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Vor was wir uns fürchten sollten - Für einen neuen Humanismus

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DEMOKRATIE
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Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) war Europa zu weiten Teilen zerstört. Alle Ressourcen waren erschöpft: militärische, ökonomische und moralische. Die Todesrate dieses Krieges übertraf die beider Weltkriege im 20. Jahrhundert.

Auslöser war eine Glaubensspaltung des Christentums in Protestantismus und Katholizismus gewesen. Die deutschsprachigen Regionen Mitteleuropas wurden zu dem, was Militärstrategen im 20. Jahrhundert zynisch theatre of war genannt haben. Es ging nicht um den einen oder anderen Vorteil im Machtspiel feudaler Dynastien, es ging um die richtige Form des Glaubens und des Lebens im Diesseitigen wie im Jenseitigen.

Wer seinen Gegner unter Anwendung blutiger Folter zum Konfessionswechsel bewegte und ihm anschließend den Kopf abschlug, hatte eine gute Tat vollbracht, ihn vor Höllenqualen bewahrt. Die Natur des Konfliktes schloss eine friedliche Beilegung aus. Zwischen Himmel und Hölle gibt es keinen Kompromiss. Gott verlangt unbedingten Gehorsam und das Seelenheil kann nur erlangt werden, wenn die leibliche Existenz des irdischen Lebens gering geschätzt wird.

Der Westfälische Friede markierte einen allgemeinen Erschöpfungszustand, war aber auch Ausdruck einer ethischen Erkenntnis: Der existentielle Konflikt um den richtigen Glauben und das richtige Leben muss zivilisiert werden.

Thomas Hobbes, der von sich sagte er sei ein Kind dieses Krieges (In seinen Memoiren schreibt er: „Meine Mutter brachte Zwillinge zur Welt, mich und die Angst"), fasst diese Einsicht in eine neue Theorie der Politik: Jeder Mensch hat ein Interesse, aus dem Naturzustand des Krieges herauszutreten und alle seine Gewaltmittel an eine zentrale Instanz abzugeben. Das oberste Ziel der staatlichen Ordnung ist die Friedenssicherung, die nur durch ein staatliches Gewaltmonopol erreichbar ist. Religiöse Ansprüche gegenüber der Politik müssen zurücktreten, über Gerechtigkeit entscheidet der Gesetzgeber.

Thomas Hobbes gibt sich in seinem - unüblicherweise - auf Englisch abgefassten Hauptwerk Leviathan (1651) viel Mühe zu zeigen, dass sich seine Thesen im Einklang mit der Heiligen Schrift befinden, aber die christlichen Kirchen und ihre Verbündeten witterten den drohenden Verlust politischer Macht und verfolgten ihn. Thomas Hobbes überlebte: Einundneunzig lange Jahre.

Glaubenskriege haben die Demokratie vorbereitet

Nicht das Christentum, sondern die Katastrophe, in die die christliche Glaubensspaltung das Abendland geführt hat, hat die Demokratie vorbereitet. Im Gefolge haben Aufklärung, Philosophie und Wissenschaft die christlichen Kirchen auf ihre spirituellen Aufgaben zurückgeführt, sie gezwungen, ihren politischen Machtanspruch aufzugeben.

Die lange, auch blutige Auseinandersetzung zwischen klerikalem Machtanspruch und der Freiheit des Geistes, die mit den Häresie-Prozessen des Mittelalters beginnt, lässt erwarten, dass auch in der Neuauflage des 21. Jahrhunderte eine längere kulturelle Transformation notwendig ist.

Die Autonomie von Wissenschaft, Kunst und Politik ist Voraussetzung der Demokratie. Demokratie ist nicht lediglich eine Staats-, sondern auch eine Lebensform, die es erlaubt, existentielle Konflikte ohne Gewalt auszutragen.

Der Rückzug des Westens aus Glaubenskonflikten kommt zu spät

Das neoliberale Projekt, dessen theoretische, politische und kulturelle Fundamente spätestens seit der Weltwirtschaftskrise 2007 ff. erodieren, glaubte, mit einer Schrumpfform von Demokratie auszukommen, da sich existentielle Konflikte im globalen Markt auflösen und die Zukunft nicht den Bürgern der Demokratie, sondern den Konsumenten und Produzenten globaler Märkte gehören würden.

