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"Verfall und Unsicherheit" - Das läuft in unseren Städten verkehrt

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GERMANY CITY
Siegfried Layda via Getty Images
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Unsere Städte sind alt geworden. Sie zeigen die Hoffnungen, die Träume, den Glanz, aber auch die Vermessenheiten vergangener Zeiten.

Noch immer findet man die Wohnungen, die - in den 50er, 60er und 70er Jahren schnell gebaut - möglichst rasch Unterkunft für die vielen zu schaffen, die gerufen wurden und gekommen sind, um Teil des Wirtschaftswunders zu werden. Sie sollten so lange halten, bis die Menschen sich etwas Besseres leisten konnten.

Der zerplatze Traum von dauerhaft wohlhabenden Städten

An Nachhaltigkeit oder gar energetische Sanierung dachte damals keiner. Und auch nicht daran, dass es nicht immer so weitergehen würde. Aber der Strukturwandel setzte ein und mit ihm zerplatzte der Traum (oder das Versprechen) von dauerhaft wohlhabenden Städten, die ihren Bewohner*innen Arbeit, Bildung und Wohlstand gewährleisten können.

Viele Städte verarmten, bei der Infrastruktur wurde nur noch das nötigste gemacht. Und so entsteht mancherorts ein Eindruck des Verfalls, der das Gefühl von Unsicherheit und mangelnder Teilhabe verstärken mag.

In unseren Städten spiegelt sich die Gesellschaft. Sie sind bunt, sie sind vielfältig in jeglicher Hinsicht. Soziale Ungleichheit, die Spaltung in arm und wohlhabend, die tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt, die demographische Entwicklung - all diese Entwicklungen finden sich in den Stadtvierteln wieder.

Hochglanzfassaden ebenso wie Schrottimmobilien, Wohnungsnot und Wohnungselend. Und dennoch ist es in erster Linie die Gemeinschaft der Menschen, die eine Stadt ausmachen.

Mehr zum Thema: Deutschland braucht Integration nach amerikanischem Vorbild

Die Einwanderungsgesellschaft findet ihren Ausdruck in unseren Städten. Hier gilt es, denen Respekt zu zollen, die vor 30, 40 oder gar 50 Jahren in unsere Städte zogen und ihren Beitrag zum Wohlstand der Gesellschaft leisteten und leisten.

Sie und ihre Nachfahren wurden Teil unserer Städte und sind es bis heute. In allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Was wären unsere Städte ohne den Unternehmergeist der ehemaligen Migrant*innen. Sie sind Teil, sie sind Akteure - es hat nur unglaublich lange gedauert bis das von Gesellschaft und Politik verstanden wurde.

Nicht die Integration ist misslungen, sondern das Verständnis von einem gedeihlichen Zusammenleben in einer Stadt in einem Viertel hinkt den Entwicklungen hinter her.

In unseren Städten zeigt sich aber auch die soziale Spaltung der Gesellschaft. Auf der einen Seite die, die es geschafft haben, auf der anderen Seite - Armut. Hohe Arbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit der Bewohner*innen prägen die Struktur mancher Stadtteile. Darunter sind auch, aber nicht nur, Migrant*innen, die viel gearbeitet haben, deren Qualifikationen in der modernen Arbeitswelt aber nicht mehr benötigt werden.

Armut macht unsicher, Armut verhindert Teilhabe am kulturellen Erleben einer Stadtgesellschaft. Und Armut verunsichert auch die anderen, die die Arbeit haben, die teilhaben können. Und Armut zeigt sich in der Infrastruktur der entsprechenden Viertel. Sie sind nicht immer schön, aber sie sind Heimat für viele ihrer Bewohner*innen.

Man mag den Zustand mancher Viertel beklagen, man kann unzufrieden sein mit der sozialen Spaltung, man kann sich mancherorts unsicher fühlen, das darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass alles Klagen nichts nützt.

Es gilt, sich den Problemen zu stellen und daran zu arbeiten, auch Menschen jenseits der Sonnenseiten gesellschaftliche, politische und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Ein Baustein ist die Städtebauförderung.

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Wir haben in einigen Städten besondere soziale und städtebauliche Herausforderungen - nutzen wir die Chancen!

