Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin Headshot

Warum der Akademisierungswahn ein Ende haben muss

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STUDIUM
dpa
Drucken

Aus der Sicht der USA oder Großbritanniens gibt es in Deutschland ein paar schwer verständliche Merkwürdigkeiten. Stadtsparkassen, erlaubter (öffentlicher) Bierkonsum ab 16, Sex ab 14 und das duale System gehören dazu.

Das duale System ist der Kern der beruflichen Bildung in Deutschland. Es existiert auch in Österreich, Schweiz und Dänemark, in Rudimenten auch in Italien. Wer internationale Statistiken lesen kann, weiß, dass dieses System beruflicher Bildung für niedrige Jugendarbeitslosigkeit und eine hohe Produktivität in Handwerk und Technik sorgt.

Bis 2006 führte die Lehre die große Mehrheit eines Jahrgangs in den Beruf. Dann gab Deutschland zunehmend dem internationalen Druck, ausgeübt vor allem von Seiten der OECD, aber auch der EU, nach und nahm sich die hohen Akademisierungsquoten der USA oder Großbritanniens zum Vorbild.

Innerhalb von sechs Jahren schnellte daraufhin er Prozentsatz der Studienanfänger pro Jahrgang um 60 % nach oben. Das, vor dem ich zur großen Verwunderung mancher schon 2010 öffentlich gewarnt hatte, trat ein: ein zunehmender Mangel an Nachwuchs in den Ausbildungsberufen. Unterdessen sehen sich manche Branchen durch diesen Nachwuchsmangel in ihrer Existenz bedroht.

Universitäten in Deutschland durchgängig wissenschaftsorientiert

Die Nachahmung vermeintlicher internationaler Vorbilder führte zu einer massiven Fehlsteuerung. Während rund 80 % aller Studierenden in den USA an Colleges lernen, an denen es keine Forschung gibt, sind die Universitäten in Deutschland, auch in Österreich, in der Schweiz, Italien, Spanien durchgängig wissenschaftsorientiert.

Ihr Personal hat sich über wissenschaftliche Leistungen qualifiziert und kommt in den meisten Fakultäten nicht aus der beruflichen Praxis. Die im Bologna Prozess angestrebte Umstellung auf überwiegend berufsorientierte Studiengänge musste in den Geistes- und Naturwissenschaften schon am Fehlen des geeigneten Personals scheitern.

Zudem ist das zweistufige Studium zunächst praxisorientiert und berufsvorbereitend in drei Jahren, dann wissenschaftsorientiert in zwei Jahren mit den natur- und geisteswissenschaftlichen Fächerkulturen Mitteleuropas unvereinbar.

Es macht die besondere Qualität der Geistes- und Naturwissenschaften aus, dass die Studierenden über vier oder fünf, in der Praxis meist sechs Jahre ein durchgängiges Studium absolvieren, das in der Regel mit der Erarbeitung der theoretischen Grundlagen beginnt, in den Natur-und Ingenieurwissenschaften mit einem hohen Anteil an Mathematik, und erst in den letzten Semestern einen stärkeren Anwendungsbezug aufweist.

Unternehmen mit den BA-Absolventen zunehmend unzufrieden

Ein Studium dieses Typs vermittelt die Kompetenz des kritischen Selbstdenkens und Problemlösens, die sich nicht nur für den wissenschaftlichen Nachwuchs, sondern auch für verantwortliche Aufgaben außerhalb der Wissenschaft bewährt.

Die Trennung in berufs- und wissenschaftsorientierte Studiengänge legt die Axt an dieses Erfolgsmodell der Hochschulbildung und wurde glücklicherweise in den Natur- und Geisteswissenschaften an den Universitäten nicht wirklich vollzogen.

Die Bachelorabschlüsse an den Universitäten - anders als an den Fachhochschulen - konnten sich dementsprechend auf dem Arbeitsmarkt nur unzureichend durchsetzen. Auch für die höhere Beamtenlaufbahn reicht ein BA-Studium nicht aus. Die deutsche Industrie- und Handelskammern haben festgestellt, dass die Unternehmen mit den BA-Absolventen zunehmend unzufrieden sind.

Das wichtigste Indiz für eine Fehlsteuerung ist jedoch, dass trotz einer Absenkung der Standards an den Universitäten, der Modularisierung und Verschulung, die Abbrecherquoten deutlich angestiegen sind.

Wenn man die Abbrecherquoten pro Fach zugrunde legt, ergeben sich teilweise extrem hohe Zahlen, aber selbst die Zahl der endgültigen Studienabbrecher bewegt sich unterdessen bei einem Drittel.

