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Bits and Pretzels: Zusammenarbeit von Corporate und Startups birgt Chancen

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Kaum eine Woche vergeht, dass nicht ein Corporate (etabliertes Unternehmen) in Deutschland einen Inkubator beziehungsweise Akzelerator gründet (wie zuletzt Media-Saturn), eine strategische Partnerschaft mit einem Startup eingeht oder ein Innovation Lab aufbaut, um näher an die Startup-Welt zu rücken und von ihr zu lernen.

Deutsche Vorstände reisen ins Silicon Valley oder besuchen stylische Co-Working Spaces in Berlin, um Startup-Luft zu schnuppern, den Gründergeist aufzusaugen und mit spannenden Menschen und Zukunftsideen direkt in Berührung zu kommen. Man könnte annehmen, das Verhältnis zwischen Corporates und Startups ist wie ein ewiger Honeymoon. Das ist die eine Seite.

Oder - und das könnte die andere Wahrheit sein - ist die Zusammenarbeit zwischen Corporates und Startups doch eher kurzfristiger Natur, so ähnlich wie bei einem Tinder-Date? Sind wir denn nicht gerade in einer Phase, wo Startups und Corporates sich eher wie bei Tinder verhalten? Screening, Dating und dann doch zum Venture Capitalist (VC) gehen.

Nachhaltige Success Stories von Corporate Startup Partnerschaften brauchen langen Atem auf beiden Seiten und sind bisher nur selten zu finden (positive Ausnahme zum Beispiel die Kooperationen der Deutschen Telekom mit Evernote oder Spotify).

Das macht Startups und Corporates stark

Dabei gibt es eine ganze Reihe von guten Gründen für die Attraktivität einer Zusammenarbeit von beiden Seiten. Startups bringen innovative Ideen, Entrepreneur-Spirit und eine klare Kundenorientierung mit scharfem USP (Unique Selling Point).

Darüber hinaus zeichnet Startups häufig eine pragmatische Kultur des Ausprobierens und Scheiterns, Wiederaufstehens, Lernens und Verbesserns aus („start small, fail fast, learn faster"). Diese Eigenschaften fehlen in der Regel bei etablierten Unternehmen beziehungsweise sind höchstens rudimentär vorhanden.

Im Gegensatz dazu verfügen Corporates über eine Qualität, die Startups per Definition nicht haben können: Erfahrung und eine Geschichte. Sie haben gelernt, sich in herausforderndem Marktumfeld nachhaltig zu beweisen und gegen starke Wettbewerber zu bestehen. Diesen Beweis müssen Startups noch erbringen.

Darüber hinaus besitzen etablierte Unternehmen dank ihrer Markenstärke mit entsprechendem treuen Kundenstamm und der durch eine bestimmte Größe einfacher zu erzielenden Skalen- und Lerneffekte in der Regel signifikante Finanz- und Investmentmittel (um die Startups zumindest in der Startphase täglich suchen, pitchen und ringen müssen).

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt, der Corporates auszeichnet: Prozesse, Disziplin und eine stringente Execution-Fähigkeit. Gerade Letzteres ist insbesondere für Internet-Startups, wo die kreativen Tüftler gelegentlich in der Mehrheit sind, eine echte Herausforderung, um dann auch spezifische Themen schnell um zusetzen und „on time" und „on budget" zu realisieren.

Diese Beispiele zeigen, dass beide Welten sich eigentlich ideal komplementär ergänzen müssten.

Darum arbeiten beide Seiten trotzdem nur selten zusammen

Klingt einfach, ist es aber nicht. Und dafür gibt es einige Argumente. Mittlerweile haben sich einige Startups aufgeschwungen, in fast allen Branchen den Konzern-Schwergewichten Konkurrenz zu machen. Man denke an Airbnb im Tourismusgewerbe, Tesla im E-Mobility-Segment oder Paypal im Markt für elektronische Zahlungssysteme, und diese Beispiele können für fast alle Branchen fortgeführt werden.

