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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Ab durch die Mitte

02/02/2016 09:11 CET | Aktualisiert 02/02/2017 11:12 CET
Simon Hofmann via Getty Images

Der VfB Stuttgart hat seine Balance gefunden. Nicht nur auf dem Spielfeld.

Der VfB Stuttgart hat nach dem 3:2 gegen den Hamburger SV die letzten drei Spiele in der Bundesliga gewonnen. Verdient sogar. Trotzdem stecken die Schwaben weiterhin im Kampf gegen den Abstieg. Eine Situation, der sie sich mit einer bemerkenswerten Herangehensweise stellen - auf dem Mittelweg.

Das eine Extrem haben die Stuttgarter hinter sich gelassen. Eine derart offensive, attraktive, aber eben auch viel zu riskante Spielweise durfte es unter dem neuen Trainer nicht mehr geben. Allerdings hat Jürgen Kramy auch auf das andere Extrem verzichtet. Eine komplett defensive, fast destruktive Spielweise war nie sein Plan.

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Balance zwischen offensiver und defensiver Ausrichtung

Also hat der Nachfolger des forschen Alexander Zorniger nur entscheiden müssen, wie er in Stuttgart die richtige Balance zwischen offensiver und defensiver Ausrichtung beim VfB findet. Ich behaupte, er hat 40 Prozent von vorne - vom extrem frühen Anlaufen und Pressen des Gegners - nach hinten verlagert. Die Schwaben warten kompakt in der eigenen Hälfte und haben trotzdem noch die Geschwindigkeit und die Klasse, ihre hochveranlagte Offensive einzusetzen.

Klingt ganz einfach - ist es aber nicht. Jürgen Kramny hat da eine gute Arbeit geleistet. Immerhin ist seinen Spielern ein halbes Jahr lang eine ganz andere Ausrichtung eingetrichtert worden. Immer in Extremen. Kramny ist bisher ein Mann der ausgewogenen Balance. So sieht das Spiel aus und so wirkt auch er selbst.

Natürlich ist Jürgen Kramny auf den ersten Blick keiner, den sich das aus der Tradition heraus stolze Umfeld in Stuttgart so unbedingt vorstellt. Und schon gar nicht die Chefs vom Hauptsponsor. In unmittelbarer Nähe des Stadions qualmen die Schornsteine des weltweit operierenden Automobilkonzerns - da darf es schon deutlich mehr Glanz sein auf der Bank des VfB.

Aber immerhin haben alle begriffen, dass die Champions League gerade so weit weg ist wie ein Auto komplett ohne Ausstoß von Schadstoffen. Also ist grundsätzlich jeder willkommen, der wenigstens ein bisschen Erfolg bringt. Eine Saison ohne Abstiegsangst bis zum letzten Spieltag, das hätte was.

Keiner, der großartige Ecken und Kanten oder gar markige Sprüche zu bieten hatte

Jürgen Kramny ist Mitte 40, war mal Bundesliga-Profi in Mainz, lange Jahre Assistent und U23-Trainer in Stuttgart, einer aus der zweiten Reihe eben. Keiner, der großartige Ecken und Kanten oder gar markige Sprüche zu bieten hatte. Vielleicht sogar aus Überzeugung. In seiner ersten Station als Cheftrainer in der Bundesliga bleibt er sich bisher treu.

Manchmal ist es offensichtlich genau richtig, nicht wie üblich in Extreme zu verfallen, sondern das graue Mittelmaß zu akzeptieren und darin zu arbeiten. Jürgen Kramny macht das so. Er weiß um den sehnlichen Wunsch, wieder in der Königsklasse zu spielen - den hat er wahrscheinlich auch. Er kennt die Sorgen vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit. Und er weiß, dass Stuttgart da mittendrin steckt, Tendenz deutlich eher nach unten.

Allzu oft wird dann in so einer Situation entweder die Angst vor dem Abstieg als vermeintliche Motivationshilfe bemüht, um die Sinne zu schärfen. Oder eben das Gegenteil: Der Versuch, die so genannte Euphoriewelle weiter zu reiten. Nicht so in Stuttgart. Dabei könnten sie sich eigentlich in den Armen liegen nach den jüngsten Erfolgen im Pokal und in der Liga. Sie könnten aus derselben Überzeugung aber auch die nervenaufreibenden vergangenen Spielzeiten anführen. Aktuell liegt der VfB mickrige zwei Zähler vor dem Relegationsplatz.

Der pfeilschnelle Stürmer

Was hilft ist, dass der Fußball in Stuttgart aktuell so schwer zu greifen ist. Inklusive seiner handelnden Personen. Der pfeilschnelle Stürmer Timo Werner ringt mit seinen 19 Jahren um Konstanz. Der herausragende Mittelfeldspieler Daniel Didavi muss beweisen, dass seine Kniebeschwerden der Vergangenheit angehören. Die für heutige Verhältnisse technisch limitierten Innenverteidiger kämpfen um Anerkennung und der zu Saisonbeginn wackelige Torwart Przemyslaw Tyton um Vertrauen.

Spitznamen oder Attribute sind heute schnell gefunden. Nicht so in Stuttgart. Zu wenig für die „jungen Wilden", wie der VfB in der Meistersaison 2007 genannt wurde. Viel zu viel für „Chaos" oder „graue Maus"-Vergleiche. Und mittendrin Jürgen Kramny, der außer einem spektakulären Sturz beim Torjubel noch nicht weiter aufgefallen ist und damit wartet, sich für einen „Titel" zu positionieren.

Bisher fährt der Stuttgarter Trainer richtig mit seinem emotional realistischen Auftreten. Die vorentscheidenden Wochen kommen jetzt. Ein paar sehr wichtige Personalfragen stehen vor der Beantwortung. Die Verträge etwa von Daniel Didavi und Martin Harnik laufen aus. Filip Kostic ist, trotz gültigen Vertrages, andernorts ein Objekt der Begierde. Diese Situation ist für alle Beteiligten eine Herausforderung.

Obendrein wird der VfB aufgrund der zuletzt drei gewonnen Bundesligaspiele in den folgenden Duellen mit den Tabellennachbarn als Favorit wahrgenommen werden. Per se nichts Schlimmes, es ändert allerdings die Herangehensweise des Gegners. So einfach wie der HSV zuletzt wird sich wohl kein Kontrahent mehr auskontern lassen vom VfB.

Bleibt zum Schluss noch der Umgang mit drohenden Misserfolgserlebnissen. Bisher hat Jürgen Kramny nur in Dortmund verloren. Zu Beginn seiner Tätigkeit, vor über zwei Monaten. Wie gut der eingeschlagenen „Mittelweg" funktioniert, zeigt sich immer erst dann, wenn es mal nicht so gut läuft.

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