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"Das Diensthandy ist die Stasi des 21. Jahrhunderts"

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Adam Hester via Getty Images
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Emotionale Erschöpfung, dauerhafte Müdigkeit, Minderwertigkeitsgefühle. Wie Studien der Technischen Krankenkasse zeigen, klagen immer mehr Menschen unter 30 Jahren über solche Symptome. Die Behandlung mit Psychopharmaka nimmt bereits bei Studierenden zu, sie ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen.

Ebenso nehmen Erkrankungen wie Magen- und Rückenschmerzen zu, Psychologen und Ärzte führen diese immer häufiger auf schwere psychische Belastung zurück.

Dass unsere Leistungsgesellschaft Opfer verlangt, ist kein Geheimnis. Unser Alltag ist komplett durchstrukturiert, Handyapps sollen uns dabei helfen, den Überblick zu behalten. Wir sind jetzt immer erreichbar, auf unzähligen Kanälen, am besten zu einer Zeit an mehreren virtuellen Orten. Das betrifft nicht nur unser Privatleben, sondern insbesondere unseren Arbeitsalltag.

Was zunächst wie ein positiver Fortschritt in Sachen Kommunikation aussieht, hat weitreichende Auswirkungen auf unsere Psyche. Denn wer immer auf Abruf ist, läuft Gefahr zur ständigen Zielscheibe von Kritik zu werden.

Wer sich nicht durchsetzt, fliegt raus

Nach drei Jahren Bachelor- und zwei Jahren Masterstudium finden sich viele junge Studienabsolventen in schwierigen Situationen wieder. Häufig haben sie sich für das vermeintlich sichere Studium der Betriebswirtschaftslehre entschlossen, unabhängig von ihren persönlichen Interessen. Aus Angst vor der Zukunft, setzen viele auf eine Karriere in der freien Marktwirtschaft.

Sobald der Bewerbungsprozess um eine Stelle beginnt, beginnt auch der wachsende Stress, der Wettbewerbskampf, der ständige Konkurrenzdruck. Heutzutage reicht es nicht mehr, eine Bewerbung abzuschicken, ein Gespräch zu führen und auf eine Antwort zu warten. Agenturen und Firmen machen aus Bewerbungen einen abstrusen Wettkampf, in dem man ständig unter Beobachtung ist. Mit etwas Glück schafft man es dann in die zweite Runde von fünf - und wer sich nicht durchsetzen kann, fliegt sofort raus.

Hat man es dann geschafft einen Job in einem Unternehmen zu ergattern, bekommt man ein Diensthandy in die Hand gedrückt, wird schnell über seine Aufgaben aufgeklärt und schon geht die lang ersehnte Karriere in der freien Marktwirtschaft los.

Doch für immer mehr Berufseinsteiger endet der Traum von einer sicheren Position und einem guten Gehalt in einer psychologischen Sackgasse. Aus anfänglicher Euphorie wird häufig schnell Ernüchterung. Wieso ist das so?

Gehälter knapp über dem Mindestlohn

Der durchschnittliche Studienabsolvent ist 28 Jahre alt, hat circa sieben Jahre studiert und ist somit mehr als bereit seine erste Stelle in einem Unternehmen anzutreten. Dennoch zeigen Recherchen der "Süddeutschen Zeitung", dass immer mehr junge Akademiker nur Praktika, oder im besten Fall befristete Arbeitsverträge ergattern können. Die Vorstellung eines unbefristeten Vollzeitjobs löst sich somit in Luft auf.

Während Berufseinsteiger einerseits deutlich schlechter bezahlt werden, bewirken befristete Tarifverträge außerdem, dass sie das Gefühl haben sich jeden Tag auf neue beweisen zu müssen.

In einem Interview mit der Huffington Post, erklärte eine junge Akademikerin, die prekären Verhältnisse in denen sich immer mehr junge deutsche Arbeitnehmer befinden.

