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Helikopter-Eltern schaden ihren Kindern. Wir müssen damit aufhören!

18/08/2015 15:34 CEST | Aktualisiert 18/08/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Wenn Eltern sich zunehmend in das Leben ihrer Kinder einmischen, dann tun sie dies selbstverständlich nur aus reiner Liebe - zweifelsohne eine gute Sache. Doch bis zu meinem Rücktritt als Dekanin von Stanford im Jahr 2012 hatte ich mich nicht nur mit unglaublich vielen Eltern auseinandersetzen müssen, sondern auch mit Studenten, die zunehmend abhängig von ihren Eltern zu sein schienen. Und dies geschah auf eine wirklich übertriebene Art. Ich stellte mir die Frage, ob diese „College-Kinder" (wie College-Studenten mittlerweile genannt werden) gar keine richtigen Menschen waren. Sie schienen nur das schmückende Beiwerk von Mama oder Papa zu sein. Unterentwickelt. Alleine nicht überlebensfähig.

Die Babyboomer haben unglaublich viel Gutes getan - sie wurden in den Vietnamkrieg eingezogen und haben ihn in Frage gestellt, sie setzten sich mit all ihrer Kraft für die bedeutende Bürgerrechts- und Freiheitsbewegung von damals ein und sie erzeugten das größte Wirtschaftswachstum, das es in unserem Land je gab. Doch hing ihr Selbstbewusstsein vielleicht so stark von den Leistungen ihrer Kinder ab, dass sie befürchteten, es würde ihren Erfolg schmälern, wenn ihre Kinder ihre Erwartungen nicht erfüllten? Und war es einigen dieser Eltern so wichtig, ihre eigenen Ziele und Wünsche erfüllen, dass ihre Kinder dadurch einen entscheidenden Charakterzug nicht entwickeln konnten, nämlich die sogenannte „Selbstwirksamkeit"? Der berühmte Psychologe Albert Bandura definierte den Begriff als „das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, erforderliche Handlungsschritte organisieren und erledigen und dadurch zukünftige Herausforderungen meistern zu können". Diese Entwicklung ist jedoch zutiefst ironisch: Möglicherweise haben die Babyboomer, die Meister der Selbstverwirklichung, so viel für ihre Kinder getan, dass sie sie dadurch der Möglichkeit beraubt haben, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.

Hat die sicherheitsbewusste, auf akademische Erfolge konzentrierte, das Selbstbewusstsein stärkende, auf Checklisten basierende Kindererziehung, die seit Mitte der 80er-Jahre bei vielen Eltern zur Norm geworden ist, unseren Kindern die Möglichkeit genommen, sich zu gesunden Erwachsenen zu entwickeln? Was soll aus Heranwachsenden werden, die zwar auf dem Papier etwas erreicht haben, denen es jedoch schwerfällt, ohne die ständige Einmischung ihrer Eltern etwas aus ihrem eigenen Leben zu machen? Wie kommt ein junger Mensch, der damit aufgewachsen ist, dass seine Probleme immer für ihn gelöst werden und der es gewohnt ist, ständig gelobt zu werden, im richtigen Leben klar? Können sie überhaupt noch den Drang entwickeln, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen? Werden sie es irgendwann schaffen, sich selbst nicht mehr als Kinder, sondern als Erwachsene zu bezeichnen? Und wenn nicht, wie soll dann eine Gesellschaft mit solchen „Erwachsenen" aussehen? Diese Fragen nagten an mir und sie waren der Grund dafür, dass ich dieses Buch geschrieben habe.

