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5 islamische Gelehrte erklären, wann eine Frau sich verhüllen sollte

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MUSLIM WOMEN
Muslim Girl via Getty Images
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Das Kopftuch, das viele muslimische Frauen tragen, ist oft Thema zahlreicher Diskussionen in den Medien. Es gibt viele Gründe, ein Kopftuch anzuziehen - manche sind persönlicher Natur, einige politischer. Vielen Frauen wird das Kopftuch aufgezwungen, andere tragen es freiwillig.

Ein Kleidungsstück, das idealerweise Ausdruck des freien Willens und der Kreativität sein sollte, wurde heftig politisiert.

Das führte zur Unterdrückung muslimischer Frauen selbst in Kanada. Das Kopftuch wurde zur religiösen Obligation, oft werden Frauen moralisch dazu genötigt, es zu tragen. Eine junge Muslima in Kanada wurde umgebracht, weil sie sich geweigert hat, es anzuziehen. Andererseits werden Frauen, die das Kopftuch aus freien Stücken tragen, Opfer körperlicher Angriffe.

Die Mehrheit aller Muslime glaubt daran, dass das Kopftuch obligatorisch ist. Wie stark das vom Aufstieg der populistischen islamischen Bewegungen seit den 70ern abhängt, erklärt Leila Ahmed in ihrem Buch "A Quiet Revolution".

Muslimische Feministinnen stellen ganz richtig fest, dass dieses Thema vor allem Frauen betrifft, die von männlichen Diktatoren regiert worden sind. Es stimmt, dass die Kopftuchpflicht meist von männlichen Gelehrten und Chauvinisten auferlegt wird, die alberne Vergleiche anführen wie, dass Frauen ohne Kopftuch ausgepackten Lollis gleichen.

Die selbsernannten Hüter islamischer Werte verdammen gegensätzliche Meinungen oft als sekulare oder feministische Positionen.

Gerade deswegen ist es wichtig, die männlichen muslimischen Gelehrten zu Wort kommen zu lassen, die es Frauen erlauben, auf Grundlage islamischer Hermeneutik kein Kopftuch zu tragen. Das beweist die Diversität des Islam und bietet eine Bandbreite von Optionen.

Hier sind die theologischen Argumente fünf hoch angesehener muslimischer Gelehrter.

1. Khaled Abou El-Fadl

El-Fadl findet es ironisch, dass das Kopftuch zum "Symbol islamischer Identität" geworden ist, weil es "nicht der Kern des islamischen Glaubens" sei. Er kritisiert die dominierende muslimische Position, die den khimar (Schleier) als Stück Stoff ansieht, das den Kopf und das Gesicht oder nur den Kopf bedecken soll.

Für El-Fadl gibt es keine Beweise dafür, dass prä-islamische Frauen in Mekka ihr Gesicht oder ihre Haare bedeckt hätten. Er nennt sogar eine wichtige Nachfolgerin des Propheten namens Fatima al-Kubra, die sich weigerte, ihre Haare zu bedecken, genauso wie die adligen Frauen ihrer Zeit. Stattdessen führt El-Fadl an, dass die Tatsache, dass Sklavinnen damals ihre Häupter nicht bedeckt haben, eher mit dem sozialen Status als sexueller Verführung zusammenhing.

El-Fadl meint, dass der illa (ermittelbare Grund) dafür, das Haupt zu bedecken, war, Haremsfrauen zu beschützen und unerwünschte Aufmerksamkeit von missgünstigen Händlern zu vermeiden. Er behauptet ebenfalls, dass das ma'ruf (das allgemein Akzeptierte) und das munkar (das sozial Inakzeptable) auf pragmatischer und praktischer Erfahrung basieren.

Deswegen lässt das Tuch Frauen eher auffallen und schadet ihnen, denn würde ein unbedecktes Haupt nicht als unanständig oder liederlich betrachtet werden, wäre es muslimischen Frauen erlaubt, sich in der Öffentlichkeit auch ohne Kopftuch zu bewegen.

