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Was uns die Kosmetik-Industrie einredet, hat schwerwiegende Folgen für unsere Gesundheit

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Der Sommer ist endgültig vorbei. Jetzt beginnen die düsteren Tage, frühe Dunkelheit, wenig Sonnenlicht. Der geeignete Zeitpunkt, um sich klarzumachen, dass wir Sonnenwesen sind, abhängig von UV-Strahlung und dass es für die nächsten Monate nicht sinnvoll ist, seine Haut gegen die Sonne abzuschirmen, außer Sie halten sich im Hochgebirge auf.

Eine Thematik, die mich schon länger beschäftigt, ist das Phänomen der UV-Phobie. Mir scheint dies ein ganz ähnliches Phänomen zu sein, wie die Onanie-Phobie, die über 150 Jahre die Medizin besessen hat, mit der These, dass Onanie langfristig zur Hirnerweichung etc. führt oder die spätere Cholesterin-Phobie, die der Margarine-Industrie einen Aufschwung ermöglicht hat, die Vorsorge-Manie, die trotz entgegenstehender Daten uns alle über Jahrzehnte "terrorisiert hat", während sich jetzt langsam herumspricht, dass sich die Lebenserwartung durch Brustkrebsscreening oder Prostata-Vorsorge nicht erhöht.

Im Falle der UV-Phobie scheint mir die Situation ganz ähnlich zu sein: Es gibt starke Interessensgruppen, die an der Aufrechterhaltung an der Phobie profitieren, darunter insbesondere die Kosmetik-Industrie, aber auch Hautärzte und es gibt eine äußerst unklare Datenlage, aber vor allem auch sich ein kritisches Urteil zu bilden aufgrund verfügbarer Informationen.

Zu den verfügbaren Informationen gehört, dass wir es in Ländern mit klimatischen Bedingungen wie in Deutschland mit einer starken Verbreitung von Osteoporose nicht nur in der älteren Bevölkerung zu tun haben. Dieses korrespondiert mit einem gravierenden Vitamin D-Mangel und es ist umstritten, dass das sogenannte Vitamin D (was ja eigentlich gar kein Vitamin ist) ganz überwiegend, die Daten besagen zu mehr als 80%, vom Körper selbst produziert wird. Allerdings nur unter dem Einfluss von UV-Exposition.

Mir hat eine Angestellte des Hipp-Konzerns mitgeteilt, dass es nicht möglich war, in Deutschland eine Vergleichsstudie zwischen Personen mit und solchen ohne Vitamin D-Mangel durchzuführen, weil die Vergleichsgruppe ohne Vitamin D-Mangel (ohne massive statistische Verzerrungen) nicht aufzutreiben war.

Dramatischer Vitamin D-Mangel

Meine Skepsis gegenüber der UV-Phobie hat im Wesentlichen zwei Quellen. Die erste ist eine evolutionsbiologische. Es ist auffällig, dass die Hautfarbe stark mit der durchschnittlichen UV-Exposition korreliert. Diese Korrelation ist allenfalls dadurch abgeschwächt, dass es in Europa aufgrund der Völkerwanderung immer wieder zu massiven Verschiebungen von Ethnien gekommen ist.

Der Hauttyp IV ist dennoch in Anrainerstaaten des Mittelmeers weit häufiger, als in Deutschland oder in England, Irland oder Schweden. Allein die Tatsache, dass in relativ kurzer Zeit von Rund 50.000 Jahren sich die schwarze Hautfarbe unserer Vorfahren jeweils an die geringere UV-Exposition angepasst hat, zeigt, wie wichtig UV-Licht für das körperliche Wohlergehen ist.

Mir selbst als jemand, der in diesem Bereich nicht forscht, ist der Zusammenhang nicht klar und auch nach Rücksprache mit Kollegen aus der empirischen Anthropologie nicht klarer geworden. Möglicherweise ist die Datenlage nicht eindeutig. Aus evolutionsbiologischer Sicht müsste die Wahrscheinlichkeit, eigene Nachkommen zu zeugen in irgendeiner Weise mit dem Vitamin D-Haushalt korrelieren.

Die relativen späten Wirkungen von Hautkrebs auf die Fortpflanzung erscheinen zunächst eine unplausible Größe zu sein. Wie auch immer sich das auch verhält, dunkle Hauttypen, insbesondere solche aus Afrika, also mit Hauttyp V oder VI, sind für unsere klimatischen Bedingungen nicht gut angepasst.

