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So sieht es in den Köpfen der besorgten Bürger aus

15/03/2016 18:22 CET | Aktualisiert 16/03/2017 10:12 CET
ASSOCIATED PRESS

Viele Deutsche sind verunsichert. Ob in sozialen Netzwerken, Tageszeitungen oder im Fernsehen: Überall wird von einer rechten Welle berichtet, die besonders in den neuen Bundesländern schnell um sich greift.

Der Normalbürger zeigt sich empört und quält sich zunehmend mit der Frage, wie sich solch rassistisches Gedankengut wieder so stark verbreiten kann. Was geht in den Köpfen dieser Menschen vor, die Zufluchtsuchende bedrohen und beschimpfen?

In einem Interview mit der Huffington Post gibt Diplom Psychologe Stephan Grünewald Einsicht in die Psyche der besorgten Bürger.

Ostdeutsche Bürger fühlen sich häufig benachteiligt

Bereits vor sechs Jahren beschäftigte sich eine Studie des rheingold-Instituts mit der Frage, wie es um den psychologischen Zustand der Ostbürger steht.

Sie ergab, dass viele Menschen aus den neuen Bundesländern den Untergang ihrer eigenen, ostdeutschen Kultur bemängelten. Es hält sich nunmehr wacker das Bild vom siegreichen Westdeutschland und dem minderwertigen Osten.

Viele Ostdeutsche kämpfen mit Verbitterung und Minderwertigkeit

Stephan Grünewald weist darauf hin, dass viele Ostdeutsche als sogenannte Wendeverlierer, mit starker Verbitterung zu kämpfen haben. Die Grundstimmung in vielen Gemeinden: Minderwertigkeit, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit.

Das mag bei dem ein oder anderen Leser ein Schmunzeln hervorrufen, die Studie zeigt jedoch, dass die aktuelle Stimmung keineswegs nur auf die Flüchtlingskrise zurückzuführen ist. Vor sechs Jahren war diese noch kein Thema.

Die globalen Ausmaße von Krisen am anderen Ende des Kontinents werden uns täglich medial um die Ohren gehauen und unterstreichen das für viele Deutsche präsente Bild einer hochkomplexen Welt, die sie sich mit normalen Mitteln nicht mehr erklären können. Sie widerspricht vehement den Werten und Idealen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Ein neuer Sündenbock muss her

Um gegen die vermeintliche Aussichtslosigkeit anzukämpfen, suchen Bürgerbewegungen wie PEGIDA nach neuen Aufgaben.

Der momentane Zustand der Gesellschaft ist für sie nicht mehr hinnehmbar. Es gilt daher in der ganzen Hysterie einen Sündenbock auszumachen, der für den Großteil der Probleme die Verantwortung übernimmt.

Viele Ostbürger fühlen sich im 21. Jahrhundert von der Politik nicht mehr ernst genommen, vor allem aber alleine gelassen. Das Vertrauen in die traditionellen Medien und Volksvertreter geht daher gen Null. Setzt man sich mit Aussagen "besorgter Bürger" am Rande von Montagsdemonstrationen auseinander, erscheinen die Ängste vor Überfremdung und Islamisierung aus der Luft gegriffen.

Gleichgesinnte diskutieren kontroverse Verschwörungstheorien

Doch wie die momentanen Entwicklungen zeigen, unterstützen Menschen aus den verschiedensten Schichten Handlungen von Rechtsextremen, als eine Form von "echter Demokratie" und aufgrund von "echten Problemen".

Lügenpresse versus Lügenpresse

Aus psychologischer Sicht alarmierend, ist auch der Rückzug vieler Bürger in soziale Netze und Internet-Foren. Dort treffen sie Gleichgesinnte und diskutieren kontroverse Meinungen und Verschwörungstheorien. Die eigene Sicht wird bestätigt und bekräftigt, den offiziellen Medien ist nicht mehr zu trauen.

Der Normalbürger fragt sich dabei vielleicht, wie das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenportale derart schwinden kann und dabei den wirklich zweifelhaften Quellen mehr und mehr Vorfahrt gewährt wird?

