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Kai Noon - Die Bundesliga-Kolumne: Bloß nicht Europa League

09/11/2015 15:42 CET | Aktualisiert 09/11/2016 11:12 CET
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Warum die Spiele auf internationalem Niveau für Neulinge so gefährlich sind

Den Traum oder das Ziel haben alle: Die Qualifikation für die Europa League. Oder gar für die Champions League. Dann ist man wieder wer. In der Bundesliga und auf der internationalen Bühne. Der Erfolg hat seinen Preis. Die Augsburger sind nicht die ersten, die zu dieser Erkenntnis kommen. Wahrscheinlich sind sie nicht mal eine Warnung für die nächsten.

Als „Cup der Verlierer" hat Franz Beckenbauer einmal den Wettbewerb unterhalb der Champions League genannt. Aus Sicht „seines" erfolgsverwöhnten FC Bayern absolut verständlich. Ich hoffe, so hat er es auch gemeint. Alles andere wäre einfach zu despektierlich.

„International" ist eine Auszeichnung

Denn, um sich für den „Cup der Verlierer" zu qualifizieren, muss man vorher eine Menge gewonnen haben und ist de facto besser als der große Rest der Liga. Dennoch: keine Beckenbauer Weisheit ohne zumindest ein Körnchen Wahrheit. Die Neulinge auf europäischem Parkett bekommen oft Probleme - vor allem in der heimischen Liga.

Frankfurt und Freiburg haben diese Erfahrungen gemacht. Aktuell übernimmt der FC Augsburg die Beweisführung. Top in der Europa League, Letzter in der Bundesliga. „Schuld" ist vielleicht zu drastisch ausgedrückt, aber den Grund für dieses Missverhältnis muss niemand bei der UEFA suchen. Die Ursachen finden sich ganz leicht in Augsburg selbst.

Die Belastung ist viel höher durch die permanenten „englischen Wochen". Spieltag ist am Donnerstag und das ist selbst bei Heimspielen ohne Rückreise schon verdammt nah am Wochenende mit der Bundesliga. Erholung, Aufarbeitung, Pausen - schwierig bis unmöglich. Erstrecht wenn man, wie der FCA, keinen üppig hochwertigen Kader besitzt.

Alles Kopfsache

Die eigentlichen Probleme liegen aber wohl in den Köpfen. In denen der Augsburger UND in denen der Gegner. Bisher ist es dem Team von Trainer Markus Weinzierl nicht gelungen, die mindestens guten Auftritte in der Europa League im Alltag Bundesliga zu bestätigen. Irgendetwas fehlt immer. Entweder die Torgefahr, ein anderes Mal der saubere Fußball im Mittelfeld, oder eine konzentrierte Abwehrarbeit. Hier und da sogar alles gleichzeitig.

Da kann ein Trainer reden und warnen, wie er will. Es passiert einfach. Das hat mit Arroganz nichts zu tun. Das Umdenken im Kopf von einem Highlight in der Woche (Bundesliga) zu zwei Höhepunkten (Bundesliga und Europa League) ist ein Entwicklungsschritt. Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass natürlich auch die Ansprüche an sich selbst größer werden.

Punktesammeln gegen den Abstieg war einmal

Die Konkurrenz ist hellwach. Das einstige Familienunternehmen aus dem bayerischen Schwaben ist zum ernsthaften Gegner geworden. Stärken und Schwächen sind mittlerweile bekannt. Der Schritt aus der sportlichen Anonymität bedeutet eben auch, dass Augsburg nicht mehr darauf setzen kann, irgendwo unterschätzt zu werden.

Trainer Markus Weinzierl steckt gleich doppelt in diesem Dilemma. Als sportlich Verantwortlicher und als Mensch. Auch Weinzierl muss den nächsten Schritt machen. Er erweckt nicht den Eindruck, als würde ihn die Situation mehr als nötig frustrieren. Dabei wäre es ja nur verständlich, wenn er öfter nachts schweißgebadet aufwacht, gequält von der Frage: „Hätte ich nicht doch eines der vielen lukrativen Angebote annehmen sollen?"

Augsburg taugt nicht als mahnendes Beispiel für Nachahmer. Dazu ist es im Verein und im Umfeld zu ruhig. Augsburgs „Erben" kann man aber nur raten, trotzdem genau hinzuschauen. Hertha oder Köln, die sich anschicken, einen ähnlichen (Erfolgs-) Weg zu gehen, können haargenau in dieselbe Situation geraten. Das Erreichen der Europa League ist schön. Schön gefährlich.

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