2. Javed Ahmad Ghamidi

Genauso wie El-Fadl meint Ghamidi, es hätte Vorschriften gegeben, die sich exklusiv an die Frauen des Propheten gerichtet hätten. Er sagt, es gäbe nur vier Vorschriften, die auf muslimische Frauen zuträfen. Sie sollen den Blick senken, sich bescheiden kleiden, ihren Busen bedecken und vor ungebundenen Männern keinen reichen Schmuck tragen. Keine weiteren Vorschriften als diese gelten für muslimische Frauen.

Mehr zum Thema: "Ich sehe, Sie tragen Kopftuch": Was mich meine Vorstellungsgespräche über Deutschland gelehrt haben

Farhad Shafti, ein Kollege Ghamidis, ist eindeutig der Meinung, dass der khimar (Schleier) weder ein religiöser Akt war noch zur Mäßigung beitragen sollte. Sogar der Koran verwendet dieses Wort ohne rechtliche Konnotation. Ein weiterer Kollege, Moiz Amjad behauptet außerdem, dass der "Islam Frauen nicht befiehlt, ihre Häupter zu bedecken". Das Kopftuch sei nicht Teil der sharia und deswegen nicht obligatorisch.

3. Abdullah bin Bayyah

Bin Bayyahs Ansatz basiert auf Notwendigkeit. Er meint, dass die Not es Frauen erlauben würde, bestimmte Körperteile zu enthüllen. Die Schienbeine zweier Frauen des Propheten, Aishah und Umm Salamah, waren entblößt, als sie auf dem Schlachtfeld verwundeten Soldaten Wasser gaben.

Er vertritt außerdem die selten geteilte Meinung Ibn Ashurs, dass Frauen ihre Haare in der Öffentlichkeit nicht verschleiern müssen. Bin Bayyahs Schüler, Hamza Yusuf, sagt sogar:

"Die Gesetze sollen dem Menschen dienen, nicht andersherum. Wir sollen Allah dienen und deswegen ist es dir erlaubt, ein Gesetz, das dir nicht dient, nicht zu befolgen. Damit befolgst du im Endeffekt das Gesetz... Das Gesetz soll uns helfen, nicht uns schaden. Wenn ein Gesetz uns also schadet, müssen wir ihm nicht länger folgen."

4. Ahmad Ghabel

Der bereits verstorbene Shia-Gelehrte, der den Titel Hojjat el-Islam (Autorität des Islam) trug, lieferte zehn Argumente, warum es nicht notwendig für Frauen sei, ihr Haupt zu bedecken, aber dennoch empfohlen. Seiner Ansicht nach ist es rechtlich nicht eindeutig, ob die Haare zu den awrah (intimen Körperteilen) gehören, die bedeckt werden müssen.

5. Nasr Abu Zayd

Dem verstorbenen Abu Zayd nach sind sowohl die awrah (intime Körperteile) als auch der hijab (Schleier) eher der soziokulturellen Norm unterlegen und somit Bestimmungen, die geändert werden können. Beides wird rechtlich nicht vom Islam festgelegt, sondern ist eher spezifisch für die arabische Kultur.

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Neben diesen fünf Gelehrten teilen auch weitere wie Abdullah al-Judai, der verstorbene Zaki Badawi, der verstorbene Gamal al-Banna, Khalid Zaheer und Shehzad Saleem diese mit dem islamischen Mainstream kontrastieren Meinungen.

Im Endeffekt dienen diese Meinungen dazu, eine Bandbreite von Informationen zu liefern, um die Entscheidung- und Ausdrucksfreiheit zu unterstützen. Das Kopftuch ist ein Thema für Frauen.

Es sind muslimische Frauen, die sich dafür entscheiden sollen dürften, ob sie das Kopftuch ablehnen, ohne als Abfall behandelt zu werden oder sich Belästigungen und Anschuldigungen aussetzen zu müssen. Die Entscheidung liegt bei ihnen alleine.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der "Huffington Post Canada".

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