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Von wegen Schweigen: Deutschland redet sich um Kopf und Kragen

23/02/2016 11:43 CET | Aktualisiert 23/02/2017 11:12 CET
Carsten Koall via Getty Images

Auf deutschen Straßen wird wieder geschrien. Besonders auf sächsischen. Doch es reicht nicht das Problem zu regionalisieren und die Beteiligten als "braunes Pack" abzutun. Es reicht auch nicht zu behaupten, es wäre still um die Problematik geworden, der Fall Clausnitz beweist klar das Gegenteil. Was neben rechten Parolen und zweckentfremdeten "Wir sind das Volk"-Rufen wirklich fehlt, sind besonnene Debatten und das Ende der alltäglichen Phrasendrescherei.

Tatsache ist: Deutschland schweigt nicht, sondern verwendet den Großteil seiner Kraft darauf unproduktive Debatten zu führen. Wir verrennen uns in Verallgemeinerungen, stupidem Schwarz-Weiß-Denken und tendieren immer wieder dazu nur der einen Seite der Darstellung unsere Gunst zu schenken.

Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hilft kein Gesetz. Noch weniger hilft Schuldzuweisung und Ausgrenzung. Wir dürfen die neue rechte Szene, die sich in Form von Parteien wie der AfD und in Form einer Protestbewegung wie PEGIDA manifestiert, nicht ignorieren, aber vor allem auch keinen neuen Nährboden geben.

Formulierungen wie "Da ist schon etwas dran", "Das wird man ja noch sagen dürfen" oder "Ich steh nicht hinter PEGIDA, aber..." manövrieren uns gefährlich nah an eine Form der Rhetorik, die Unterstützung signalisiert.

Komm, wir schmeißen alle in einen Topf

Anabel Schunke, Model und politische Aktivistin, schlägt in einem Beitrag auf Tichy's Einblick und der Huffington Post weit um sich. Sie kritisiert die laxe Haltung der Kanzlerin und diagnostiziert Deutschland eine Islam-Sucht. Moralität und Toleranz in Krisen, das ist ja sowieso etwas völlig unvernünftiges.

Das deutsche Gewissen, verseucht durch die Flüchtlingseuphorie, erweist sich als überaus hinderlich, denn wie sie selbst so griffig schreibt: "Jeder darf rein. Jeder ist Syrer".

Und weiter: "Los wird man keinen mehr, egal ob er Frauen an Silvester begrapscht, Ladendiebstähle begeht, oder Schlimmeres tut." Mal ganz davon abgesehen, dass neue Einsichten in die sogenannte Kölner Schreckensnacht deutlich zeigen, dass lediglich drei der Täter Flüchtlinge waren, die im vergangenen Jahr in Deutschland angekommen sind, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es genau diese Art von rhetorischen Fehltritten sind, die den rechten Bewegungen in unserem Land mehr und mehr Bestätigung geben.

Plötzlich scheint es normal, Menschen als Abschaum, Pack oder Gesocks zu bezeichnen.

Schunke argumentiert weiter, dass eine Europäische Lösung aussichtslos ist und zeigt im selben Gedankengang Solidarität mit Frankreich, das sich gegen weitere Kontingente stemmt. Wie soll man humanitäre Lösungen finden, wenn man sie generell schon ablehnt? Die europaweite Kurzsichtigkeit und das unter Populisten verbreitete Unverständnis für Hilfesuchende, scheinen keine Grenzen zu kennen.

Ich verstehe, dass Frankreich verunsichert ist, doch die globale Kritik an Deutschlands Reaktion führt mich immer zu der Überlegung, wie das Jahrhundertprojekt "Flüchtlingskrise" ohne das "naive und dumme" Verhalten von Ländern wie Schweden, Italien, Griechenland und Deutschland wohl aussehen würde.

Es scheint durchaus plausibler zu sein, Staaten Kriege zu erklären, die keine sind und das aufgrund von Terroristen, deren Pässe französisch und nicht etwa syrisch sind.

Das Richtige sagen, nicht das Falsche tun

Doch zurück zur Rhetorik. Nicht nur junge Politikstudentinnen vergreifen sich gern mal im Ton, nein, die Problematik zieht sich viel weiter durch die deutsche Gesellschaft.

Politiker, Polizeipräsidenten und Hassprediger, aber auch Wutbürger, Talkshowmoderatoren, Journalisten und selbsternannte Islam-Experten: Der erste Fehler liegt nicht nur in dem was wir tun, sondern vor allem in dem was wir sagen. Die Welt redet und schreibt pausenlos über Flüchtlinge, aber fast niemand mit ihnen.

Was die "liberal und christlich-orientierte Demokratie" des 21. Jahrhunderts in Krisenzeiten zu Stande bringt, sind leeren Phrasen, Schuldzuweisungen und Hetze gegen Andersdenkende.

Wir reden uns um Kopf und Kragen

PEGIDA und AfD geht es immer darum die deutsche Leitkultur vor "denen" und "solchen" zu beschützen. Wie schon vor circa 80 Jahren arbeitet ein Teil Deutschlands, ja ganz Europas daran, ein neues Feindbild aufzubauen.

Etwas was "wir" nicht sind. Einen Sündenbock für alle Probleme, die es in dieser, durchaus von Schwierigkeiten geprägten Zeit, gibt: Der gefürchtete Flüchtling und sein noch viel mehr gefürchteter Glauben.

Sprachliche Äußerungen stehen dabei immer am Anfang. Eine gute Ideologie braucht gute Sprüche, griffige Parolen und vor allem einfache Lösungen. Ein Blick in die momentane Flüchtlingsdebatte zeigt, dass es alles in allem wieder eine gute Ausgangsposition für die unauffällige Verbreitung rechten Gedankenguts gibt.

Die Voraussage vom Untergang Europas

Mit Thomas Hobbes, dem berühmten englischen Staatsphilosophen, verweist Frau Schunke in ihrem Beitrag auf den geschwächten, deutschen Staatsapparat. Wie auch viele rechts-populistische Bewegungen, attestiert sie ihm Versagen auf der ganzen Linie. Die Legislative verwässert, die Exekutive ist unfähig zu handeln und mit der Lage komplett überfordert.

PEGIDA und AfD gehen sogar einen Schritt weiter und prophezeien Deutschland unter Merkel den Untergang. Das Vertrauen in die Politik in diesen Kreisen geht gen Null. Jeder Politiker ist eine Marionette der verhassten U.S.A. Doch vielleicht hilft uns hier nochmal Hobbes aus der Patsche: "Häufig ist die Prophezeiung die Hauptursache für das prophetische Ereignis."

Populisten und Regierungskritiker tun gerne so, als ob es zur Lösung eines der schwierigsten Probleme der letzten 25 Jahre eine Blaupause geben würde. Natürlich ist konstruktive Kritik in einer Demokratie immer angebracht, doch die perfekte Flüchtlingskrise gibt es nicht.

Menschen in Not anzuschreien, ihre Unterkünfte anzuzünden und sie zu Individuen unterster Klasse zu erklären, ist weder hilfreich, noch in irgendeiner Weise nachvollziehbar. Ich wünsche mir ein Deutschland, in dem wieder Wert darauf gelegt wird, wie man etwas sagt. Ob im Internet oder auf Demonstrationen. Ich wünsche mir ein Deutschland, das denkt, bevor es spricht, eine Gesellschaft, die redet bevor sie schreit.

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