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Warum ich als Student eine 60-Stunden-Woche habe

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MAN BERLIN STREET
RM
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Es ist 6:30 Uhr. Ein nervtötender Handyklingelton reißt mich aus dem Schlaf. Hektisch stehe ich auf, ziehe mich an und verschwinde im Badezimmer. Im Spiegel blickt mich ein junger Mann an, dem es in letzter Zeit vor allem an einem mangelt: an Schlaf.

Zum Frühstücken bleibt keine Zeit. Ich hetze zur S-Bahn, denn um 8:00 Uhr beginnt mein Frühdienst. Neben meinem Amerikanistik-Studium arbeite ich als Werksstudent für ein deutsches Onlinemedium. Zwanzig Stunden die Woche.

Ohne einen Nebenjob kommt man unmöglich über die Runden

Ich mag meinen Job und ich werde auch nicht schlecht bezahlt. Doch in einer Stadt wie München, in der die Mieten und die Unterhaltskosten ständig steigen, komme ich ohne einen Nebenjob unmöglich über die Runden.

Niemand in meinem Freundeskreis kann es sich leisten, neben der Uni nicht zu arbeiten. Ob tagsüber in Klamottenläden oder nachts in Kneipen: Jeder jobbt nebenher. Früher war ich auch in einer Bar angestellt.

Zwei mal die Woche habe ich mir die Nächte um die Ohren gehauen. Auch wenn ich am nächsten Tag um 10:00 Uhr in der Uni sitzen musste. Nicht selten bin ich im Seminar eingeschlafen. Ein regelmäßiger Schlafrhythmus? Undenkbar.

Pro Woche verbrachte ich fünf Tage in der Universität. Mindestens zwei Vorlesungen, ein Seminar und eine Stunde Bibliothek - jeden Tag.

Dienstagabends und am Wochenende jobbte ich in der Bar - acht bis zehn Stunden pro Schicht. Eines Tage wurde mir klar: Ich habe eine 60-Stunden-Woche.

Der Druck hat mich irgendwann krank gemacht

Ich fühlte mich antriebslos, war schlecht gelaunt und verspürte keinen Anreiz mehr, mich auf mein eigentlich spannendes Studium zu konzentrieren.

Weder Musik noch Freunde konnten mich richtig aufheitern. In Stresssituationen bekam ich regelrechte Schweißausbrüche und mir wurde häufig übel. Nicht gerade hilfreich, wenn man ein Referat hält oder sechzig Gäste auf einmal bedienen muss.

Die Diagnose meiner Hausärztin: „Herr Zimmer, das klingt jetzt vielleicht komisch, doch das sind alles Anzeichen eines Burn-Out Syndroms." Ich war damals 22 Jahre alt. Sie riet mir zu einer Gesprächstherapie. Ich sollte generell etwas kürzer treten.

Leichter gesagt als getan. Durch einen Umzug war meine Miete gerade um 100 Euro gestiegen und im kommenden Semester stand meine Bachelorarbeit an. Doch ich war nicht im Stande, mich auf mein Studium zu konzentrieren - geschweige denn noch mehr zu arbeiten.

Ich bekam bereits Panikattacken, wenn ich an meine bevorstehenden Prüfungen und Nachtschichten denken musste.

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Ich nahm das Risiko in Kauf, ohne Job dazustehen

Es kam der Tag, an dem mir klar wurde: Ich muss etwas ändern. Mein Körper verlangte nach einer Pause. Ich kündigte meinen Job in der Bar und nahm das Risiko in Kauf, erst einmal ohne Job dazustehen. Zur gleichen Zeit begann ich mich zu fragen, ob es nicht auch anderen Studenten so ergeht.

Ich stieß auf eine Erhebung des Deutschen Studentenwerks: Zwei Drittel aller Studenten müssen während ihres Studiums arbeiten.

Neben dem regulären Aufwand für die Uni - im Durchschnitt 36 Wochenstunden - kommen der Umfrage zufolge 13,5 Stunden durch den Nebenjob dazu. Das sind 50 Stunden, die rund 70 Prozent aller Studenten pro Woche leisten müssen.

Nur zur Erinnerung: Die meisten Verträge regeln den wöchentlichen Arbeitsaufwand mit der 40-Stundenwoche, acht Stunden pro Tag. Ist es nicht alarmierend, dass wir diese Grenzen bereits zu Studienzeiten maßlos überziehen?

Jeder fünfte Studierende bekommt eine psychische Diagnose

Die Behandlung mit Psychopharmaka nimmt bereits seit Jahren bei Studierenden zu. Sie ist seit 2006 um mehr als 40 Prozent gestiegen. Das belegt eine Studie der „Techniker Krankenkasse."

Es ist also nicht überraschend, dass der Anteil der Studenten, die über Erkrankungen wie Magen- und Rückenschmerzen klagen, stetig wächst. Psychologen führen dies immer häufiger auf schwere psychische Belastungen zurück.

Doch wenn die Miete für ein WG-Zimmer wie in München im Durchschnitt 493 Euro kostet, dann haben wir Studenten keine andere Wahl: Wir müssen arbeiten. Auch wenn unser Studium und unsere Gesundheit leidet. Wir ruinieren uns schon, bevor wir überhaupt ins Arbeitsleben starten.

Liebe Bundesregierung: Ist das denn wirklich so schwer?

Die steigenden Mietkosten sind nicht nur für uns Studenten ein Problem. Auch viele Geringverdiener sehen sich dazu gezwungen, Zweit- oder sogar Drittjobs anzunehmen, um ihren Wohnraum zu finanzieren.

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Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand: Die Bundesregierung scheint nicht in der Lage zu sein, eine effektive Mietpreisbremse zu verabschieden.

Da das Gesetz zahlreiche Lücken hat und Vermieter für einen Verstoß nicht einmal sanktioniert werden, ist die Regelung nicht mehr als fadenscheinige Symbolpolitik. Meine Wohnung wird zumindest trotzdem jedes Jahr teurer.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

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