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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Rätsel Weltmeister

21/03/2016 17:36 CET | Aktualisiert 22/03/2017 10:12 CET
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Viele Spekulationen, keine Erklärung: Warum sich Mario Götze und der FC Bayern nie getroffen haben

Er hat Deutschland verzaubert und Dortmund verärgert. Selten hat ein Fußballer innerhalb von so kurzer Zeit emotional so heftig die beiden Enden der Gefühlsskala ausgereizt wie Mario Götze. Und dabei ist sein eigenes Seelenleben noch gar nicht thematisiert. Ich will überhaupt nicht in eines der beiden Extreme verfallen, ich persönlich will nur eines: Ich würde die Situation um Mario Götze einfach gerne verstehen.

Ganz klar, wer Borussia Dortmund so verlässt wie Mario Götze, der muss noch deutlich mehr tun, als Deutschland „nur" mit dem Siegtor in der Verlängerung zum WM-Titel zu schießen. Mario Götze ist beim BVB groß geworden, er hatte überragende Fähigkeiten, der Verein hat ihm im Gegenzug das Vertrauen und die Chance auf einen sicheren Stammplatz gegeben. Götze schien einer dieser hochbegabten Ruhrpott-Rebellen zu sein, die nachhaltig an der Vormachtstellung der Bayern rütteln wollten.

2013 folgte der Wechsel, dank einer Ausstiegsklausel vorzeitig und angesichts des vermeintlichen Marktwerts einer recht geringen Ablösesumme von „nur" 37 Millionen Euro. Mario Götze war kein Schwarz-Gelber mehr, sondern ein Roter. Mehr „Verräter" aus Sicht der Dortmunder Fans geht nicht. Für die Anhänger der Bayern war die Verpflichtung anfangs eher etwas wie eine „Trophäe". Die Bayern hatten Dortmund mal wieder geschlagen und gezeigt, wer den längeren Arm hat, auch wenn ein Konkurrent zwei Jahre lang kräftig dagegen hält. Wenn sie in München einen Spieler haben wollen, dann bekommen sie ihn auch.

Das Potential des Mario Götze war unter den Bayern-Fans kein Thema. Trotzdem fehlte irgendetwas. Der gebürtige Memminger ist zurückhaltend, oft sogar distanziert und wirkt nicht selten arrogant. Vielleicht ist das falsch. Götze hat jedoch nie den Versuch gestartet, gegen sein Image anzutreten. Sportlich war das erste Bayern Jahr okay, ohne dass Götze so prägend war, wie man es eigentlich erwarten musste. Ein ähnlicher Typ wie Thiago Alcantara, den Pep Guardiola mit der Aussage „Thiago oder nix" noch vor der tatsächlichen Verpflichtung zum Schlüsselspieler gemacht hat. Götze ist ebenfalls eher klein, technisch stark und wendig. Thiago aber war spürbarer.

Dann kam das WM-Finale. Mario Götze erzielte bekanntermaßen das Siegtor. Ein technisch sehr anspruchsvoller Treffer. Ein Punkt in der Karriere, der alles möglich macht. Götze hätte ohne großen Aufwand zum Volkshelden werden können, zum Liebling der Massen. Zum Vorbild. Eine verbindliche, ehrliche Aussage ans Volk hätte gereicht. Aber Mario Götze blieb auch in dieser Situation freundlich distanziert und unverbindlich. Vielleicht braucht er das nicht? Vielleicht will er das nicht? Vielleicht kann er das nicht? Wahrscheinlich von jedem etwas.

Mario Götze war hernach immer der Siegtorschütze, der Deutschland zum Weltmeister gemacht hat. Ein Name, DER Name, aber nichts anderes. Man konnte ihm nicht mal einen mentalen Durchhänger andichten nach dem Triumph von Brasilien. Götze war einfach einer unter vielen. Anfangs nur deshalb auffällig, weil man zumindest etwas halbwegs Wunderbares auf dem Platz von ihm erwartet hat. Später hat man ihn selbst damit nicht mehr gemessen.

Es hat sich nie eine sportliche Liebesgeschichte zwischen dem Edeltechniker Mario Götze und dem in Edeltechniker verliebten Trainer Pep Guardiola entwickelte. Damit war die Geschichte komplett. Die einfache Erklärung: „Pep" steht nicht auf Götze. Erklärungen für das „Warum" gab es keine. Götze hat sich nie geäußert. Guardiola schon gar nicht. So merkwürdig es auch klingt: Die Erlösung war die Verletzung des Nationalspielers im Oktober 2015. Raus aus dem Bayern-Betrieb, aber auch raus aus den nervigen Schlagzeilen. Nur, wer wie ich gedacht hat, beide Seiten - Götze und der FC Bayern - würden die Rückkehr für einen (Neu-) Anfang nutzen, sieht sich getäuscht. Alles ist noch viel schlimmer geworden. Götze nimmt unter den Feldspielern den vorletzten Platz im Kader ein. Hinter ihm nur der aufgrund der Abwehrnot in der Winterpause verpflichtete Innenverteidiger Serdar Tasci. Dessen Bedeutungsfaktor liegt, wohlwollend geschätzt, bei Null Prozent.

Wo liegt das Problem? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Guardiola gegen seine eigene Philosophie einen Fußballer wie Mario Götze einfach so draußen lässt. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass Götze nicht bereit oder in der Lage ist, die Anforderungen im Bayern-Mittelfeld zu erfüllen. Es kann sein, dass er seinem Trainer zu wenige Argumente für Einsätze in den wichtigen Spielen geliefert hat. Denkbar auch, dass die glamouröse und öffentliche Welt beim FC Bayern nicht die richtige Umgebung für ihn ist.

Joachim Löw hält Mario Götze in der Nationalmannschaft die Treue für die kommenden Länderspiele und wohl auch für die EM-Endrunde in Frankreich - selbst ohne Tauglichkeitsnachweis im Verein. Bei den Bayern kann Götze keine publikumswirksame Hilfe erwarten. Die Münchner haben sich zu 100 % dem Kurs von Pep Guardiola verschrieben. Auch wenn sich der Trainer ganz ungeniert bereits intensiv und wahrnehmbar um die Zukunft seines künftigen Klubs kümmert. Es werden keine Zweifel am Tun und an den Entscheidungen des Spaniers zugelassen. Nichts, was das große Ziel, den Gewinn der Champions League gefährden könnte.

So wird Guardiola das „Geheimnis um Götze" mit nach Manchester nehmen und wohl auch dort bestens hüten. Von Mario Götze ist ohnehin zu diesem Thema keine Aussage mit Inhalt zu erwarten. Vielleicht lüften die Bayern-Bosse irgendwann den Vorhang über eines der unerklärlichsten Missverständnisse der Fußball Bundesliga: warum einer der aktuell besten Fußballer und einer der aktuell besten Vereine nie zueinander gefunden haben. Ich habe es nicht eilig. Aber verstehen würde ich es schon gerne.

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