In Geistes- und Naturwissenschaften wird kein Praxisbezug geboten

Erfahrene Hochschullehrer wissen, dass der Anteil der Studierenden deutlich gestiegen ist, die sich mit der Lektüre wissenschaftlicher Texte schwer tun und das Abstraktionsvermögen nicht haben, das erforderlich ist, um die Grundlagen der jeweiligen Disziplin zu verstehen.

Bei Studienanfängerquoten von fast 60% ist auch nicht zu erwarten, dass die meisten ein wissenschaftliches Interesse antreibt. Verständlicherweise will ein wachsender Prozentsatz eine gediegene Berufsvorbereitung erhalten, die aber in den Geistes- und Naturwissenschaften mangels unmittelbarem Praxisbezug nicht geleistet werden kann.

Manche Bildungsexperten empfehlen Deutschland am Vorbild Großbritanniens zu orientieren: Eine zwölfjährige Schule für alle, einige wenige Eliteuniversitäten, Aufbau eines Bildungsmarktes.

Der Vergleich ist interessant: Obwohl die Gesamtarbeitslosigkeit in Großbritanniens nicht höher ist als in Deutschland und es sich um eine dynamische Volkswirtschaft handelt (jedenfalls bis zum Brexit), ist die Jugendarbeitslosigkeit mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.

Mittelschicht überwiegend aus Nichtakademikern zusammengesetzt

Selbst das skandinavische Musterland Schweden mit hohen Bildungsausgaben und einer hohen Akademisierungsquote hat eine rund drei mal so hohe Jugendarbeitslosigkeit wie Deutschland. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Hochschulbildung als Paradeweg in den Beruf nicht funktioniert.

Länder mit einer hohen Akademisierungsquote tendieren zu einem zweigeteilten Arbeitsmarkt: die einen, ohne College-Abschluss, jobben und die anderen, mit College-Abschuss, haben im günstigen Fall einen Beruf.

Die einen sind vom ökonomischen Fortschritt abgekoppelt, in den USA haben die Arbeitnehmer ohne College-Abschluss seit den 70er Jahren keine Reallohnsteigerung mehr erfahren, und die anderen haben wenigsten die Chance, am Fortschritt teilzunehmen.

In Deutschland, aber auch in Österreich und erst recht in der Schweiz, ist die Mittelschicht dagegen überwiegend aus Nichtakademikern zusammengesetzt. Dies trägt zur sozialen und politischen Stabilität bei. Was tun? Interessanterweise ist der rasante Zuwachs der Studierendenzahlen seit 2013 in Deutschland gestoppt.

Kultur gleicher Anerkennung

Die Selbstkorrektur des Systems über Abbrecherquoten, die Erwartung der Studierenden, eine anspruchsvolles Studium absolvieren zu können, aber vor allem die wachsende Anerkennung gegenüber nicht-akademischen Qualifikationen und Berufen lässt hoffen, dass der große Vorteil des deutschen Bildungssystems nicht verloren geht: Eine berufliche Bildung, die eine praxisnahe Ausbildung im Betrieb mit einem begleitenden Besuch der Berufsschule verbindet, sowie ein wissenschaftsorientiertes Studium, das für Aufgaben innerhalb und außerhalb der Wissenschaft qualifiziert.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Um eine neue Balance zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu erreichen, müssen sich die Weiterbildenden Schulen breiter aufstellen, ihren Bildungsbegriff ergänzen: handwerkliche und technische, soziale und ethische, aber auch ästhetische und gestalterische Kompetenzen sind von gleicher Bedeutung wie kognitive und wissenschaftliche.

Wir sollten eine Kultur gleicher Anerkennung praktizieren, in der die unterschiedlichen Begabungen, Fähigkeiten und Interessen gleichermaßen gefördert werden, in der die Goldschmiedemeisterin nicht weniger zählt als der Masterabsolvent.

Dies muss sich zunehmend auch in den Vergütungssystemen niederschlagen. Das duale System der beruflichen Bildung sollte nicht zum Ladenhüter verkommen, sondern zum Exportschlager werden.

Über den Autor: Julian Nida-Rümelin gehört neben Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk zu den renommiertesten Philosophen in Deutschland. Er lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Bildungsfragen befasst und dazu drei Bücher publiziert: Philosophie einer humanern Bildung (2013), Der Akademisierungswahn: Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung" sowie das Gesprächsbuch zusammen mit dem Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer erschienenes Buch Auf dem Weg in eine deutsche Bildungskatastrophe - Zwölf unangenehme Wahrheiten (2015). Zuletzt erschienen ist sein Buch Humanistische Reflexionen (2016).
Für fünf Jahre (1998-2002) wechselte JNR in die Kulturpolitik, zunächst als Kulturreferent der Landeshauptstadt München und dann als Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.