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Was uns die Kosmetik-Industrie einredet, hat schwerwiegende Folgen für unsere Gesundheit

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Der Sommer ist endgültig vorbei. Jetzt beginnen die düsteren Tage, frühe Dunkelheit, wenig Sonnenlicht. Der geeignete Zeitpunkt, um sich klarzumachen, dass wir Sonnenwesen sind, abhängig von UV-Strahlung und dass es für die nächsten Monate nicht sinnvoll ist seine Haut gegen die Sonne abzuschirmen, außer Sie halten sich im Hochgebirge auf.

Rund 150 Jahre lang haben nicht nur Priester, sondern auch Mediziner und besorgte Eltern behauptet, Onanie führe zu Hirnerweichung und anderen Gesundheitsschäden. Das ist noch nicht lange her.

Heute empfiehlt mir eine Apothekerin, auch im Winter Tagescremes mit einem Lichtschutzfaktor von 15 und mehr zu verwenden und, befragt warum, sagt sie, dass das UV-Licht auch in geringer Dosis die Haut beschädige und zu Hautkrebs führen könne.

Unsere Haut ist von Natur aus widerstandsfähig

Gegen die Onanie-Hysterie im 19.Jahrhundert, sprach, dass es doch reichlich unplausibel ist, anzunehmen, dass ein derart natürlicher Vorgang wie sexuelle Erregung und Samenerguss, größere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen würde.

Gegen die aktuelle UV-Hysterie spricht, dass es reichlich unplausibel ist, anzunehmen, dass sich unsere Haut nicht über zigtausende von Jahren an die natürlichen Umweltbedingungen angepasst hat.

So wie vor hundert Jahren im Falle der Onanie-Hysterie sind es aber gewichtige, auch wissenschaftliche Stimmen, die die UV-Hysterie stützen. Und schließlich gibt es zahlreiche Fälle, in denen sich das, was man als gesunden Menschenverstand bezeichnet, als irrtümlich erwiesen hat.

Also muss man seine Urteilskraft schärfen. Tragen wir ein paar unbestrittene Fakten zusammen:

Mehr zum Thema: Vitamin D3 - ein lebensnotwendiges Vitamin

1. Erst seit ein paar Zehntausend Jahren leben unsere Vorfahren außerhalb Afrikas. Wir dürfen annehmen, dass die damaligen Auswanderer aus Ostafrika, von denen wir abstammen, dunkler Hautfarbe waren.

Wie kommt es aber, dass ihre heutigen Nachfahren in unterschiedlichen Schattierungen hellhäutig geworden sind? Die einzig plausible Erklärung dafür ist, dass es einen deutlichen Nachteil ausmachte, in Gefilden mit geringerer UV-Einstrahlung dunkelhäutig zu sein.

Tatsächlich leiden dunkelhäutige Menschen in nördlichen Gefilden weit häufiger unter Vitamin D-Mangel, als hellhäutige.

Die plausibelste Interpretation des Phänomens, dass sich innerhalb weniger Jahrzehntausende die Haut der afrikanischen Auswanderer aufhellte ist, dass nur so ein gesundheitsschädlicher (und die Anzahl der Nachkommen beeinflussender) Nachteil kompensiert werden konnte.

2. Auffällig ist, dass die Hautschattierungen der über viele Jahrtausende einheimischen Bevölkerung mit der Sonneneinstrahlung der jeweiligen Region über das Jahr korrespondieren: Im Norden sind hellere Hauttypen häufiger anzutreffen als im Süden.

Dieses Phänomen ist ganz offensichtlich, obwohl die zahlreichen Wanderungsbewegungen der Völker in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden den Anpassungsprozess der genetischen Ausstattung, bezogen auf den Hauttyp, in einer massiven Weise überlagert haben.

Der prozentuale Anteil Hellhäutiger in den skandinavischen Ländern ist weit höher als in Südspanien, Sizilien, in Griechenland. Dies deutet darauf hin, dass die Anpassungsprozesse auf einem höchst sensiblen Zusammenhang zwischen Sonneneinstrahlung und Gesundheitszustand beruhen.

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Mit anderen Worten: Die menschliche Haut scheint sich in der Generationenfolge relativ rasch so einzustellen, dass sie die UV-Einstrahlung optimal nutzen kann.

3. Durch die modernen Migrationen wird dieser Anpassungsprozess zum Teil konterkariert.

Das offensichtlichste Beispiel stellt gegenwärtig möglicherweise Australien dar, ein Land mit einer sehr hohen Sonneneinstrahlung übers Jahr, dessen autochthone Bevölkerung entsprechend dunkelhäutig ist, dessen heutige Bevölkerung aber überwiegend keltischen, zumindest „kaukasischen“ Ursprungs ist, also aus Regionen stammt, in denen die Sonneneinstrahlung selbst im Sommer vergleichsweise schwach ist.