Eine Kooperation mit einem Startup kann also auch dazu führen, sich die eigene Konkurrenz hochzuzüchten. Darüber hinaus tobt ein wahrer Kampf um die wenigen (digitalen) Talente und High Potentials.

Während früher etablierte Unternehmen hierbei im Wettbewerb zu den großen Managementberatungen und Investmentbanken standen, heuert die junge Elite heutzutage eher in einem Startup an oder wird selbst zum Gründer. Also auch im Bereich der Nachwuchsfindung stehen sich etablierte Welt und Startup Welt in Konkurrenz gegenüber.

Dazu kommt, dass insbesondere bei den etablierten Inkubatoren/Akzeleratoren und anderen Startup-Programmen das Top-Management (insbesondere in Form des CFO) genauer auf die konkreten Ergebnisse schaut und im Zweifel den Rotstift anlegt, um dann doch eher die klassischen internen Projekte zu fördern.

Schließlich existieren auch immer noch eine Reihe elementarer Kulturunterschiede (vom ausschließlichen „Du" über alle Hierarchieebenen in der Startup-Szene bis hin zu Arbeitsplatzumgebung, Arbeitszeiten und Meeting-Gepflogenheiten etc.) sowie operative Herausforderungen im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Groß und Klein.

Zum Beispiel unter anderem unterschiedliche Planungshorizonte, das heißt beim Startup: Überleben der nächsten drei Monate; Corporate: drei- bis fünfjährige Budgetzyklen. Es gibt durchaus noch einige große Hürden zu überwinden, um die Zusammenarbeit in der Breite zu intensivieren.

Was wäre möglich und wo kann es funktionieren?

Primär bieten sich die Bereiche Strategie, Prozesse und Kultur an. Ideal kombinieren lässt sich zum Beispiel im strategischen Kontext die Corporate-Erfahrung und das tiefe Verständnis des aktuellen Geschäftsmodells mit dem disruptiven und entrepreneurialen Startup-Spirit für die Generierung neuer Innovationen.

Auf prozessualer Ebene kann beispielsweise das Corporate einen Teil seines Kundenstamms einem Startup für schnelles Prototyping zum Testen von neuen Produkten und Services zur Verfügung stellen, sodass beide Seiten voneinander profitieren.

Das Corporate erhält neuen Input in Bezug auf pragmatische Markttest-Methoden und das Startup konkretes Feedback zur Akzeptanz seiner Produkte beziehungsweise Services.

Schließlich kann es sinnvoll sein, auf kultureller Ebene neue Wege der Zusammenarbeit, Technologien und Tools sowie neue Ansätze des Work-Life-Styles von der Startup-Welt in das Corporate Umfeld einzubringen, um dort ein positives Klima für Innovation und Transformation zu schaffen.

Was können konkrete Erfolgs-Hebel sein?

Fundamental für den Erfolg eines Startup-Programms beziehungsweise einer Partnerschaft zwischen Corporates und Startups ist ein ehrliches Top-Management-Committment.

Auch bei der Besetzung der zentralen (Leitungs-)Positionen eines Inkubators/Akzelerators oder anderen Programms mit ähnlicher Stoßrichtung sollten hier primär ehemalige Gründer oder Personen mit substanzieller Startup-Erfahrung berücksichtigt werden.

Dies hilft einerseits, bei der Akquise von Teams in der Startup-Szene entsprechend glaubwürdig zu sein und um andererseits das Programm an sich „startuplike" zu managen.

Ein weiterer zentraler Hebel ist das Angebot von Integrations-Ressourcen sowie der Zugang zu internen Spezialisten. Nichts killt eine Kooperation eher als eine unzureichende Ressourcenausstattung in Bezug auf Zeit und Budget. Hier ist ein ambitionierter Spagat zu bewältigen, da die Top-Leute in Corporates in der Regel immer eine volle Agenda zum Management des Tagesgeschäfts haben.

