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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Als die Bayern 5:1 gegen Dortmund gewonnen haben

05/10/2015 13:11 CEST | Aktualisiert 05/10/2016 11:12 CEST
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Das ist doch richtig gut gelaufen für den FC Ingolstadt. Der FC Bayern hat den vermeintlich einzigen echten Kontrahenten in der Meisterschaft deklassiert, die eigene Machtposition eindrucksvoll untermauert und zumindest die Herbstmeisterschaft bereits Anfang Oktober vorentschieden. Sehr zur Freude der Ingolstädter. Der Aufsteiger steht nach dem ersten Heimsieg mit 14 Punkten glänzend da, möchte aber auf keinen Fall zur sehr in den Mittelpunkt geraten.

Eigentlich ist es eine tolle Geschichte. Ingolstadt hat die ersten drei Auswärtsspiele gewonnen. Das ist in der Bundesliga-Historie noch keinem Aufsteiger gelungen. Gegen Frankfurt jetzt der erste Sieg vor eigenem Publikum, macht mit zwei Unentschieden in der Bilanz 14 Punkte und Platz sechs - vor den Champions-League-Teilnehmern Leverkusen, Wolfsburg und Mönchengladbach.

Lokale Prominenz

Das Prädikat „Überraschung" überlassen die Neuen aber gerne anderen, Berlin und Köln etwa. Ingolstadt selbst scheut die große Bühne. Der erste Heimsieg wird lokal gefeiert und wenn man fragt, wann der denn war, werden sie wahrscheinlich sagen: An dem Spieltag, als die Bayern Dortmund geschlagen haben.

Die anderen sollen sich gefälligst Mühe geben, den FCI zu entschlüsseln. Vor allem aber will Ingolstadt heimlich, aber mit aller Macht aus der Schublade raus, in der man zwangsläufig steckt, wenn man untrennbar mit einem Großkonzern verbunden ist.

Ich gehöre nicht zu der Gruppe derer, die gestöhnt haben, als da schon wieder so ein kleiner, bisher unbedeutender Verein in die Bundesliga aufgestiegen ist. Ich hatte einfach erstmal Respekt und Anerkennung übrig, weil ich glaube, dass alle Aufsteiger irgendetwas besser machen als die großen Namen, die am Ende zweitklassig bleiben.

Schon wieder so ein Kleiner

Aber klar, Begeisterung und Vorfreude halten sich in Grenzen, wenn ein Verein ins Hochglanz-Produkt Bundesliga kommt, dessen Stadion mit einer Kapazität von 15.000 Plätzen gehobenes Drittliga Niveau erfüllt. Trotzdem, eine Chance bekommen natürlich alle.

Ganz so einfach ist das aber nicht. Ich weiß immer noch nicht, wohin mit dem Neuen. Der FCI bietet keine Extreme. Er ist keine Mannschaft vom Reißbrett, wie es Hoffenheim mal war und Leipzig mal werden soll. Aber Desperados sind sie auch nicht, so wie Darmstadt, Paderborn oder Greuther Fürth, die über Euphorie und Koketterie mit ihrer Chancenlosigkeit ihre Rolle gefunden haben.

Ingolstadt ist Ingolstadt. Der Kader ist fast identisch mit dem aus der zweiten Liga. Der am ehesten bekannte Spieler ist eigentlich ein Schalker. Wahrscheinlich lande ich bei meiner Premierenübertragung des Aufsteigers auch bei der Formulierung: „Das ist Marvin Matip, der Bruder des Schalkers Joel Matip."

Und dann noch der Trainer

Abgerundet wird das Gesamtbild durch Trainer Ralph Hasenhüttl. Der Österreicher stellt sich nicht freiwillig hinten an, erklärt der Welt aber auch nicht den Fußball. Dabei lehrt er dem FCI das, was anderenorts als Revolution gefeiert wird: laufintensives Pressing und kompaktes Verteidigen. Als „eklig" bezeichnet Hasenhüttl selbst diesen Stil. Meint „eklig" für den Gegner und schaffte es mit diesem Wort einmalig unter die Top 20 der Spieltagszitate.

Der FCI hat nicht nur das Problem, bisher im großen Fußball keine Rolle gespielt zu haben, sondern trägt auch noch das Etikett „Werksklub" um den Hals. Das war früher schon keine Auszeichnung. Heute ist es das schon gar nicht, in Zeiten, in denen Scheichs und Oligarchen und Konzerne die Fußballidylle scheinbar - sagen wir es knüppelhart - zerstören.

Das Image steht

Ingolstadt ist Hauptsitz von Audi und Audi Hauptsponsor von Ingolstadt. Der Autobauer ist bekanntlich ein wesentlicher Faktor der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des FC Bayern. Die Konzernmutter VW hat praktisch die Bundesligamannschaft des VfL Wolfsburg erfunden und versucht seitdem mit viel Hingabe, Geld und Gefühl gemeinsam in ein Stadion zu bringen.

Von diesen Dimensionen ist der FCI meilenweit entfernt. Aber natürlich bleibt der Vorwurf der Fußball-Romantiker: Wenn Ingolstadt Geld braucht, dann kriegen sie es auch. Die Verantwortlichen treten gegen diesen Verdacht gar nicht erst an. Sie reden sich weder arm noch reich. So haben sie es auch schon gemacht, bevor die Autoindustrie durch den Abgasskandal in die Schlagzeilen geraten ist.

Ob das alles reicht, um sie am Ende zu lieben, kann ich immer noch nicht beurteilen. Meine Liebe wird Ingolstadt auch - zurecht - egal sein. Vielleicht sogar meine Anerkennung. Die kriegen sie aber trotzdem. Ein Verein, der fleißig und kreativ seine Nebenrolle im Stillen auslebt verdient uneingeschränkten Respekt. Unabhängig vom Erfolg.

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