Gerade dort ist Hautkrebs weit verbreitet. Die Ermahnung, sich beständig zu schützen, vorausgesetzt, man gehört zu diesem keltischen oder zumindest kaukasischen Hauttyp, ist dort zweifellos vernünftig, zumal die schützende Ozonschicht gerade über Teilen Australiens massiv ausgedünnt ist.

4. Die Hautkrebsrate, der Prozentsatz derjenigen, die von Hautkrebs betroffen sind, korreliert aber im Übrigen nur auffällig schwach mit der UV-Exposition.

Hautkrebs ist unter Italienern nicht häufiger als unter Deutschen und Berufe mit einer starken Sonnenexposition, wie zum Beispiel die Matrosen der Schwarzmeer-Flotte Russlands oder sizilianische Fischer und Bauern weisen kein erhöhtes Hautkrebsrisiko auf.

Zumindest bei letzterer Gruppe kann man annehmen, dass sie sich selten oder nie schützt, indem sie bei ihrer Arbeit Sonnenschirme, Sonnenhüte, Tagescremes oder Sonnencremes mit hohen Lichtschutzfaktoren nutzt.

5. Wir verbringen heute unser Leben ganz überwiegend in geschlossenen Räumen. Selbst wenn in diese von außen Licht durch die Fenster eindringt, sind wir in ihnen der UV-Bestrahlung nicht ausgesetzt (entgegen einem weit verbreiteten Irrglauben genügt Fensterglas, um das UV-Licht auf ein Minimum zu reduzieren).

Allein durch diese Tatsache reduzieren wir die UV-Exposition im Laufe eines Jahres um vermutlich mehr als 90 Prozent.

Wenn wir zudem Tagescremes mit einem Lichtschutzfaktor von 10 verwenden, reduzieren wir die verbliebene UV-Exposition um weitere 90 Prozent. Es bleibt dann gegenüber der natürlichen UV-Exposition in unseren Breiten ein Rest von einem Prozent. Das kann nicht gesund sein.

Starker Vitamin D-Mangel als Volkskrankheit

In der Tat leiden fast alle Menschen in unseren Breiten unter einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Vitamin D-Mangel, wenn sie nicht durch künstliche Vitamin D-Zufuhr oder sonnendurchtränkte Urlaube in den Wintermonaten gegensteuern.

Die Vitamin D-Speicherung in den Sommerwochen reicht in der Regel nicht aus, um dieses Defizit im Jahresmittel auszugleichen.

Kurz: Plausible Gründe sprechen für die Annahme, dass wir in unseren Breiten nicht unter einem Übermaß an Sonnenlicht leiden, sondern im Gegenteil allen Grund haben, anzunehmen, dass wir deutlich mehr Sonnenlicht brauchen als es unter den Bedingungen dieser Breitengrade und der zivilisatorischen Lebensform üblich ist.

Osteoporose, besonders bei schlanken Frauen höheren Alters, ist in unseren Breiten zu einer Volkskrankheit geworden. Eine Studie zu den Auswirkungen Vitamin D-haltiger Ernährung in Deutschland musste abgebrochen werden, weil sich keine Vergleichsgruppe ohne Vitamin D-Mangel fand.

Zahlreiche gesundheitliche Beeinträchtigungen, besonders in den Wintermonaten, gehen ganz offensichtlich auf Vitamin D-Mangel zurück.

Die übliche Beschwichtigung von Ärzten und Apothekern, zehn oder zwanzig Minuten intensiver Sonneneinstrahlung auf die Unterarme und das Gesicht reichten völlig aus, um den Vitamin D-Bedarf zu decken, gehen an der Klima- und Lebensrealität in Deutschland vorbei.

Diese zehn bis zwanzig Minuten Sonnenbad stehen uns in den langen Herbst- und Wintermonaten nicht zur Verfügung und selbst im Sommer sind diese rar.

Auch der Hinweis, man müsse ja nur entsprechend seine Ernährung auf Vitamin D-haltige Speisen ausrichten, geht an der Sache vorbei. Die notwendigen Mengen, die erforderlich sind, um die körpereigene Bildung von Vitamin D unter UV-Einwirkung auszugleichen, sind unzumutbar.

Bisher musste man teilweise entlegene wissenschaftliche Artikel konsultieren, um der geballten, als medizinische Expertise getarnten UV-Hysterie entgegenzutreten.

Unterdessen liegt ein gut lesbares, übersichtlich gegliedertes und prägnantes Buch vor, das einem solche Anstrengungen erspart: Ein Mediziner hat sich die Mühe gemacht, den Dschungel der Statistiken zu durchforsten und lesbar zu präsentieren: Eberhard J. Wormer, „Vitamin D“, kürzlich bei Kopp erschienen.