„Ich hatte das Gefühl, dass das ganze System der Firma darauf aufbaut, dass man die jungen Studienabsolventen mit einigen schicken Dienstgadgets wie Smartphone, Laptop und Firmenauto ködert, einen auf 'cooler Chef' macht, um dann Überstunden aus ihnen rauszuholen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben."

Die 28-jährige, die anonym bleiben möchte, musste auch oft Aufgaben übernehmen die weder in ihren Zuständigkeitsbereich fielen, noch ihrer Qualifikation entsprachen. Jeden Tag verlangte man von ihr Überstunden zu machen, die das Unternehmen natürlich nicht bezahlte. Somit schrumpfte ihr eh schon geringer Lohn von umgerechnet zehn Euro pro Stunde, auf 8,50 Euro.

"Das Diensthandy ist die Stasi des 21. Jahrhunderts"

Zudem erwartete man von ihr per Handy immer erreichbar zu sein. Auch am Wochenende und an freien Tagen: "Das grenzte wirklich an Überwachung".

Auf unzähligen Kanälen wurde sie mit Nachrichten, Erinnerungen und Kritik bombardiert. Das persönliche Gespräch hingegen suchten die Arbeitgeber nur selten.

"Es war eh nur ein Ansprechpartner da und der war meistens zu beschäftig um mit mir über meine Kritikpunkte zu sprechen."

Natürlich versuchen Berufsanfänger nach dem Studium an ihrem neuen Arbeitsplatz eine gute Figur zu machen. Viele leiden unter der Angst, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird und sie sich dann auf dem Arbeitsmarkt wiederfinden. Sie gehen daher physisch und psychisch an ihre Grenzen, arbeiten sogar unbezahlt in ihrer Freizeit.

"Ich habe täglich zehn Stunden im Büro verbracht, um dann daheim noch weitere zwei Stunden in die Vorbereitung des nächsten Tages zu investieren. Das wurde von jedem Einsteiger erwartet. Nach fünf Monaten hatte ich keine Energie mehr, weder für meine Freunde, noch für mich selbst."

Überstunden und ständige Erreichbarkeit: Das gehört heute dazu!

In Gesprächen mit ihrem Chef gab der ihr unmissverständlich zu verstehen, dass das einfach dazu gehört wenn man Teil eines jungen Unternehmens ist: „Wir sind auf dem Weg eine der führenden Firmen in unserer Branche zu werden und du hast die Chance ein Teil davon sein, da muss man halt auch mal Überstunden machen!"

Tatsächlich ist dieses Phänomen weit verbreitet. Der slowenische Kulturtheoretiker Slavoj Zizek weißt in zahlreichen Publikation darauf hin, dass es den klassischen Chef und abgegrenzte Hierarchien scheinbar nicht mehr gibt.

Der neue Chef ist jetzt der lockere Typ den man mit Vornamen anredet und mit dem man darüber quatscht wie krass deine letzte Nacht war. Das Problem besteht allerdings darin, dass man so keine echte Kritik mehr anbringen kann, da die fast freundschaftliche Beziehung zum Vorgesetzten den Arbeitnehmer in eine brenzliche Situation bringt: Es mangelt Berufsanfänger häufig an Distanz zur Arbeit. Außerdem, wer kritisiert schon gern seine Freunde?

"Der Druck war für mich unertragbar"

"Man versucht eigentlich den ganzen Tag nur den Schein zu bewahren, dass alles super läuft", gestand die junge Akademikern der Huffington Post. "Doch in Wirklichkeit frisst man die Unzufriedenheit über den schlechten Lohn, die langen Überstunden und die mangelnde Wertschätzung nur in sich rein."

Genau das sind die Umstände die einen Menschen in ein tiefes Loch fallen lassen können. Depressionen und Burn-Out sind die Folgen. Wir müssen anfangen unser Bild vom Mann mittleren Alters in der Midlife Crisis zu revidieren, denn auch immer mehr Berufsanfänger sind für diese Diagnosen anfällig. Es wird Zeit unser Arbeitsmodell endlich zu überdenken!

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