechnete.

Doch Martin Kind entschied überraschend anders. Wohl mangels kurzfristiger Alternativen - Andreas Rettig ging lieber in die 2. Liga zum FC St. Pauli - ließ er Dufner die neue Mannschaft zusammenstellen, ehe der Manager pünktlich zum Ende der Transferperiode bei 96 ausschied.

Mittlerweile hat auch Kind festgestellt, dass der von Dufner geplante Kader den Ansprüchen nicht genügt. „Die Leistungsstruktur ist nicht ausreichend", heißt das bei Kind.

Bleibt die Frage, ob Trainer Michael Frontzeck daran eine Mitschuld trägt und ob es ihm gelingt, aus dem Kader das Beste herauszuholen? Frontzeck wurde am Ende der vergangenen Saison als Fünf-Spiele-Retter verpflichtet, nachdem Kind seinem Vorgänger Tayfun Korkut zunächst eine Jobgarantie ausgesprochen und ihn dann doch entlassen hatte. Ein Muster, das sich bei Kind ebenfalls wiederholt.

Nicht auszuschließen ist, dass Frontzeck in der Euphorie über den Klassenerhalt die Substanz der Mannschaft überschätzt hat. Bisher ist es ihm außerdem nicht gelungen, dem Team ein funktionierendes Spielsystem zu vermitteln.

Zu kämpfen hat er allerdings mit einem überaus kritischen Umfeld und jüngst auch wieder mit einer vom eigenen Präsidenten angezettelten Trainerdiskussion. Mit seiner Aussage vom Fußball als „Ergebnissport" konterkarierte Martin Kind seine zuvor geäußerte Rückendeckung für Frontzeck.

Um nach dem 1:1 in Wolfsburg erneut zu versichern, er selbst habe nie eine Trainerdiskussion geführt. Nach 18 Jahren im Bundesligabetrieb sollte Kind die Wirkung seiner Worte eigentlich besser einschätzen können.

Martin Kind ist das personifizierte Hannover 96. Als quasi Alleinentscheider, der sich sportlich nur von 96-Legende Dieter Schatzschneider beraten lässt, nimmt er die „Gesamtverantwortung" für die bedrohliche Lage auf sich.

Das ist ehrenwert. Viel wichtiger ist allerdings, dass mehr sportliche Kompetenz in die hannoversche Führung kommt. Ich frage mich, warum es Kind bisher nicht gelungen ist, die entscheidenden Posten im Verein dauerhaft mit echten Fachleuten zu besetzen. Wollen die guten Leute nicht zu 96 oder will Kind seine Macht nicht teilen?

Seit dem Aufstieg in die Bundesliga 2002 hatte Hannover ein einziges Mal eine solche Erfolgskombination. Mit Jörg Schmadtke als Manager und Mirko Slomka als Trainer ging es für 96 bis auf Platz vier und zweimal in Folge in die Europa League.

Doch als es zwischen den beiden zu offensichtlichen Spannungen kam, schaffte Kind es nicht, zwischen ihnen zu vermitteln. Am Ende setzte sich der in Hannover bestens vernetzte Slomka im internen Machtkampf durch und Kind musste Schmadtke ziehen lassen.

Dessen Nachfolger Dufner blieb weitgehend blass und konnte die Erwartungen nie erfüllen. Umso kurioser war Kinds Entscheidung, ihn den neuen Kader planen zu lassen.

Mit der Anstellung des ehemaligen Nürnbergers Martin Bader zum 1.10. als Geschäftsführer Sport nimmt der 96-Präsident nun einen neuen Anlauf, die wichtigsten Positionen im Verein erfolgversprechend zu besetzen. Bader soll möglichst schnell einen Sportdirektor einstellen und hat dafür von Kind angeblich freie Hand bekommen.

Gemeinsam müssen Bader und der neue Mann dann eventuell auch über den Trainer entscheiden - am besten, ohne dass Martin Kind sich alle zwei Tage dazu äußert. Das wäre immerhin ein Anfang. Zwar spät, aber vielleicht noch nicht zu spät, um den ersten Abstieg nach 14 Jahren Bundesligazugehörigkeit zu verhindern.

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