Sie weisen einen dramatischen Vitamin D-Mangel über das ganze Jahr hinweg auf und dieser kann nur teilweise über Vitamin D-Einnahme als Nahrungsergänzung ausgeglichen werden. UV-Licht bzw. zumindest diese eine Funktion (und darauf können wir uns im Augenblick beschränken; es gibt natürlich viele weitere), die Herstellung des körpereigenen Vitamin D zu ermöglichen, ist für das menschliche Wohlergehen wichtig.

Nun können wir davon ausgehen, dass unsere Vorfahren auch in unseren Breiten einen weit höheren Anteil ihrer Lebenszeit im Freien zugebracht haben als wir. Es ist also anzunehmen, dass sie ein Vielfaches der UV-Exposition hatten wie wir.

Sonne im Übermaß

Wenn wir einmal von der Generalthese ausgehen, dass unsere physiologischen Bedingungen an die Lebensformen unserer Vorfahren mehr oder weniger gut angepasst waren, so ist es höchst unplausibel, anzunehmen, dass eine weitere Verringerung der UV-Exposition über das durch das Leben in ohnehin geschlossenen Räumen erfolgte Maß hinaus, gesund sein kann.

Mehr zum Thema: Vitamin D3 - ein lebensnotwendiges Vitamin

Um dazu eine einfache Rechnung aufzumachen: Angenommen, wir befinden uns heute nur ein Viertel der Zeit im Freien wie unsere Vorfahren und durch die Anwendung von Cremes mit Sonnenschutzfaktor von durchschnittlich 10 (üblicherweise sind diese Sonnenschutzfaktoren weit höher, aber wir wollen hier konservativ kalkulieren), dann ist die durchschnittliche UV-Exposition eines modernen Deutschen in der Größenordnung von 2% desjenigen unserer Vorfahren. Gesund kann das nicht sein.

Nun gibt es zweifellos hinreichend viele Daten, die einen Zusammenhang zwischen starker UV-Exposition und Hautkrebs nachweisen, allerdings nur für Kinder und Jugendliche. Für Erwachsene ist dies meines Wissens nicht belegt. Wie passen diese beiden Daten zusammen?

Wenn man noch Informationen hinzunimmt, dass z.B. Nordrussen weit häufiger unter Hautkrebs leiden als Südrussen oder Norditaliener als Süditaliener oder Matrosen, die unter Deck arbeiten, als solche die auf Deck arbeiten, dann liegt folgender Zusammenhang nahe: Der Hautkrebs wird nicht durch UV-Exposition als solcher ausgelöst, sondern durch Sonnenbrand.

Diejenigen, die selten sich im Freien aufhalten und selten UV-Licht ausgesetzt sind, neigen dazu, wenn sie einmal in der Sonne sind, diese im Übermaß zu genießen und sich entsprechend einen Sonnenbrand zuzuziehen. Die krebsroten Gestalten aus nördlichen Gefilden Europas in den Sommerwochen am Mittelmeer sind auch heute noch zu beobachten. Dies ist es, was vermutlich den irreführenden Zusammenhang zwischen UV-Exposition und Hautkrebs stiftet.

Sonnenbrand und Hautkrebsgefahr

Nehmen wir eine Person, die in Sizilien lebt, das ganze Jahr über einen Gutteil ihrer Zeit im Freien zubringt, z.B. einen Fischer. Dieser kommt vom Fischfang in der Früh vom Meer zurück, der doppelten UV-Belastung durch direkte Sonneneinstrahlung und reflektierter Strahlung von Wasser ausgesetzt, ordnet dann seinen Fang und beschäftigt sich dann einige Stunden mit dem Reparieren von Netzen (ein zugegeben etwas überholtes Bild).

Am späteren Vormittag zieht er sich in den Schatten zurück, diese Morgenstunden reichen aber aus, um ihm eine tiefere Bräunung über das ganze Jahr, selbst in den Wintermonaten, zu sichern. Dieser Fischer hat nie einen Sonnenbrand. Seine Hautbräunung variiert über das Jahr und erreicht im Frühsommer einen Höhepunkt.

Die Falten mögen dadurch tiefer sein, als bei seinem Zwillingsbruder, der in einem Mailänder Supermarkt arbeitet, aber ich bin ziemlich sicher, dass seine Wahrscheinlichkeit, Hautkrebs auszubilden, nicht höher, vermutlich sogar niedriger ist, als die seines Zwillingsbruders.