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes schien das Zeitalter der Ideologien, der spirituellen und politischen Religionen, endgültig vorüber zu sein. Welch ein Irrtum! Das Marginalisierte und Verdrängte bricht mit Macht und Gewalt in diese Ordnung ein, bevor sie sich etablieren konnte, befeuert von einem „linken" humanitären und einem „rechten" machtstrategischen Interventionismus des Westens, der glaubte, ganze Weltregionen nach eigenen Vorstellungen formen zu können und der nun, angesichts des angerichteten Scherbenhaufens, den Rückzug antritt.

Aber dieser Rückzug kommt zu spät. Die Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch, im Irak, in Syrien - jeweils in abenteuerlichen Allianzen - lässt den Dschihadismus auf westliche Metropolen ausgreifen. Die Zuspitzung des Konfliktes zwischen Sunna und Schia hat alle Charakteristika eines Religionskrieges, der Europa aus seiner eigenen Geschichte vertraut ist - mit all den typischen Beimengungen machtstrategischer, ökonomischer und politischer Interessen.

Droht ein Vitalitätsverlust der Demokratie?

Die Furcht vor einem neuen Dreißigjährigen Krieg an den Grenzen Europas, die durch das Nato-Mitglied Türkei, das hier eine undurchsichtige Doppelstrategie verfolgt, und dem westlichen Verbündeten Israel markiert sind, ist berechtigt; auch die Furcht vor einem Ausgreifen dieses Konflikts nach Europa.

Berechtigt ist aber auch die Furcht vor einem weiteren Vitalitätsverlust der Demokratie, die ihre normativen Grundlagen verrät, die sich in die Defensive eines romantisch verklärten „christlichen Abendlandes" flüchtet und die Freiheitsrechte Sicherheitsimperativen unterordnet.

Die Reaktion der Menschen in Frankreich, auch in Deutschland, auf die Terror-Anschläge in Paris ist ermutigend - vergleichbar nur der Reaktion der damaligen norwegischen Regierung unter Jens Stoltenberg und der Bevölkerung auf den Terror-Anschlag des Fanatikers Breivik, der sich in der Tradition christlicher Kreuzritter sah mit dem Auftrag, das imaginierte christliche Abendland gegen die skandinavische soziale Demokratie, gegen eine aufgeklärte Zivilgesellschaft und gegen Multikulturalität zu verteidigen.

Die Demokratie ist eben nicht nur Staats-, sondern auch Lebensform. Nur als Lebensform ist sie vital und kann ihren Feinden trotzen.

Rückfall in das Denkmuster des Dreißigjährigen Krieges

Wenn die Verunsicherung demokratischer Gesellschaften durch Terror die politische Rechte erstarken ließe, wenn diejenigen, die nur formal, aber nicht normativ ihren Frieden mit der parlamentarischen Demokratie geschlossen haben, wenn diejenigen, die meinen, dass die Demokratie an eine ethnische Gemeinschaft, an eine geteilte Religiosität, an die Ausgrenzung der Anderen gekoppelt sei, erstarken, dann hätten die Feinde der offenen Gesellschaft einen Sieg errungen.

Pegida und AfD, wie viele Wohlmeinende unter ihnen auch sein mögen, laufen Gefahr, zu nützlichen Idioten derjenigen zu werden, für die allein die Idee einer pluralen, von wechselseitigem Respekt über alle Differenzen der Herkunft, der Kultur und der Religion hinweg bestimmten Zivilkultur eine Provokation darstellt.

Es ist der Rückfall in die Denkmuster des Dreißigjährigen Krieges, vor dem wir uns fürchten sollten, vor der Übergriffigkeit religiöser Gemeinschaften und ihrer selbsternannten Glaubenskrieger auf die Politik und die erneute Entgrenzung mühsam zivilisierter Religiosität in Gestalt eines neuen Fundamentalismus, der im Westen, aber zunehmend auch in Südamerika und anderen Weltregionen zu beobachten ist.

Eigeninteresse als Basis für Demokratie reicht nicht aus

Das Angebot von Thomas Hobbes, die Besinnung auf die Eigeninteressen, sowie das vitale Interesse am eigenen Überleben reichen nicht aus, um eine demokratische Gesellschaft zu entwickeln. Das rationale Eigeninteresse und die Bereitschaft sich Regeln zu unterwerfen, die im wechselseitigen Interesse sind, ist als normative Basis der Demokratie unzureichend.