Demnach leiden zwei Drittel der Menschheit heute unter einem Vitamin D-Defizit, in Deutschland ist es besonders ausgeprägt. Besonders erschütternd ist, in welcher Weise der Vitamin D-Mangel offenkundig die Neigung, an Krebs zu erkranken, erhöht.

Die Befunde sind derart eindeutig, dass die von medizinischer Expertise befeuerte UV-Phobie als Skandal bezeichnet werden muss.

Ich hoffe, dass Wormer irrt, wenn er meint, dass es letztlich die Angst vor einem Zusammenbruch diverser Geschäftsmodelle sei, die die UV-Phobie befeuert: „Ärzte und Kliniken hätten weniger zu tun, teure Operationen wären seltener nötig, die Pharmaindustrie würde weniger Medikamente, die Kosmetikbranche weniger Sonnenschutzmittel verkaufen und weniger Menschen müssten ihren Lebensabend in Heimen verbringen.“

Kein Wunder, dass Gesundheitssysteme dieses „Schreckensszenario“ fürchten, meint der Autor. Wer nach der Lektüre geneigt sein sollte, die medizinisch induzierte UV-Hysterie abzulegen, wird sich vermutlich die bange Frage stellen, ob er damit nicht ein erhöhtes Hautkrebs-Risiko eingehe.

Da diese Sorge in dem genannten Buch nicht entkräftet wird, mache ich dazu zum Schluss einige Anmerkungen:

1. Viel spricht dafür, dass es nicht die Summe (genauer das zeitliche Integral) der UV-Exposition im Laufe eines Jahres ist, die das Hautkrebs-Risiko steigen lässt, sondern die Schädigung der Haut durch Sonneneinstrahlung, die sich besonders deutlich im Falle eines mehr oder weniger starken Sonnenbrandes, aber auch schon bei Hautrötungen bemerkbar macht, die das Risiko der Entstehung von Hautkrebs erhöht.

Der beliebte winterliche Urlaub in tropischen Regionen birgt insofern in der Tat ein hohes Risiko. Viel vernünftiger ist es, die Haut langsam an die Sonneneinstrahlung zu gewöhnen, wie das im Jahresverlauf bei heutigem Aufenthalt im Freien von ganz alleine erfolgt.

2. Jeder Hauttyp ist gewissermaßen von Natur in bestimmten Regionen heimisch. Das Verlassen dieser Regionen bringt Risiken mit sich. Dunkelhäutige Afrikaner, die in Nordeuropa leben, müssen mit einem deutlichen Vitamin D-Mangel rechnen, ebenso keltische Hauttypen, etwa aus Irland, die in Australien leben, ihre Haut – ungeschützt – einem hohen Krebsrisiko aussetzen.

3. Lichtschutzfaktoren sind definiert durch die Verlängerung der Zeit bis zur ersten Hautrötung. Ein Lichtschutzfaktor von 15 bedeutet also nichts anderes, als dass die Haut 15- mal so lange derselben UV-belastung ausgesetzt werden kann, bevor die Rötung beginnt.

Das heißt aber, dass die Reduktion der Strahlung, die die Haut erreicht, durch die entsprechende Creme in diesem Fall auf rund sieben Prozent reduziert ist, das heißt, dass 93 Prozent der Strahlung abgehalten werden.

Physikalisch Informierte wissen allerdings, dass diese Reduktion nicht gleichmäßig über das ganze Frequenzspektrum elektromagnetischer Strahlung erfolgt, sondern je nach Frequenz unterschiedlich ausfällt.

Die Hautkrebsraten steigen weiter

Ein großer Teil der elektromagnetischen Strahlung wird durch Cremes mit Lichtschutzfaktoren überhaupt nicht reduziert. Damit mag das merkwürdige Phänomen zusammenhängen, dass nun seit einigen Jahrzehnten UV-Hysterie die Hautkrebsraten weiter steigen.

Selbst wenn man den zeitlichen Verzögerungseffekt einrechnet, mag dies ein Hinweis darauf sein, dass der erhöhte Schutz zu unvernünftigerem Verhalten führt, das heißt, Personen halten sich stundenlang in der Sonne auf, weil sie glauben, geschützt zu sein, während sie entweder nur teilweise geschützt sind, da sie sich nicht durchgängig gleichmäßig stark eingecremt haben, oder auch – schlimmer – weil der vermeintliche Schutz nur partiell wirkt.

Ich ziehe jedenfalls Schatten gegenüber Lichtschutzfaktoren vor. Kurz: Es empfiehlt sich, sich dem Einfluss des dermatologisch-kosmetisch-industriellen Komplexes zu entziehen, auf eigene Urteilskraft zu vertrauen und der Empfehlung der griechischen Stoiker zu folgen: homologoumenos zèn, im Einklang mit den natürlichen Bedingungen zu leben.

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