Dieser gönnt sich vier Wochen Urlaub im Jahr, zieht sich in den ersten Tagen den unvermeidlichen Sonnenbrand zu, die Haut schält sich einmal, die dann offengelegte noch jungfräuliche Haut rötet ein zweites Mal, erst gegen Ende der Urlaubszeit entwickelt er eine gesunde und stabile Bräunung, die ihn vor weiteren Hautrötungen bewahrt. Die gesamte UV-Exposition des Mailänder ist vielleicht 1/10 von dem seines noch fischenden Bruders in Sizilien.

Diese behauptete Korrelation zwischen Sonnenbrand und Hautkrebsgefahr ließe sich leicht unterscheiden von dem behaupteten Zusammenhang von UV-Exposition insgesamt und Hautkrebsgefahr. Ich kann nicht sagen, ob entsprechende Studien vorliegen.

Die UV-Propaganda ist hochgefährlich

In diesem Zusammenhang muss ich noch eine Anekdote erzählen: Vor vielen Jahren hatte ich eine Freundin, der war von ihrem Arzt eine Sonnenallergie bescheinigt worden, mit der Folge, dass sie nicht mehr Urlaub am geliebten Mittelmeer machen konnte. Ich wollte mich nicht so leicht in unser Schicksal fügen und schlug ihr vor, dennoch nach Süditalien zu fahren, allerdings sollte sie sich so viel wie möglich im Schatten aufhalten.

Die Cremes mit Sonnenschutzfaktor 50+ wurden verbannt, stattdessen im Wasser ein Meeres-T-Shirt getragen und abgesehen von frühen Morgen und späten Nachmittag hielt sie sich, ein eher dunkler Hauttyp, im Schatten auf. Die Folge war, ihre Haut bräunte dennoch in den ersten Tagen und wir verkürzten kontinuierlich den Aufenthalt im Schatten.

Nach drei Wochen kam sie erholt, ohne Sonnenbrand und mit geheilter Sonnenallergie aus Süditalien zurück. Mein laienhafter Befund: Sie hatte keine Sonnenallergie, sondern eine Überempfindlichkeit der Haut (Dermographie) und eine vermutlich damit zusammenhängende Sonnencremeallergie. Mein Vertrauen in die Urteilskraft der Ärzte ist durch diese Anekdote nicht wesentlich gewachsen.

Kurz: Ich denke, dass die gegenwärtige UV-Propaganda nicht nur ungerechtfertigt, sondern sogar hochgefährlich ist. Sie wird das Problem der Osteopathie und damit der Knochenbrüche im Alter oft genug (Oberschenkelhals) mit tödlichen oder zumindest mit Lebenszeit verkürzenden Folgen, verschärfen.

Einbußen für die Kosmetikindustrie

Der ohnehin verbreitete Vitamin D-Mangel mit allen Folgen für Knochen, Haare, Nägel und weitere Körperfunktionen wird weiter zunehmen. Es ist in meinen Augen schlicht unverantwortlich, in einem Land wie dem deutschen, das zwischen Oktober und März nur selten von Sonne gesegnet ist, Pflege, speziell Gesichtscremes mit Sonnenschutzfaktoren anzupreisen.

Im Gegenteil: Die Bevölkerung, insbesondere die Ältere, sollte angehalten werden, im späten Herbst und im Winter sich so viel wie möglich im Freien aufzuhalten und jeden Sonnenstrahl zu nutzen (das gilt natürlich nicht für Skiurlaube im Hochgebirge).

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Im Laufe des Frühlings und Sommers jedoch sollten die Mittagsstunden bei Sonnenlicht im Schatten verbracht werden. Langsame Gewöhnung, im Winter möglichst viel UV-Licht erhaschen, im Sommer die Haut an das UV-Licht kontinuierlich gewöhnen und in den heißen Stunden und an den heißen Tagen möglichst viel im Schatten aufhalten.

Diese Empfehlung würde der Kosmetikindustrie empfindliche Einbußen bescheren und von daher ist von dieser Seite auch massiver Widerstand zu erwarten. Manche Experten in den Apotheken und Arztpraxen kämen sich blamiert vor, aber der Vorteil ist, dieser Vorschlag würde der Volksgesundheit dienen.

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