Stephan Grünewald antwortet im Interview auf diese Frage mit einem Witz: "Erinnern sie sich an den Geisterfahrer der die Meldung 'ein Geisterfahrer auf der A96' mit der Antwort 'Einer? Hunderte!' kommentiert?"

Mutter Merkel und der Untergang der Leitkultur

Häufig positionieren sich die neuen Rechten in der Rolle der Opfer. Sie sehen sich als Beschützer einer Kultur, die unter der Regierung von Angela Merkel stark leidet.

Politische Ansätze von Parteien wie der AfD beinhalten Forderungen wie die Einführung von Bürgerwehren, die Pflege der deutschen Leitkultur und auch die Reduzierung von Anglizismen im Alltag. Der Staat soll wieder autoritärer werden. Der voranschreitenden Verwässerung deutscher Werte muss scheinbar Einhalt geboten werden.

Ängste sollten nicht belächelt werden, sie sind für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe in Deutschland Realität

Gleiches gilt für die ideologisch verwandte Gruppierung PEGIDA. Es geht immerhin "gegen die Islamisierung des Abendlandes", also um die Verteidigung bestimmter Werte und Vorstellung. Inhärent ist ebenfalls die weitverbreitete Angst, Flüchtlinge würden mit der Absicht ins Land kommen, hier ansässigen Bürgern etwas wegzunehmen.

Grünewald sieht hier vor allem ein Problem für viele ostdeutsche Bürger, die sich in der Rolle sehen, ihre Unabhängigkeit hart erkämpft zu haben.

Leidet ein Teil der Deutschen an Geschwisterneid?

Von einem konkreten Realitätsverlust ist noch nicht zu sprechen, dennoch fühlt sich eine wachsende Anzahl der Bürger von der Politik mit ihren Sorgen allein gelassen. Es mangelt an konkreten Plänen und Statements und der Wunsch nach einer starken, handlungsfähigen Leitfigur wächst mehr und mehr.

Mutter Merkel spielt dabei eine tragende Rolle. Mit ihrer internationalen Willkommensgeste hat sie nicht nur ein positives Zeichen an Flüchtlinge, sondern auch ein negatives Zeichen an unzufriedene Deutsche gesendet. Bürger fragen sich ob Merkel plötzlich die Sorgen anderer Menschen für wichtiger hält als die eigenen Probleme.

Wen liebt Mutter Merkel wirklich?

Grünewald spricht hier von einer Art Geschwisterneid und macht auf eine interessante Analogie aufmerksam: Das Erstgeborene beansprucht die ganze Liebe der Eltern für sich und betrachtet den Nachwuchs, hier die Flüchtlinge, als Eindringling.

Daraus entstehen starke Emotionen wie Eifersucht und Hass. Freud spricht auch von einem starken Groll gegen die Mutter, also gegen Merkel, der sich momentan in zahlreichen Hasstiraden auf der Straße und im Netz äußert.

Auch die von Empörung begleitete Beobachtung, Flüchtlinge könnten sich Luxusartikel wie Smartphones oder teure Turnschuhe leisten, entwächst aus diesem Neid, häufig gefolgt von der Feststellung: "So was können wir uns ja nicht leisten!"

Wie ist aus psychologischer Sicht damit umzugehen?

Einen zentralen Punkt sieht der Diplom Psychologe im stetigen Austausch. Politiker und Bürger müssen dringend im Gespräch bleiben, so absurd die Ängste und Forderungen auch sein mögen. Wendet sich die Politik mehr von ihrem Volk ab, wächst der Zulauf zu unkonventionellen Parteien oder fragwürdigen Gruppierungen.

Mit Blick auf Deutschlands Osten steht Deutschland also vor einer doppelten Integrationsaufgabe. Es gilt die humanitäre Aufgabe der Flüchtlingskrise zu bewältigen und langfristig, wirkungsvolle Integration zu fördern. Innenpolitisch darf Merkel ihre eigenen Kinder nicht vernachlässigen, denn einige Ängste ostdeutscher Bürger zum Thema Arbeitslosigkeit und Abwanderung sind ernst zu nehmen.

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