Diese Fragen beschäftigten mich nicht nur in der Arbeit sondern auch während ich in meiner Heimatstadt Palo Alto unterwegs war, wo überfürsorgliche Eltern allgegenwärtig sind - sogar bei mir zu Hause. Bei zu vielen von uns besteht Kindererziehung daraus, dass wir unsere Kinder übertrieben kontrollieren, beschützen und uns in ihr Leben einmischen. Wir behandeln unsere Kinder wie seltene und wertvolle botanische Gewächse und bieten ihnen ein mit Bedacht ausgewähltes und wohldosiertes Maß an Pflege und Fürsorge, während wir sie vor jeglichen Problemen schützen, die sie eigentlich stärker machen und an denen sie wachsen könnten. Menschen müssen jedoch bis zu einem bestimmten Grad aus ihren Erfahrungen lernen können, um später auch größere Herausforderungen meistern zu können, die das Leben für sie bereithält. Wenn unsere Kinder niemals schwerere Zeiten durchmachen müssen, dann werden sie so empfindlich wie Orchideen und verlieren dadurch die Fähigkeit - manchmal sogar komplett - im echten Leben selbst Erfolg zu haben. Warum bedeutet Erziehung nicht mehr, Kinder auf das Leben vorzubereiten, sondern sie vor dem Leben zu beschützen, was wiederum dazu führt, dass sie nicht lernen, ein selbstständiges Leben zu führen? Und warum scheinen die Probleme, über die ich schreibe, vornehmlich in der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht verankert zu sein? Schließlich wollen Eltern doch einfach nur alles richtig machen und wir, die Eltern, die glücklicherweise zur Mittelschicht oder zur oberen Mittelschicht gehören, wir verfügen auch über die nötigen Mittel -- nämlich Zeit und ausreichend verfügbares Einkommen - um gute Eltern sein zu können. Bedeutet das also, dass wir den Sinn dafür verloren haben, was gute Erziehung eigentlich ausmacht?

Und was ist mit unserem eigenen Leben als Eltern? („Welches Leben?" ist eine berechtigte Frage.) Wir sind erschöpft. Ängstlich. Leer. Wir leben in einer Bilderbuchumgebung, wir stimmen unser Essen und unseren Wein sorgfältig aufeinander ab, doch können wir ernsthaft behaupten, dass wir ein „schönes Leben" führen, wenn die Kindheit immer mehr zu einem Wettrüsten um Erfolg verkommt? Das glaube ich nicht. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, die Kontrolle über die akademischen Ziele unserer Kinder zu haben, ihre Aktivitäten voranzutreiben, zu planen und zu überwachen, sie überall hinzufahren und sie zwischendrin überschwänglich mit Lob zu überschütten. Die Leistungen unserer Kinder sind der Maßstab für unseren eigenen Erfolg und Wert. Der College-Aufkleber an der Heckklappe unseres Autos steht nicht unbedingt nur für das Erfolgsstreben unserer Kinder, sondern vielmehr für unser eigenes.

Im Frühjahr 2013 besuchte ich die Vorstandssitzung einer Organisation, die öffentliche Schulen in Palo Alto finanziell unterstützt. Als sich die Eltern im Anschluss daran noch ungezwungen bei einem Stück Kaffeekuchen austauschten, bevor sie wieder weiter mussten, nahm mich eine Frau beiseite, die weiß, was ich arbeite. „Wann ist die Kindheit eigentlich so anstrengend geworden?" jammerte sie mit glasigen Augen. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen. Eine andere Mutter hatte unser Gespräch mitbekommen und sie kam zu uns und nickte. Dann beugte sie sich vor und fragte mich: „Haben Sie eine Ahnung, wie viele Mütter in unserer Gemeinde Medikamente gegen Angststörungen einnehmen?" Ich wusste auf beide Fragen keine Antwort. Immer mehr Gespräche dieser Art mit solchen Müttern waren jedoch ein weiterer Grund für mich, dieses Buch zu schreiben.

Die Dekanin in mir sorgte sich vielleicht um die Entwicklung und die Aussichtschancen von Heranwachsenden, die überbehütet aufwachsen - und ich glaube, dass ich als Mutter bessere Entscheidungen treffen konnte, weil ich so viel Zeit mit den jungen Erwachsenen anderer Eltern verbracht habe. Doch die Mutter in mir musste mit genau den gleichen Sorgen und Nöten kämpfen wie alle anderen Eltern auch. Und wieder einmal wurde mir klar, dass Überfürsorglichkeit eigentlich daher rührt, dass wir uns Sorgen um unsere Welt machen und darüber, wie unsere Kinder sich ohne uns darin zurechtfinden sollen. Und doch schaden wir ihnen damit. Im Interesse unserer Kinder und auch in unserem eigenen Interesse müssen wir aufhören, unsere Kinder in Angst zu erziehen und uns stattdessen in unseren Gemeinden, Schulen und zu Hause wieder auf einen gesünderen Erziehungsansatz besinnen, der auf einer viel weiseren Art von Liebe beruht. Dieses Buch erklärt Ihnen anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen, durch meinen eigenen Erfahrungsschatz und mit gesundem Menschenverstand, wie sie Ihre Kinder zu Erwachsenen erziehen können - und auch, wie Sie den Mut dazu aufbringen.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.


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