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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Rehhagels Enkel

15/02/2016 11:31 CET | Aktualisiert 15/02/2017 11:12 CET
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Warum der sehr junge Julian Nagelsmann die richtige Lösung für Hoffenheim sein kann.

Seit dem vergangenen Wochenende ist Julian Nagelsmann der jüngste Cheftrainer der bisherigen Geschichte der Fußball Bundesliga. Nagelsmann ist 28 Jahre alt. Otto Rehhagel, einer seiner berühmten Vorgänger, war schätzungsweise schon so lange im Amt, als er die legendäre Erkenntnis wieder aufleben ließ: „Es gibt keine jungen und alten Spieler. Es gibt nur gute und schlechte!" Das gilt übrigens auch für Trainer. Willkommen im Big Business, Julian Nagelsmann.

Es war natürlich Zufall, dass Julian Nagelsmann im Weserstadion sein Debüt als Bundesliga-Trainer gegeben hat. Ausgerechnet dort, wo der große Otto Rehhagel mit diversen Titeln zu „König Otto" wurde. Ausgerechnet in Bremen, von wo aus Otto Rehhagel die deutsche Fußball-Landschaft 14 Jahre lang mit seinen teils brachialen Weisheiten versorgt hat. In der Qualität von: „So lange nichts entschieden ist, hat man immer eine Möglichkeit."

Julian Nagelsmann wird das genauso sehen, aber natürlich nie im Leben so formulieren. Überhaupt ist er ja nur bereits jetzt Cheftrainer, und nicht wie ursprünglich geplant zur neuen Saison, weil Huub Stevens aus gesundheitlichen Gründen in Hoffenheim aufgehört hat. Und weil der Niederländer dies in der vergangenen Woche bekannt gab und Hoffenheim keine Übergangslösung mehr wollte, hat Nagelsmann eben „bei" Otto Rehhagel begonnen.

Für Nostalgie war natürlich keine Zeit am Samstag. Otto Rehhagel ist dort schon lange kein Trainer mehr. Julian Nagelsmann selbst hatte gerade zwei Tage Zeit, seine Mannschaft auf das Spiel vorzubereiten. Auf das Duell Drittletzter gegen Vorletzter. Und dann musste er sich auch noch immer wieder selbst erklären. In Hoffenheim soll ein 28 Jahre alter „Nobody" den Abstieg verhindern.

Das klingt für mich erstmal nach purer Verzweiflung. Irgendetwas „Besonderes" mussten die im Kraichgau bringen. Der dramatische Verfall war in den letzten Jahren nicht zu übersehen. Der Verein will schließlich alles andere sein, als ein mit Hopp-Millionen finanzierter Provinz-Klub. Zu Beginn des Aufstiegs, Otto Rehhagel war damals Trainer in Griechenland, hatte Hoffenheim Kohle, Können und ein Konzept zu bieten. Aufgrund des „Geschäftsmodells" konnte man sie schwerlich lieben. Für die Art, Fußball zu spielen sehr wohl.

Spätestens seit dem Abgang von Ralf Rangnick im Januar 2011 kämpft Hoffenheim mehr denn je um Anerkennung. In der jüngeren Vergangenheit auch öfter um den Klassenerhalt. Mit der deutlichen Reduzierung der Unterstützung von Mäzen Dietmar Hopp steigt gleichzeitig der Wahrheitsgehalt eines Rehhagel-Zitats: „Der beste Fußball wird dort gespielt, wo es das meiste Geld gibt." Auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hält, in Hoffenheim werde nach wie vor überdurchschnittlich bezahlt. Das mit dem guten Fußball ist vorbei.

Keiner der sieben (!!!) Trainer nach Rangnick konnte daran etwas ändern. Also blieben der TSG wohl nur die beiden Extreme: Otto Rehhagel, oder Julian Nagelsmann. Keine Ahnung, warum sie sich nicht für den Altmeister entschieden haben („Ich biete mich nirgendwo an - außer bei meiner Frau."). Aber so langsam glaube ich zu verstehen, warum es Julian Nagelsmann geworden ist.

Der ist doch nicht 28, oder? Er sieht eher aus wie 18, macht aber alles wie mit 38. Selbst nie Profi, nie Profitrainer und so gut wie nie vor der Kamera. In einer Sprache, die keinem Alter zuzuordnen ist. Das war schon, pardon, saucool, wie er die Interviews bestanden hat. Auch wenn ICH mir damit ein Rehhagel-Zitat einfange: „Warum soll Respekt ein alter Wert sein? Natürlich habe ich mit der modernen Sprache Schwierigkeiten. Wenn einer behauptet, das war ein geiles Tor, antworte ich: Junger Mann, geil hat für mich eine andere Bedeutung."

Julian Nagelsmann hat sich viel vorgenommen. Jeder Feldspieler soll sich auf unterschiedlichen Positionen in wechselnden Systemen auskennen. Er sagt das so nebenbei, ohne den Oberlehrer zu geben. Aber man ahnt, in welche Richtung es mit ihm gehen wird. Dahin, was heute gerne als „modern" bezeichnet wird. Allerdings grüßt auch hier König Otto: „Modern spielt, wer gewinnt." Das hat er festgestellt, als Julian Nagelsmann noch nicht mal geboren war.

Es wird sich zeigen, wie ein 28 Jahre alter Cheftrainer mit seiner Rolle in der Bundesliga umgeht, die fast doppelt so alt ist wie er. Wie er mit Erfolgen und Misserfolgen umgeht und mit der Mannschaft - und die Mannschaft mit ihm! Christian Streich ist ein ganz anderer Typ, aber seine Herangehensweise zu Beginn in Freiburg war ähnlich: Flexibilität bei den Spielern. Unbeirrbarkeit beim Trainer. Streich hat damals am Ende die Klasse gehalten.

Wenn das Modell „Nagelsmann" Schule macht, wäre es ein radikaler Einschnitt. Die zurzeit arbeitslosen, arrivierten Trainer der Branche, die jüngst immer häufiger gegen vereinsinterne Lösungen aus den zweiten Mannschaften verloren haben, bekommen dann noch mehr Konkurrenz. Von der ganz jungen, ganz neuen Generation Trainer.

Der Pionier dabei ist Julian Nagelsmann mit seinen 28 Jahren. Vielleicht schafft er den Klassenerhalt. Vielleicht, sorry Herr Rehhagel, soll er sich aber auch nur schon mal „eingrooven" in den Job, um nach dem Abstieg das Projekt Hoffenheim neu zu beleben. Er wird so oder so nicht um eine Erkenntnis seines berühmten Vorgängers herumkommen: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz."

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