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Powerfrauen und Übermütter: Wer nicht durchhält, hat versagt

17/04/2015 10:06 CEST | Aktualisiert 17/06/2015 11:12 CEST
Thinkstock

Kind und Karriere - Wie gut es uns Frauen doch geht. Niemand zwingt uns mehr, einen Bund fürs Leben einzugehen. Keiner verlangt noch, dass wir uns zwischen Karriere und Kindern entscheiden. Die Frauenquote ist längst beschlossene Sache, an der Spitze der Regierung steht eine Frau - Deutschland wird sich doch nicht etwa zu einer gleichberechtigten Gesellschaft gewandelt haben?

Es scheint fast so. Und doch werden die Deutschen von einer tiefverwurzelten Doppelmoral beherrscht, die ein seltsam verzerrtes Frauenbild schafft. Auf der einen Seite: die erfolgreiche Powerfrau.

Deren Image wird unablässig in den Medien zelebriert; egal, ob die "Mutter der Nation" Ursula von der Leyen bei "hart aber fair" als Expertin für Kinder und Karriere in der Talkrunde sitzt oder Heidi Klum nur wenige Wochen nach ihrer letzten Geburt wieder vollschlank über den Laufsteg eiert - alles ist möglich, so das Credo. Frau von Welt ist sowohl Mutter als auch Geschäftsfrau, stets gut gelaunt und liebevoll und sieht dabei natürlich auch noch fuckable aus.

Auf der anderen Seite steht die gescheiterte Powerfrau. "Die neoliberale Gesellschaft bestraft Frauen, denen das Management ihres Lebens nicht gelingt: die alleinerziehende Mutter; die Frau, die Kinder von verschiedenen Männern hat; die Frau, die nicht arbeitet und auf Kosten anderer lebt. Und natürlich die Frau, die nicht auf sich achtet oder nicht das Beste aus sich macht", fasst es die Wissenschaftlerin Angela McRobbie zusammen.

Ein Zustand, der zum Selbstoptimierungswahn ganzer Generationen führt. "In Deutschland gilt es als schlechtes Management, wenn es eine Frau nicht schafft, zu arbeiten und trotzdem rechtzeitig ihre Kinder zu bekommen. Das ist brutal."

Arbeiten und die Kinder dafür in die Krippe geben? Rabenmutter!

Brutal ist auch die Art, mit der mit vielen arbeitenden Müttern umgegangen wird. Es wirkt, als könne man es sowieso nur falsch machen. Anstatt zu arbeiten, zu Hause bleiben und die Kinder betreuen? Unfeministisch! Arbeiten und die Kinder dafür in die Krippe geben? Rabenmutter!

"Es ist in Deutschland nach wie vor extrem schwierig, als Mutter Karriere zu machen", sagt McRobbie. Und Frauen, denen dieser Spagat gelingt, sind immer häufiger psychisch krank.

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Mütter mit Angstzuständen, Depressionen und Burn-out um rund ein Drittel gestiegen, dazu kommen körperliche Probleme wie Gelenkbeschwerden, Infektanfälligkeit und Stoffwechselprobleme. "Viele Mütter berichten, dass sie in der Erziehung zunehmend die Geduld verlieren. Dass sie eigentlich nicht mehr können", berichtet Anne Schilling vom Müttergenesungswerk im Interview. Insgesamt wird Frauen immer mehr zugemutet. Wer nicht durchhält, hat versagt.

Mama muss eben funktionieren - das vermittelt auch der aktuelle TV-Spot von WICK und verkündet hämisch: "Mütter nehmen sich nicht frei. Mütter nehmen das neue WICK DuoGrippal."

An dieser Stelle würde ich der Werbeabteilung von Procter & Gamble gerne eine virtuelle Tracht Prügel verpassen. Für die Unverschämtheit, kranken Müttern ein schlechtes Gewissen einzureden, nur um ein blödes Grippemittel anzupreisen. Das erinnert doch sehr an die Dr. Oetker-Werbung der Fünfziger, als man Frauen auf die zwei Lebensfragen "Was soll ich anziehen?" und "Was soll ich kochen?" reduzierte, um danach auf das hauseigene Backpulver hinzuweisen.

Sich gegen Kinder zu entscheiden, fordert viel Mut.

Selbstverständlich müssen auch Frauen ohne Kinderwunsch ordentlich einstecken können. "Es ist eine unglaubliche kulturelle Errungenschaft, als Frau die Wahl zu haben und sich auch gegen Kinder entscheiden zu können. Dieser Entschluss erfordert aber immer noch Mut", sagt McRobbie. Mut, weil eine Diskriminierung fast immer garantiert ist. "Du möchtest keine Kinder?" Ein amüsierter Blick. "Das kommt schon noch."

Als ob man als Frau dazu verpflichtet wäre, sich fortzupflanzen. Als ob man geistig nicht dazu imstande wäre, die vermeintlichen Freuden der Mutterschaft zu begreifen - auch, wenn viele Frauen ihre Mutterrolle offenbar bereuen. Ein Tabuthema, natürlich; unglückliche Mütter gibt es nicht, so will es die Gesellschaft.

Die israelische Soziologin Orna Donath hält dagegen: "regretting motherhood" nennt sich das Phänomen, das sie an der Universität Tel Aviv untersucht. "Der Gedanke liegt nahe, dass die Frauen, die ich befragt habe, eine in irgendeiner Form extrem schmerzvolle Mutterschaft durchlebt haben", so Donath. "Aber dem ist nicht so. Es sind ganz normale Frauen, die ihre Mutterrolle aber mit einer anderen emotionalen und kognitiven Haltung bewerten, als der soziale Kontext es verlangt. Nicht jede Frau wächst automatisch, einer linearen Entwicklung gleich, in einen Kinderwunsch hinein."

Die Reaktionen auf Donaths Studie zeigen, wie stark dieses Thema die Gesellschaft bewegt: Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood debattieren Twitter und Co. darüber, ob Reue und Mutterschaft überhaupt zusammenpassen dürfen. "Jede Frau hat das Recht, die Entscheidung, Kinder zu bekommen, zu bereuen. Das heißt nicht, dass sie das Kind bereut.", schreibt eine Userin. "Ich bereue nichts. Aber wir dürfen häufiger sagen: Ich kann nicht mehr.", sagt eine andere.

Es ist eine unglaubliche Leistung, alles unter einen Hut zu bekommen.

Zweifellos gibt es Frauen, die Kinder, Karriere, Sozial- und Liebesleben problemlos unter einen Hut bekommen. Eine unglaubliche Leistung, so viel ist klar. Aber wir sollten aufhören, diese Perfektion von allen Frauen zu fordern. Auch Mütter dürfen traurig, überfordert und krank sein. Wir Kinderlosen sind das schließlich auch oft genug.

Interessieren Sie sich für eine Kur? Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen im Regelfall die Kosten für eine Mutter-Kind-Kur, wenn ein ärztliches Attest vorliegt. Außerdem müssen Sie während einer Kur keine Urlaubstage in Anspruch nehmen und erhalten für die Dauer des Aufenthaltes eine Lohnfortzahlung. Das Müttergenesungswerk steht Ihnen bei allen Fragen zur Seite und begleitet Sie auf dem Weg zu einer passenden Kurmaßnahme.


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