Es kann aber nicht anders funktionieren, als zugunsten von neuen Ideen durch die Zusammenarbeit mit Startups Themen und Ressourcen zu priorisieren, um den Transfer in die internen Business Units zu garantieren. Dedizierte Integrationsteams mit entsprechenden Projektmanagement-Skills können hier als Brückenbauer fungieren.

Darüber hinaus ist ein weiterer Aspekt fundamental: Corporates müssen ein Bewusstsein einer (zumindest teilweisen) Selbstkannibalisierung ihres derzeitigen Geschäfts als Grundannahme einer Öffnung zur Zusammenarbeit zu innovativen Ideen und neuen Geschäftsmodellen mit Startups annehmen. Fehlt dieses Verständnis, dann sind alle Bemühungen und Aktivitäten zum Scheitern verurteilt.

Und last but not least: Langfristig werden nahezu alle Corporates eine Business Transformation starten müssen, um ihr Unternehmen für die (digitale) Zukunft neu aufzustellen. Hier können Startups Enabler und Unterstützer sein, wenn die entsprechende Offenheit und Erkenntnis vorhanden ist.

Wo kann es in Zukunft hingehen, wenn diese Aspekte verinnerlicht und umgesetzt werden?

Im Idealfall könnte hier ein Bild aus der Natur als Blaupause dienen: eine symbiotische Zusammenarbeit. Als Beispiel seien hier die Spezies der Clownfische und der Seeanemonen (eine Korallenart) genannt. Während die Seeanemonen den Clownfischen Schutz vor Raubfischen bieten, sorgen Letztere durch ihre Schwimmbewegungen dafür, dass die Korallen leichter Sauerstoff aufnehmen können.

Dieses Naturphänomen kann sinnbildlich für eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen Corporates und Startups stehen. Und so könnte aus einem (ziemlich unrealistischen) ewigen Honeymoon beziehungsweise Tinder-Date-Aktionismus eine tiefe und nachhaltige Symbiose erwachsen, die dauerhaft Win-Wins für beide Seiten erzielt.

Julian Kawohl wird als Table Captain bei Bits & Pretzels mit dabei sein!

Um das Startup-Ökosystem zu stärken haben die Bits & Pretzels Veranstalter das Table Captain-Prinzip ins Leben gerufen. An jedem Tisch im Schottenhamel-Festzelt wird ein Gast mit besonderer Expertise (CEO, CTO, Investor, Professor, Chief-Editor, etc.), ein sogenannter Table Captain, sitzen. So haben alle Teilnehmer die Möglichkeit in einer angenehmen Networking-Atmosphäre in Konversation mit Experten zu treten und ihr Wissen auf ein anderes Level zu bringen.

Insgesamt werden 300 Table Captains bei Bits & Pretzels mit dabei sein!

  • LeserInnen der Huffington Post bekommen mit dem Zugangscode (BP_HuffingtonPost) auf Bits & Pretzels Tickets einen extra Discount von 10%.
  • Das Gründerfestival „Bits & Pretzels", eines der größten Gründerevents in Europa (www.bitsandpretzels.com), findet vom 27. bis 29. September statt. Über 3.600 Gründer, Investoren und Innovatoren aus aller Welt - vor allem auch aus den Tech-Hochburgen Silicon Valley, London, Tel Aviv, Berlin und natürlich aus München werden erwartet. Als Highlight werden am dritten Tag (29. September) alle 3600 Teilnehmer das Networking im Schottenhamel Festzelt auf dem Oktoberfest ausklingen lassen. Das ist eine Weltpremiere in der 205-jährigen Historie des Oktoberfests.
  • Speaker bei Bits & Pretzels: Unter anderem mit dabei sind die Größen der erfolgreichen digitalen Unternehmen wie Phil Libin (CEO Evernote), Mikkel Svane (Co-Founder & CEO Zendesk), Florian Leibert (Co- Founder & CEO Mesosphere), Pieter van der Does (Co-Founder & CEO Adyen), Florian Gschwandtner (Co-Founder & CEO Runtastic) und Niklas Oestberg (Delivery Hero). Weitere Speaker auf http://www.bitsandpretzels.com/speaker/.
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