Thomas Hobbes, aber auch der Vordenker des Neo-Liberalismus Friedrich August von Hayek unterschätzen die Kraft moralischer Motivation und die Rolle der Werte und Normen, die individuelle Lebensformen mit der politischen Ordnung in der Demokratie verbinden.

Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die auf eine vitale Zivilgesellschaft, eine Zivilkultur der Kooperationsbereitschaft, der Rücksichtnahme und der Anerkennung angewiesen ist und diese zugleich erst ermöglicht. Ohne dieses Fundament in einem humanistischen Ethos des Respekts vor jedem menschlichen Individuum, seiner Rechte und seiner Würde, wird die demokratische Ordnung zu einem bloßen Rekrutierungsverfahren politischer Eliten.

Die Demokratie ist ohne eine Bürgerschaft, die ihr Substanz gibt, nicht lebensfähig, sie wird zur Fassade, die bei den ersten Angriffen kollabiert - die Weimarer Republik bietet dafür reichlich Anschauungsmaterial. Nicht die Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen eine vermeintliche Islamisierung - besonders grotesk in einer Stadt wie Dresden mit einem Anteil an Muslimen von 0,4 % - steht auf der politischen Agenda, sondern die Revitalisierung der Demokratie als eine Ordnung, die den Wahrheitsanspruch individueller menschlicher Würde gegen die Zyniker selbsternannter Gotteskrieger verteidigt.

Religionen sind keine Quelle der Demokratie

Wer dieser Herausforderung dadurch zu begegnen sucht, dass er die heiligen Schriften der Weltreligionen auf ihre Vereinbarkeit mit Menschenrechten und Demokratie abprüft, ist auf dem Holzweg. Keine der großen Religionsgemeinschaften sollte man als Demokratiebewegung missverstehen. Keine von diesen ist ein natürlicher Verbündeter der demokratischen Zivilgesellschaft.

Auch die katholische Kirche hat bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gebraucht, um ihr Vorurteil zu überwinden, die Demokratie sei, ebenso wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Idee der Menschenrechte, eine Verirrung des Liberalismus.

Das ist noch nicht lange her und wir sollten, unabhängig davon welchem Glauben wir anhängen, hoffen, dass die Demokratieverträglichkeit religiöser Identitäten sich in Gestalt eines umfassenden humanistischen Ethos bewerkstelligen lässt, für das die Völkergemeinschaft mit der Universal Declaration of Human Rights, der Menschenrechtspakte aus den 1960er Jahren und des bis heute andauernden Menschenrechtsdiskurses die normativen Grundlagen gelegt hat.

Es ist ein Irrtum nicht nur dschihadistischer Ideologen, sondern auch eines Gutteils der westlichen Intelligentsia, zu meinen, dass menschliche Würde, dass Respekt und Freiheit an eine spezifische Kultur, gar eine Weltregion gebunden und ihre Ausbreitung nichts anderes als ein kolonialistischer Akt sei.

Das Gegenteil ist der Fall, wie die Geschichte der Menschenrechte zeigt. Diese wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer zweiten Säule der Vereinten Nationen auf Druck der jüdischen Organisationen, vor allem in den USA, der Witwe des vormaligen Präsidenten Eleonore Roosevelt, der Südamerikanischen Staaten und Indiens, gegen den Widerstand zweier mächtiger Player der Nachkriegsjahre: des Pentagon und Großbritanniens.

Der Menschenrechtsdiskurs ist offenkundig anschlussfähig an ein weites Spektrum kultureller, weltanschaulicher und religiöser Prägungen. Es ist ein verbreiteter Irrtum zu meinen, es sei ein Akt des Neokolonialismus, die Menschenrechte zum Kriterium legitimer Politik weltweit zu machen.

Das Ethos der Menschenrechte ist der Kern eines neuen Humanismus, der allein als Leitkultur einer globalen Zivilgesellschaft taugt. Selbst wenn es im globalen Maßstab als unwahrscheinlich erscheinen mag, dass ein neuer Humanismus den gegenwärtig um sich greifenden religiösen Fanatismus zivilisiert - dies ist die einzige Hoffnung. Furcht sollten wir erst haben, wenn diese Hoffnung stirbt.


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