Wenn man auf die über 40jährige Geschichte der Städtebauförderung schaut, kann man eine Erfolgsgeschichte nachvollziehen, die sich in diesem Jahr mit 213 geförderten Maßnahmen und einem Fördervolumen von rund 260 Millionen Euro in NRW in verschiedene Maßnahmenprogramme unterteilt.

Die Probleme vor Ort sind vielschichtig

Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf das Programm "Soziale Stadt" zu legen, das den Anspruch hat, fachübergreifend zu wirken und alle Akteure vor Ort im Quartier aktiv zu beteiligen.

Der Ansatz mittels eines integrierten Konzeptes zu arbeiten, hat sich bewährt und in vielen Städten einen (weiteren) Abwärtstrend verhindert und zu einer deutlichen Aufwertung und Stabilisierung von Stadtteilen und Quartieren beigetragen.

Die Probleme vor Ort sind immer vielschichtig und oftmals nicht eins zu eins übertragbar aus anderen Städten. Daher bedarf es immer einer Betrachtung des Einzelfalls und einer genauen sozialräumlichen Analyse.

Ein solch integriertes Entwicklungskonzept ist dabei nicht nur Voraussetzung für die Förderung, sondern auch der rote Faden für die Entwicklung eines Quartiers, es bezieht neben den Menschen im Quartier auch die Akteure (Unternehmen, Vereine, öffentliche Einrichtungen, Verbände, Stiftungen, etc.) von Anfang an in den Prozess mit ein.

Dieser Prozess ist über die ganze Zeit nicht statisch und schafft eine hohe Identifikationskraft mit dem Quartier oder Stadtteil.

Mehr Grünflächen für mehr Lebensqualität

Auch wenn es sich profan anhört, aber gerade Frei- und Grünflächen erhöhen die Lebens- und Wohnqualität enorm: Da gerade in sozial benachteiligten Quartieren gesundheitliche Einflüsse von (Straßen)verkehr u.a. oftmals eine überdurchschnittliche Bedeutung haben, trägt eine Frei- und Grünraumgestaltung erheblich zur Aufwertung bei.

So können neue Treff- und Kommunikationspunkte entstehen, die neuen Austausch schaffen, die Identifikation mit dem Quartier und damit auch den sozialen Zusammenhalt stärken. Integration war und ist immer ein wichtiger Bestandteil in der Städtebauförderung.

Vor den aktuellen Herausforderungen wird diese noch einmal größer werden. Das Land NRW hat mit einem Sonderprogramm in der Städtebauförderung mit genau diesem Augenmerk reagiert. Die soziale Infrastruktur, um Teilhabe zu ermöglichen und Integration zu fördern, steht dabei im Focus. Ob Quartierstreffpunkt, Sportplatz oder Jugendzentrum.

Oftmals behindern auch „Schrottimmobilien" die Entwicklungen in Quartieren und haben einen negativen Einfluss auf einen ganzen Straßenzug. Hier sind die Städte gehalten möglichst konsequent gegen die Eigentümerinnen und Eigentümer ordnungsrechtlich vorzugehen, bei bewohnten Gebäuden bietet das Wohnungsaufsichtsgesetz Handhaben.

Aber auch hier ist klar, dass die Wege oftmals mühsam sind und nur die Symptome bekämpfen. Daher muss auch hier - stärker als bisher- die Thematik der Beseitigung von Schrottimmobilien ein Teil der Städtebauförderung sein. Es gilt die verschiedenen Förderansätze noch besser zu verknüpfen und verständlicher zu machen.

Wenn Städte es schaffen, einen Prozess anzustoßen und letztendlich zu gestalten, in dem auch private Eigentümerinnen und Eigentümer mitwirken und die Beteiligungskultur authentisch zu leben, ist ein Grundstein für die Stabilisierung von schwierigen Quartieren gelegt.

Die Städtebauförderung ist kein Allheilmittel, aber gerade in problematischen Quartieren ein Ansatz, der dort langfristig und ganzheitlich stabilisierend und aufwertend wirkt.

Ein Beitrag von Jutta Velte, Arndt Klocke und Christian Gaumitz.

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