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Hört auf, Islamgelehrten zu folgen, die lügen, verurteilen und missbrauchen

28/11/2017 13:43 CET | Aktualisiert 28/11/2017 13:43 CET
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Die Botschaft des Koran ist Frieden, nicht Versklavung. Sie verurteilt diejenigen, die nicht hören, sehen oder ihre Stimme erheben wollen.

Muslimische Gelehrte bezichtigten den aus Deutschland stammenden prominenten Iman Nouman Ali Khan der sexuellen Belästigung von Gläubigerinnen in den USA.

Khan leugnete es und seine zahlreichen Anhänger schienen ihn dabei zu unterstützen.

Der Imam Omar Suleiman ist sich sicher, dass solche Fälle moralischer Korruption immer häufiger auftreten. Er betont die Verantwortung eines "Schäfers, seine Herde zu beschützen" und zeigt sich besorgt über die spirituelle Krise, die derartige Vorfällen provozieren.

Über diese Vorfälle wird zu oft geschwiegen

Viele Muslime fürchten, islamophobe Menschen könnten solche Nachrichten für ihre Zwecke ausnutzen. Sind der Meinung, dass nicht die gesamte Religion verurteilt werden sollte wegen eines einzelnen Vorfalls - daher wird darüber geschwiegen.

Doch Vorfälle dieser Art sollten uns nicht überraschen.

Schon unsere Großmütter warnten uns vor dem Fehlverhalten solcher Mawlawi (Gelehrten). Viele Mütter beobachten den Koran-Unterricht ihrer Kinder mit größter Sorgfalt. Frühe muslimische Gelehrter wie Ibn Kathir haben schon angemerkt, wie einige Huffaz (Gelehrte, die den Koran auswendig kennen) und Mitglieder des Klerus minderjährige Jungen sexuell missbrauchten.

Mehr zum Thema: Sexuelle Übergriffe durch Imame: Warum wir als Muslime und als Gesellschaft nicht länger schweigen können

Eine einfache Google-Suche zeigt, wie viele Fälle physischer und sexueller Gewalt von Gelehrten in muslimischen Gemeinden auf der ganzen Welt verübt worden sind. Dem afrikanisch-muslimischen Autor Nakia Jackson zufolge "stellen sogenannte Imame und Gelehrte jungen, weiblichen Konvertiten schon seit Jahrzehnten nach."

Solche Fälle werden aufgrund des Satr (Verstecken, im Verborgenen halten) zugunsten der misshandelnden und "frommen" Lehrer oft geheimgehalten.

In einer Kultur, in der das Opfer schuldig gesprochen wird, braucht es besonders viel Mut, über sexuelle Misshandlung zu sprechen. Das ist einer der Gründe, warum die zum Beispiel die Regierung von Alberta mit ihrer Kampagne "I believe you" Opfern sexueller Gewalt hilft, indem sie gezielt nur den Dialog mit den Opfern führt. Die Täter werden ignoriert, um ihre Macht zu untergraben.

Die genannten Vorfälle betonen die männliche Vormachtstellung - denn nur, wenn andere männliche Wortführer Ihresgleichen anklagen, gewinnt ein Vorfall an Wichtigkeit.

Bei ähnlichen Vorfällen, in denen angesehene Islam-Gelehrte zum Beispiel Vergewaltigungswitze machten, wurden die Täter oft in Schutz genommen. Die protestierenden Frauen wurden dabei einfach als wildgewordene "Feministinnen" abgestempelt, die die Religion Allahs um jeden Preis verändern wollen.

Es sollten nicht nur männliche, heterosexuelle, Cisgender-Muslime über den Einfluss solcher muslimischer Gelehrter entscheiden dürfen.

Wir brauchen einen institutionellen Wandel

Es geht nicht darum, einen einzelnen Menschen zum schwarzen Schaf zu erklären. Wir brauchen einen institutionellen Wandel, der sich gegen Mobbing und Belästigung richtet - vor allem, wenn Gelehrte muslimische Frauen und Mitglieder der LGBTQ-Community bedrohen.

Es ist ebenfalls wichtig, anzuerkennen, dass die Angst vor islamophoben Kommentaren die muslimische Community nicht lähmen und von einem längst überfälligen internen Wandel abhalten sollten.

islam

Das Problem ist genauso eine Veränderung des religiösen Diskurses, wie ein institutioneller Wandel. Man denke an die negativer Haltung einiger muslimischer Akademiker über die Vorstellung, dass Sex auf beiderseitigem Einverständnis beruhen sollte.

Für sie ist dieses Prinzip ein Konstrukt des Westens und das islamische Äquivalent dazu ein vereinfachtes paternalistisches "Du sollst deiner Ehefrau nicht schaden". Dieses typisch binäre Denken zeigt, wie sehr der Islam versucht, sich unter allen Umständen von westlichen Werten abzugrenzen.

Mehr zum Thema: Missbrauch muslimischer Kinder durch Imame: "Die Folgen sind verheerend"

Es ist Zeit für eine neue übergreifende Perspektive, die es jungen traditionstreuen Muslimen erlaubt, vom Gedanken einer religiösen Vormachtstellung des Islams abzuweichen. So könnten sie erkennen, wie vom Islam befürwortete Werte auch in anderen Kulturen unter anderem Namen existieren.

Denn ein islamischer Diskurs über Einverständnis ist möglich - das zeigt die harte Arbeit vieler muslimischer Akademikerinnen. Leider werden sie viel zu oft marginalisiert.

Die "Gefahren" des Feminismus und der Homosexulaität

Wenn muslimische Gelehrte wie Habib Ali Jifry sagen, dass Musliminnen Juristinnen werden sollten, um für ihre Rechte einstehen zu können, sollten sie auch ihre männlichen Kollegen dazu anhalten, weibliche Gelehrte des Islam zu respektieren.

Wenn pubertierende Jungen Akademikerinnen wie Dr. Amina Wadud, die vom Alter her unseren Müttern und Großmüttern entsprechen, respektlos behandeln, birgt das Gefahren für unsere Zukunft.

Täter neigen oft dazu, sich selbst als Opfer darzustellen. So geschieht es, wenn prominente Imame wegen ihrer Homophobie oder ihres Sexismus zur Rede gestellt werden.

Oft predigen diese Gelehrten über Probleme, mit denen sie selbst zu kämpfen haben.

Viel von dem, was bekannte islamische Imame von sich geben, handelt davon, innere Dämonen zu besiegen, anstatt sich mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft zu beschäftigen. Deswegen sprechen sie oft über die "Gefahren" des Feminismus oder Muslimen der LGBTQ-Community.

In ihrem Umfeld werden Menschen als Schafe betrachtet, die gehütet werden müssen. Aber die Botschaft des Koran ist nicht für Schafe. Sie ist eine Botschaft des Friedens, nicht der Versklavung. Sie verurteilt diejenigen, die nicht hören, sehen oder ihre Stimme erheben wollen.

Es hängt nun von den jungen konservativen Muslimen ab: Wann werden sie sich von Gelehrten abwenden, die mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben? Wann werden sie für Gerechtigkeit eintreten, auch, wenn sie sich dafür gegen sich selbst wenden müssen?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost US und wurde aus dem Englischen übersetzt und zum besseren Verständnis angepasst.

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